ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2019Nahost-Konflikte: Hoffnung für Kriegsopfer

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Nahost-Konflikte: Hoffnung für Kriegsopfer

Dtsch Arztebl 2019; 116(4): A-136 / B-118 / C-118

Fleck, Klaus

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In dem von Ärzte ohne Grenzen betriebenen Reconstructive Surgery Hospital in Amman erhalten Menschen medizinische Hilfe, die in ihrer Heimat unmöglich wäre.

Der 20-jährige Abdallah aus dem Jemen war zu Hause in Aden, als eine Bombe das Haus seiner Familie traf, ihn schwer an Armen und Abdomen verletzte und er durch die Explosion eine Hand verlor. Die 23-jährige Irakerin Fatima war auf dem Markt in Bagdad, als auch dort eine Bombe explodierte, große Flächen ihrer Haut verbrannte und die Finger ihrer rechten Hand verstümmelte. Das ist einige Zeit her. Doch weil beide gute Chancen haben, dass Spezialisten die Folgen ihrer Verletzungen und Behinderungen noch erheblich reduzieren, wurden sie – wie rund 5 000 Opfer von Kriegs- und Bürgerkriegshandlungen im Nahen Osten vor ihnen – in ein in seiner Form einzigartiges Krankenhaus in die jordanische Hauptstadt Amman gebracht.

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In dem von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) betriebenen Al-Mowasah Hospital for Reconstructive Surgery kümmert sich eine rund 200-köpfige Belegschaft mit Ärzten verschiedener Disziplinen, Physio- und Ergotherapeuten, Psychologen und Sozialarbeitern, Krankenpflege- und weiterem Personal um eine etwa ebenso große Anzahl von Patienten. „Wir holen sie aus ihren Herkunftsländern und -regionen hierher, weil es dort aufgrund fehlender Einrichtungen oder Spezialisten keine Möglichkeiten mehr für eine erfolgreiche Therapie gibt“, erklärt die Klinikdirektorin und Plastische Chirurgin Dr. Eve Bruce. „Dabei geht es nicht um Akutversorgung – diese erfolgte zuvor im Krisengebiet –, sondern um Wiederherstellungschirurgie mit intensiver Rehabilitationsphase.“

Wer kommen darf, entscheidet das klinikinterne Validierungs-Team bei der wöchentlichen Falldiskussion. Es diskutiert die Empfehlungen und Befunde, die von den MSF-Verbindungsärzten (Medical Liaison Officers) aus den Krisenregionen nach Amman geschickt werden. „Unsere Patienten kommen vorwiegend aus dem Irak, dem Jemen und den in Jordanien eingerichteten Lagern für syrische Flüchtlinge, einige auch aus den besetzten palästinensischen Gebieten“, erklärt Eve Bruce. Es sind viele zivile Verletzungsopfer darunter. Circa 20 Prozent sind Frauen, weitere rund 20 Prozent Kinder und Jugendliche. Für die operativen Eingriffe stehen vier Fachärzte für orthopädische Chirurgie, zwei plastische Chirurgen sowie ein Kiefer- und Gesichtschirurg zur Verfügung. Zum weiteren ärztlichen Personal gehören Anästhesisten, Stationsärzte, ein Mediziner für Antibiotic Stewardship und ein Aufnahme-Koordinator. Sein Team kümmert sich auch um die Organisation der jordanischen Visa und der Reisen. Weder dafür noch für den Klinikaufenthalt oder die Behandlung müssen die Patienten etwas zahlen, alle Kosten werden von Ärzte ohne Grenzen übernommen und damit durch Spendengelder finanziert.

Al-Mowasah Hospital: Rund 200 Mitarbeiter kümmern sich um eine etwa ebenso große Zahl von Patienten aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens. Die meisten Patienten bleiben drei Monate und länger. Fotos: Dr. med. Klaus Fleck
Al-Mowasah Hospital: Rund 200 Mitarbeiter kümmern sich um eine etwa ebenso große Zahl von Patienten aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens. Die meisten Patienten bleiben drei Monate und länger. Fotos: Dr. med. Klaus Fleck

„Die meisten Patienten bleiben drei Monate und länger“, berichtet die Irisch-Amerikanerin Eve Bruce, die seit 2010 für Ärzte ohne Grenzen tätig ist. „Die langen Klinikaufenthalte erklären sich dadurch, dass oft mehrere rekonstruktive Operationen und eine lange Rehabilitationsphase benötigt werden. Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem uns nicht nur die physische, sondern auch die mentale Gesundheit der Patienten wichtig ist.“ So erfolgt bei der Erstaufnahme auch eine Evaluierung der individuellen psychischen Situation. „Am häufigsten werden die Diagnosen posttraumatische Belastungsstörung, Depression und Angststörung gestellt“, berichtet Da’ed Almnezil, Leiterin der Klinikabteilung für seelische Gesundheit. Für die Patienten steht dann ein umfangreiches Programm mit psychosozialer Beratung, bei Bedarf psychiatrischen Konsultationen sowie verschiedensten Beschäftigungsangeboten zur Verfügung. Für die Kinder unter den Patienten gibt es darüber hinaus eine kleine klinikeigene Schule mit Spielplatz. Sehr gut, sagt Klinikdirektorin Eve Bruce, werde die Arbeit des MSF-Krankenhauses vonseiten der jordanischen Behörden unterstützt. Das gelte zum Beispiel für die Ausstellung der Visa für einreisende Patienten, wobei es für Ärzte ohne Grenzen kein Auswahlkriterium ist, von welcher Seite der jeweiligen Konfliktregion ein Patient kommt. Nach ihrer Behandlung werden die Patienten wieder an ihren vorherigen Wohnort zurücktransportiert.

11 000 Operationen seit 2006

Eröffnet wurde das MSF-Hospital in Amman 2006 während des Irak-Kriegs. Seitdem wurden bei den bis heute rund 5 000 dort behandelten Patienten mehr als 11 000 Operationen durchgeführt. Die meisten erfolgten wegen orthopädischer beziehungsweise Gliedmaßenverletzungen, vielfach verursacht durch Bombenexplosionen oder Schusswunden, mit Folgen wie nicht oder in Fehlstellung verheilten Knochenläsionen, Knochenverlusten und schweren Weichteildefekten. Zum Therapiespektrum gehören neben den diversen Osteosyntheseformen Knochentransplantationen, Nerven- und Sehnenchirurgie. Patienten, die durch Beschuss oder Bombenexplosionen schwere Verletzungen im Kiefer- und Gesichtsbereich erlitten, erhalten maxillofaziale Rekonstruktionen. Sehr häufig – vor allem bei Frauen und Kindern – sind zudem Verbrennungen und dadurch bedingte ausgeprägte Narbenkontrakturen, deren Beseitigung oft nur in mehreren Schritten erfolgen kann.

Das Ärzteteam in Amman besteht überwiegend aus ortsansässigen Medizinern, die bereits seit Jahren in dieser Klinik arbeiten. „Die meisten der von uns zu behandelnden Verletzungen sind kompliziert und spezifisch für Kriegszonen. Genau dafür haben unsere Ärzte mit ihrer jahrelangen Erfahrung eine hohe Kompetenz entwickelt“, sagt Eve Bruce. Ein Beispiel seien (mittels Fixateur extern vorgenommene) Knochenverlängerungen von 20 Zentimetern und mehr, um etwa osteomyelitisch bedingte Knochendefekte zu schließen. „Fälle, die auf chirurgischen Stationen der meisten Länder extreme Raritäten sind, sind bei uns an der Tagesordnung.“ Mit einer Osteomyelitis kämen viele Patienten aus Kriegsgebieten zu ihnen, sagt die Chirurgin, „und wegen der Vorbehandlungen sind die Erreger oft multiresistent.“ Zur Wundsanierung seien dann nicht nur großflächige chirurgische Débridements nötig, sondern auch eine aufwendige antimikrobielle Infektionstherapie – Grund dafür, dass sich einer der ärztlichen Kollegen ausschließlich mit der Antibiotikatherapie der Patienten befasst.

Spezialisiserte Versorgung: Das Physio- und Ergotherapeutenteam ist speziell für die Behandlung von Menschen mit kriegstypischen Verletzungen geschult.
Spezialisiserte Versorgung: Das Physio- und Ergotherapeutenteam ist speziell für die Behandlung von Menschen mit kriegstypischen Verletzungen geschult.

Intensive Physiotherapie

Der operativen Therapie im Al-Mowasah Hospital folgt fast immer
eine intensive Physiotherapie-Phase. „Dabei geht es um die Wiederherstellung von Mobilität und Funktionalität, nicht nur von Gliedmaßen, sondern zum Beispiel auch nach Kiefergelenkoperationen“, erklärt der leitende Physiotherapeut Hussein Al Mahmoud. Sein Team umfasst rund ein Dutzend Personen, die speziell für die Behandlung von Patienten mit den in Kriegsgebieten typischen Verletzungen geschult wurden. Im Vordergrund stehen manuelle Therapie, Ergotherapie sowie die Anpassung von Orthesen und Prothesen. „Je nach individuellem Bedarf kommen unsere Patienten mehrmals wöchentlich, täglich oder sogar mehrmals täglich zu einer 30-Minuten-Physiotherapie-Sitzung“, so Al Mahmoud. Vor der Entlassung kümmert sich dann ein „Netzwerk-Physiotherapeut“ darum, dass bei Bedarf auch am Heimatort für eine Fortsetzung der Physiotherapie gesorgt wird – etwa in regionalen Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen im jeweiligen Land. Ist keine solche Einrichtung am Heimatort verfügbar, wird ein besonderer Nachsorge-Service angeboten: „Dann“, erklärt Al Mahmoud, „bleibt unser Netzwerk-Physiotherapeut zum Beispiel über WhatsApp oder Skype mit den Patienten in Kontakt, wertet deren Handyvideos von ihren Bewegungsmustern aus und gibt ihnen die notwendigen Übungsanweisungen von Amman aus.“ Dr. med. Klaus Fleck

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