ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1999Ärzte-Umfrage 1992 und 1998: Steigende Unzufriedenheit mit Interessenverbänden

THEMEN DER ZEIT: Berichte

Ärzte-Umfrage 1992 und 1998: Steigende Unzufriedenheit mit Interessenverbänden

Dtsch Arztebl 1999; 96(50): A-3233 / B-2597 / C-2349

Schnee, Melanie; Brechtel, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Niedergelassene Allgemeinärzte und Internisten kritisieren die Arbeit ihrer Interessenvertretungen.

Die Kritik der niedergelassenen Allgemeinärzte und Internisten an der Arbeit der ärztlichen Interessenvertretungen nimmt zu. Die bereits nicht sonderlich gute Beurteilung der Verbandsarbeit im Jahr 1992 hat sich 1998 durchgängig verschlechtert. Das ergab eine Studie des Instituts für Angewandte Sozialforschung und des Seminars für Soziologie der Universität zu Köln (siehe Kasten).
Neben politischen Parteien sind auch die Interessenvertretungen am politischen Prozeß beteiligt. Aus Sicht der Verbandsführung muß neben der Sicherung des politischen Einflusses auch die Rückkopplung an die Mitgliederbasis gewährleistet sein. Für die Führungsebene der untersuchten Verbände sind unsere Ergebnisse von Interesse, da die Mitglieder die zentrale Ressource und Bezugsgruppe der Verbandsarbeit sind.
Die Ergebnisse machen generell deutlich, wie wenig zufrieden die Ärzte mit der Arbeit ihrer Berufsorganisationen sind (siehe Tabelle). Es wird kein Wert erreicht, der bei der Note 2,0 oder besser liegt. Auffällig ist das schlechte Abschneiden der Ärztekammern 1998 im Osten (3,81). Verbände mit Pflichtmitgliedschaft werden den Ergebnissen zufolge im Westen und im Osten schlechter beurteilt als die Verbände mit freiwilliger Mitgliedschaft. Eine Ausnahme bilden die KVen im Osten, die besser beurteilt werden als der Hartmannbund. Relativ gut wird die Interessenpolitik des Berufsverbands der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) akzeptiert. Die guten Werte erzielte der BDA nicht nur bei seinen Mitgliedern, die ihn berufspolitisch mit 2,34, wirtschaftlich mit 2,69 beurteilten. Die Nicht-Mitglieder beurteilten ihn berufspolitisch mit 3,08, wirtschaftlich mit 3,18.
Unter dem damaligen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer wurden die Ärzteverbände unerwartet von der Politikformulierung zeitweise ausgeschlossen. Mit dem Gesundheitsstrukturgesetz (GSG) 1993 waren die Parteien in der Lage, einen parteiübergreifenden Gesetzeskompromiß zu finden (Lahnsteiner Kompromiß). Die ärztlichen Verbände gerieten in der Öffentlichkeit unter Rechtfertigungsdruck. Dazu kam die Unzufriedenheit der Basis mit der Interessenpolitik ihrer Verbände. Auf die Frage: "Wie zufrieden sind Sie im Hinblick auf das Zustandekommen und die Realisierung der Interessen der Ärzteschaft bezogen auf das GSG" erhielten wir Werte zwischen 2,98 und 3,96 (1 = sehr zufrieden, 5 = sehr unzufrieden). Die Ärztekammern erzielten erneut die schlechtesten Werte (West: 3,96; Ost: 3,90). Der BDA schnitt erneut am besten ab (West: 2,99; Ost: 2,98).
Die gegenwärtige Diskussion erschwert offenbar die Arbeit übergreifender Verbände und begünstigt Verbände, die eine mitgliederspezifische Berufspolitik betreiben. Dr. Thomas Brechtel, Melanie Schnee


Tabelle Die Zufriedenheit der Befragten mit der Arbeit der Verbände (Mittelwerte auf einer Skala von 1 [sehr gut] bis 5 [sehr schlecht])
1992 1998
West Ost West Ost
Ärztekammer
berufspolitisch 3,21 2,79 3,62 3,62
wirtschaftlich 3,61 3,28 3,77 3,81
Kassenärztliche Vereinigungen
berufspolitisch 3,11 2,73 3,50 3,25
wirtschaftlich 3,34 2,92 3,69 3,38
Hartmannbund
berufspolitisch 3,05 2,72 3,36 3,34
wirtschaftlich 3,16 2,96 3,53 3,59
NAV-Virchow-Bund
berufspolitisch 2,71 2,75 3,02 3,18
wirtschaftlich 2,89 2,96 3,17 3,33
Berufsverband der Allgemeinärzte
berufspolitisch * * 2,48 2,43
wirtschaftlich * * 2,74 2,80
? Daten über die Beurteilung des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands/ Hausärzteverband (BDA) liegen nur für die 1998er Befragung vor.

Das Institut für Angewandte Sozialforschung (Prof. Meulemann) und das Seminar für Soziologie (Prof. Kunz) der Universität zu Köln haben 1992 und 1998 Allgemeinärzte und Internisten aus den alten und neuen Bundesländern zu folgenden Themen befragt: Arbeitszeit, Interessenorganisation, hausärztliche Versorgung, Einkommenssituation. Von den 1992 befragten 1 416 Ärzten haben 275 an der Wiederbefragung teilgenommen. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und von der Bundes­ärzte­kammer sowie dem Deutschen Ärzte-Verlag unterstützt. Wir berichten in vier Teilen über die wichtigsten Ergebnisse.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema