ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Max Wilms, rastloser Chirurg und Forscher

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Max Wilms, rastloser Chirurg und Forscher

Dtsch Arztebl 2019; 116(4): [68]

Schuchart, Sabine

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In seiner kurzen Schaffenszeit, die sein früher Tod mit 51 Jahren vorzeitig beendete, setzte er Meilensteine. Nicht nur in der Nierenheilkunde, in die der deutsche Chirurg mit dem Wilms-Tumor seinen Namen einschrieb, sondern auch auf weiteren Gebieten der Medizin.

Von Hause aus war für ihn eine juristische Laufbahn vorgezeichnet. Sein Vater Peter Mathias Wilms war Notar und Justizrat, sein älterer Bruder Ernst, ebenfalls Jurist, sollte später als Oberbürgermeister von Posen Karriere machen. Doch Karl Maximilian „Max“ Wilhelm Wilms, der am 5. November 1867 in Hünshoven bei Aachen geboren wurde, erkannte früh seine Berufung, die nicht in der Rechtskunde lag. Nach dem ersten Semester brach er sein Jurastudium ab und studierte fortan Medizin an den vier Universitäten München, Marburg, Berlin und seinem wichtigsten Studienort Bonn. 1890 wurde er in Bonn mit einer Dissertation „Über die Resektion des Oesophagus“ promoviert und legte 1891 mit nur 23 Jahren sein medizinisches Staatsexamen ab. Auch die erste praktische Bewährung für den frischgebackenen Medicus ließ nicht lange auf sich warten: In Köln absolvierte er den zweiten Teil seines einjährigen freiwilligen Militärdienstes als Arzt im Infanterieregiment Nr. 40.

Da stand für Wilms schon fest, dass er Chirurg werden wollte. Als erste Ausbildungsstation wählte er aber eine Assistenz am pathologisch-anatomischen Institut der Universität Gießen, um für sein späteres Fachgebiet eine breite Grundlage zu schaffen. Dort begann er im Rahmen seiner Arbeiten über Mischgeschwülste an Niere, Vagina und Gebärmutterhals auch seine berühmte Studie über Nephroblastome (siehe Kasten). Seine weitere Fortbildung führte ihn für zwei Jahre an das Kölner Augusta-Hospital zum Internisten Otto Leichtenstern, einem renommierten Diagnostiker. Wilms eigentliche chirurgische Karriere begann 1897. Er wurde in Leipzig Assistent seines Doktorvaters Friedrich Trendelenburg, der dort Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik war. Bereits nach zwei Jahren habilitierte sich der junge Mediziner mit ungeheurem Arbeitseinsatz und wurde 1904 in Leipzig zum Professor ernannt. In dieser Zeit entstand unter anderem seine große Monografie über den Darmverschluss, in der er – ein Novum in der Fachliteratur – ein chirurgisches Leiden erstmals auch in internistisch-klinischer Hinsicht umfassend darstellte. Dies trug ihm 1907 einen Ruf nach Basel als Ordinarius für Chirurgie und Direktor der chirurgischen Universitätsklinik ein. In ebendieser Funktion wirkte er von 1910 bis 1918 in Heidelberg.

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„Wilms, übersprudelnd von Ideen, war getrieben von einer fast dämonischen Leidenschaft für Arbeit und Verantwortung. Das wissenschaftliche Werk, das er hinterlassen hat, ist gewaltig“, urteilte Prof. Rudolf Nissen, von 1952 bis 1967 Ordinarius für Chirurgie in Basel, über den Kollegen, der in nur zwei Jahrzehnten mehr als 130 Titel veröffentlicht hatte, darunter mit Wullstein das in mehrere Sprachen übersetzte „Lehrbuch der Chirurgie“. Wilms überblickte noch die ganze Chirurgie und operierte innovativ und mit großer Geschicklichkeit sämtliche Bauchorgane inklusive der Leber, aber zum Beispiel auch das Herz. Ebenso stark forcierte er konservative Behandlungsmethoden: Bei Tumoren und verschiedenen Formen der Tuberkulose, seinen Spezialgebieten, initiierte er mit Erfolg eine Röntgentiefenbestrahlung. Er erfand zahlreiche kreative Eigenkonstruktionen wie eine Rippenquetsche oder einen Wärmeapparat zur Therapie von Gelenkerkrankungen.

Seine letzten Lebensjahre waren bestimmt vom Ersten Weltkrieg, der letztlich auch den Tod des gerade 50-Jährigen herbeiführte. Im Mai 1918 operierte Wilms einen französischen Kriegsgefangenen, der an septischer Diphterie erkrankt war. Der Patient wurde geheilt, aber Wilms infizierte sich mit der schweren Krankheit und starb kurze Zeit später. Sabine Schuchart

1899 verfasste der Chirurg Dr. Max Wilms (1867–1918) seine viel beachtete Arbeit „Die Mischgeschwülste“. Darin beschrieb er einen bösartigen Nierenkrebs bei Kindern, den heute jeder Mediziner unter dem Begriff Wilms-Tumor kennt. Auf das Nephroblastom war der junge Wilms erstmals während seiner Ausbildung in der Pathologie in Gießen bei seinen Untersuchungen von Gewebs- und Zellproben gestoßen. Dessen Entstehung aus embryonalen Nierengeweberesten erläuterte er so differenziert und schuf damit die Voraussetzungen für die histologisch basierte Diagnose, dass die Krankheit trotz vorhergehender ärztlicher Erstbeschreibungen seinen Namen erhielt. Der Wilms-Tumor ist das häufigste Nierenkarzinom bei Kindern mit einem Gipfel zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr. Er steht für etwa sechs bis acht Prozent aller malignen Tumore im Kindesalter. Die Heilungschancen sind heute glücklicherweise gut.

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