ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2019Nachwuchsärzte: Riskantes „learning by doing“
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Rückblickend auf die eigene MA- und Weiterbildungszeit waren zeitweilige Überstunden weniger das Problem. Denn diese wurden eher als „Ausgleich“ empfunden für die Anleitungszeiten, die sich Oberärzte und Abteilungsleiter täglich nahmen. Das war auch mit deren Eigennutz assoziiert. Sie wollten den „Jungen“ zügig viel Kompetenz in vielen Bereichen vermitteln, dass sie selbst bald entlastet würden. Für die „Jungen“ resultierte daraus eine permanent ansteigende Lernkurve, die zufrieden machte und Selbstbewusstsein gab, sich selbst und den Patienten gegenüber. Abends wohl erschöpft, aber zufrieden nach Hause gehen ließ limitierte Freizeit zu Entspannung werden.

Anders die Situation heute, von eigenen Doktoranden regelmäßig und übereinstimmend berichtet. Das bestätigt aktuell eine MB-Analyse: 74 Prozent im PJ sollen ärztliche Kernleistungen übernehmen – ohne Anleitung und Aufsicht von ärztlichen Betreuern. Vorübergehend und in wenigen Bereichen ist solch ein „learning by doing“ vertretbar, aber nicht als Dauerzustand. Letzterer ergibt sich zwangsläufig aus Personalknappheit. In der Regel ist Besserung nicht in Sicht, da Oberärzte und Abteilungsleiter zeitlich so ausgelastet sind, dass ausreichend Zeit für Anleitung in der Weiterbildung schlicht fehlt.

Die darunter Leidenden in der Weiterbildungszeit bleiben also weit entfernt von eigenen Erfolgserlebnissen auf Kompetenzbasis. Als „Lückenbüßer“ müssen Frustgefühle aufkommen und damit der Beginn von Burn-out.

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Wenn Letzteres bis zur Hälfte der Ärzte betrifft, dann gehen wir einer fatalen Entwicklung in der Medizin entgegen, die Medizin- und Labortechnik nicht kompensieren können. Burn-out bei professionellen Helfern wird von den eigentlich Hilfe bedürftigen Patienten in der Regel erkannt – und sie bekommen nicht die erwartete Hilfe. Der daraus resultierende Schaden braucht mehr wissenschaftliches Interesse.

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. J. M. Wenderlein, 89075 Ulm

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