ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2019Rechtsreport: Unterlassene Stanzbiopsie gilt als Behandlungsfehler

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Rechtsreport: Unterlassene Stanzbiopsie gilt als Behandlungsfehler

Dtsch Arztebl 2019; 116(4): A-160 / B-136 / C-136

Berner, Barbara

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Unterlässt ein Gynäkologe bei einem auffälligen Tast- und Sonografiebefund die Stanzbiospsie zum sichereren Ausschluss einer Krebserkrankung, liegt ein Behandlungsfehler vor. Das hat das Oberlandesgericht (OLG) Hamm entschieden. Im vorliegenden Fall hatte eine Gynäkologin eine Patientin mit unklarem Tastbefund in der rechten Mamma zunächst zur Mammografie an eine Radiologin überwiesen. Diese führte eine digitale Mammografie in zwei Ebenen durch und stufte den Gesamtbefund als fibrozystische Mastopathie ohne Malignitätsnachweis (BI-​RADS 1 bei ACR-​Typ III) ein. Die Schmerzen der Patientin nahmen jedoch innerhalb weniger Wochen zu. Sie bemerkte zudem eine Vergrößerung der ertasteten festen Struktur in der rechten Brust. Die Gynäkologin dokumentierte nach erneuter Palpation, dass sich in der rechten Mamma unverändert eine glatte druckdolente verschiebliche Resistenz fand. Die Patientin lehnte eine Sonografie ab und wechselte stattdessen den Arzt. Dieser stellte nach Tastuntersuchung die Verdachtsdiagnose Mastitis non puerperalis. Bei einer Kontrolle erhärtete sich jedoch der Verdacht auf ein Karzinom. Eine Mammografie ergab einen tumorverdächtigen progredienten Befund in der rechten Brust. Zudem zeigte sich rechts axiliär ein tumorsuspekter Lymphknoten. Nach Stanzbiopsie wurde ein invasives solides duktales Mammakarzinom diagnostiziert. Die Patientin starb vier Jahre später, weil sich multiple intracerebrale Metastasen gebildet hatten.

Die Familie der Verstorbenen klagte gegen die Gynäkologin, weil diese den Beschwerden ihrer Patientin nicht ausreichend nachgegangen sei. Ein vom Gericht beauftragter Sachverständiger hielt es für fehlerhaft, dass die Gynäkologin den palpatorisch und sonografisch suspekten Befund nicht feingeweblich habe abklären lassen. Da der Befund nicht eindeutig als gutartig eingestuft werden konnte, sei eine Stanzbiopsie medizinisch indiziert gewesen. Aus der Behandlungsdokumentation gehe jedoch nicht hervor, dass die Gynäkologin ihre Patientin entsprechend beraten habe. Die fehlerhafte Behandlung habe dazu geführt, dass der Patientin die rechte Brust amputiert werden musste und sich ihre Überlebenswahrscheinlichkeit verringert habe. Der Radiologin könne dagegen kein Behandlungsfehler vorgeworfen werden. Sie habe lediglich den Auftrag gehabt, eine Mammografie zu erstellen. Haftbar sei allein die Gynäkologin.

OLG Hamm, Urteil vom 12. Oktober 2018, Az.: I-26 U 172/17, 26 U 172/17. RAin Barbara Berner

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