ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Motilitätsstörungen im Verdauungstrakt: Volle Zustimmung

MEDIZIN: Diskussion

Motilitätsstörungen im Verdauungstrakt: Volle Zustimmung

Barnert, Jürgen; Wienbeck, Martin; Schmidt, Thomas; Pfeiffer, Albrecht; Kaess, Herbert

Zu dem Beitrag von Dr. med. Jürgen Barnert und Prof. Dr. med. Martin Wienbeck in Heft 4/1996
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die von den Autoren gegebene Darstellung der intestinalen Motilität beim irritablen Darm (IBS), insbesondere die Tatsache, daß keine der beschriebenen Veränderungen für das Krankheitsbild spezifisch ist, verdient volle Zustimmung. So konnte die an kleinen Patienten- und Kontrollgruppen (n<16) gewonnene Hypothese (Literaturstellen 53, 54 des Artikels), es könne sich bei den im Dünndarm registrierten "discrete clustered contractions (DCC)" um einen IBS-spezifischen Marker handeln, der sogar oft mit den Beschwerden der Patienten assoziiert ist, durch neuere Studien keineswegs bestätigt werden. Eigene Untersuchungen zeigen, daß DCC ein durchaus auch bei Gesunden beobachtetes motorisches Muster sind (1). In einer Studie an 35 IBS-Patienten und 50 Gesunden mittels ambulanter 24-h-Dünndarmmetrie (2) und computergestützter Datenanalyse (3) wiesen 52 Prozent der Normalpersonen und 57 Prozent der Patienten DCC auf, wenngleich bei 23 Prozent der Patienten dieses Muster von abnorm langer Dauer war. Eine Assoziation zu den abdominellen Beschwerden bestand nicht. Bei nur weniger als der Hälfte aller Patienten (43 Prozent) war ein außerhalb des Normbereichs gelegener Befund zu erheben. Ein manometrischer Parameter, der die Unterscheidung der Patientengruppe von den Kontrollen ermöglichte, konnte somit nicht ermittelt werden. Erwähnenswert erscheint jedoch, daß bei 8,6 Prozent der untersuchten Patienten, bei denen aufgrund von Anamnese und eingehender Diagnostik keine andere Diagnose als ein Reizdarmsyndrom gestellt werden konnte, die Langzeitmanometrie Befunde wie bei intestinaler Pseudoobstruktion (4) aufwies. Die Dünndarmmotilität beim Reizdarmsyndrom erweist sich somit als sehr heterogen und reicht von Normalbefunden bis hin zu eindeutig pathologischen Veränderungen.


Literatur
1. Schmidt T, Widmer R, Pfeiffer A, Kaess H: Effect of the quarternary ammonium compound trospium chloride on 24 hour jejunal motility in healthy subjects. Gut 1994; 35: 27–33
2. Schmidt T, Hackelsberger N, Widmer R, Meisel C, Pfeiffer A, Kaess H: Is small bowel motility abnormal in the irritable bowel syndrome? Gastroenterology 1995; 108: A685; Scand J Gastroenterol (in press)
3. Widmer R, Schmidt T, Pfeiffer A, Kaess H: Computerized analysis of ambulatory long-term small bowel manometry. Scand J Gastroenterol 1994; 29: 1076–1082
4. Stanghellini V, Camilleri M, Malagelada JR: Chronic idiopathic intestinal pseudo-obstruction: clinical and intestinal manometric findings. Gut 1987; 28: 5–12


Dr. med. Thomas Schmidt
PD Dr. med. Albrecht Pfeiffer
Prof. Dr. med. Herbert Kaess
II. Medizinische Abteilung
Gastroenterologie und Hepatologie
Städtisches Krankenhaus
München-Bogenhausen
Englschalkinger Straße 77
81925 München


Schlußwort
Wir danken Herrn Prof. Dr. Kaess für seinen fundierten Diskussionsbeitrag. Er unterstreicht die in unserem Artikel gemachte Aussage, daß Funktionsstörungen des Magen-Darmtraktes – wenn überhaupt – nicht alleine durch Motilitätsstörungen erklärt werden können. Eine wesentliche Rolle in unserem heutigen Verständnis zu diesem Problemkreis spielt eine viszerale Hyperalgesie, wobei hierzu unser Wissen noch unvollständig ist. Die Beobachtung der Arbeitsgruppe von Herrn Prof. Dr. Kaess, daß abnorme Motilitätsmuster wie bei der intestinalen Pseudoobstruktion auch bei einem Teil der Patienten mit den Kriterien eines Reizdarmes beobachtet werden können, mag ein weiterer Hinweis auf die Heterogenität dieses bisher nur symptom definierten Syndroms sein. Ähnliche Beobachtungen konnten auch wir bei Dünndarmmanometrien von einzelnen Patienten mit Symptomen eines Reizdarmes machen.


Prof. Dr. med. Martin Wienbeck
Dr. med. Jürgen Barnert
III. Medizinische Klinik
Zentralklinikum Augsburg
Stenglinstraße 2
86156 Augsburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote