ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2019Luftschadstoffe: Bärendienst

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Luftschadstoffe: Bärendienst

Dtsch Arztebl 2019; 116(5): A-177

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Vergangene Woche geriet die erbitterte Diskussion um Fahrverbote zu einer Farce. Zunächst diskreditierte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Vorschläge der von ihm selbst eingesetzten Kommission zur Erreichung der Klimaziele als „gegen jeden Menschenverstand“. Vorgeschlagen hatte die Arbeitsgruppe unter anderem ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen, eine Neuzulassungsquote für Elektro-Pkw und eine Umgestaltung der Energiesteuern. Die Bild-Zeitung nannte dies „irre Vorschläge“. Ein paar Tage später legte das Boulevardblatt nach. Aber weder der Wirtschaftsflügel der Union noch die Autoindustrie unterstützten – gewollt oder ungewollt – die Politik des Bundesverkehrsministers, nein, es waren 112 Pneumologen. Diese stellten die Feinstaub- und Stickoxidgrenzwerte in Deutschland infrage und forderten eine Neubewertung.

Nun lässt sich über die Entstehung von Grenzwerten trefflich streiten (siehe Seite 200). Wissenschaftler und Politiker sind dabei selten kongeniale Partner, denn schlussendlich entscheidet die Politik, welche Grenzwerte in einem Gesetz festgeschrieben werden. Die von den Pneumologen kritisierten Werte wurden allerdings bereits 2008 in der Europäischen Union festgelegt. Bis heute hat sich daran kaum jemand gestört. Nun drohen aber Fahrverbote. Dass jetzt Lungenärzte eine vielleicht rein wissenschaftlich nachvollziehbare Diskussion anstoßen, ist politisch und vor allem in ihrer medialen Wirkung in der Bevölkerung fatal.

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So liest man in der Bild-Zeitung: „Aufstand der Ärzte gegen Feinstaub-Hysterie“. Aber es sind eben nicht alle Ärzte, sondern die 112 Unterzeichner der zweiseitigen Stellungnahme – von 3 800 Mitgliedern, die diese als Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) erhalten hatten. Damit stellt sich die Initiative gegen ein 50-seitiges Positionspapier ihrer eigenen Gesellschaft von Ende 2018, in dem es heißt: „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt.“ Auch das Forum der Internationalen Lungengesellschaften reagierte und schreibt in einer Stellungnahme: „Schäden enstehen sogar unterhalb der Grenzwerte.“ Weitere Pneumologenverbände distanzierten sich ebenfalls.

Kopf der Grenzwertkritiker ist Prof. Dr. med. Dieter Köhler, früherer DGP-Präsident, der sich auch mal dazu hinreißen lässt, die Gefahren von Feinstaub durch einen Vergleich mit dem Rauchen zu verharmlosen: „Junge Raucher fallen doch auch nicht nach einem halben Jahr tot um.“ Ein gefundenes Fressen für die Medienwelt und ein Bärendienst für die wissenschaftliche Auseinandersetzung, die so im Keim erstickt wird.

Man muss über Grenzwerte diskutieren, gerade wenn es um die Gesundheit geht. Auch das Deutsche Ärzteblatt hat einen Beitrag von Köhler im November vergangenen Jahres veröffentlicht. Immer aber mit einer Gegenposition, die dem Leser eine Einordnung ermöglicht.

Die jetzige Initiative ist ein Paradebeispiel für ein mediales Fiasko: Nicht die monierten Grenzwerte bleiben in Erinnerung, sondern eine Verharmlosung der Feinstaub- und Stickoxidbelastung. Zu allem Überfluss gehören Lobbycontrol zufolge zu den Autoren der Stellungnahme der Chef des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, Matthias Klingner, und Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie. Letzterer hat zehn Jahre lang für die Daimler AG gearbeitet. Im Land des Mercedessterns würde man sagen: Das hat ein Gschmäckle.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 12. Februar 2019, 15:16

Hier zählen m.E. nur Fakten!

„Die Rolle der Luftschadstoffe für die Gesundheit“ -
"Eine Expertise im Namen der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie (ISEE) und der European Respiratory Society (ERS)"
http://www.isee-europe.com/uploads/1/1/7/1/117162855/rolle_der_luftschadstoffe_f%C3%BCr_die_geundheit_expertise_isee_ers_final.pdf
kann nach wie vor nicht erklären, warum ausgerechnet Diesel-betriebene Fahrzeuge und diese auch noch unabhängig von Größe, Leistung, Verbrauch, Nutzungsdauer bzw. Automobile insgesamt im individuellen Straßenverkehr für bestimmte Emissionen und Immissionen allein verantwortlich gemacht werden sollen.

Mit „Feinstaub sind Partikel kleiner als 10 Mikrometer, die vielfältige Quellen haben. Feinstaub wird durch Kraftfahrzeuge, Kraft- und Fernheizwerke, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern, sowie Industrieanlagen erzeugt, die unmittelbar Partikel freisetzen. Zusätzlich stoßen diese Quellen auch die gasförmigen Vorläuferschadstoffe Schwefeldioxid und Stickoxide aus und Ammoniakemissionen der Landwirtschaft tragen ebenfalls zur Bildung von Feinstaub in der Atmosphäre und damit zur Belastung bei. Feinstaub hat auch einen natürlichen Ursprung, beispielsweise als Folge von Bodenerosion oder Freisetzung von Partikeln durch Pflanzen und Mikroorganismen“ wird deutlich, dass Kraftfahrzeuge nur einen Bruchteil der Emittenten ausmachen können.

Auch das eingangs erwähnte „Ozon entsteht in Bodennähe bei intensiver Sonneneinstrahlung durch photochemische Prozesse aus Vorläuferschadstoffen – überwiegend Stickstoffoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen“ ist damit offensichtlich eher ein „Schönwetterphänomen“?

Ebenfalls in der Einleitung wird berichtet: „Stickstoffoxide (Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid) entstehen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle. Stickoxide sind wichtige Vorläufer von Ozon und tragen zur Bildung von Feinstaub bei.“
Wenn allein „der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle“ in Ballungsgebieten sein solle, unterstellt dies dortselbst paradoxerweise die geballte Abwesenheit von Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. Das ist aber nicht der Fall; bzw. in Höhe der Abluftöffnungen für derartige Feuerungsanlagen befinden sich auch keine Messstationen.

Die Fragestellungen:
- „Wie wirken die Luftschadstoffe Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid auf die Lunge?“
- „Wie werden die Wirkungen der Luftschadstoffe in wissenschaftlichen Studien untersucht?“
- „Welche Krankheiten werden durch die Luftschadstoffe verursacht?“
- „Sind die Wirkungen der Luftschadstoffe unabhängig voneinander?“
Waren nicht wirklich Gegenstand der kritischen Stellungnahme von Dieter Köhler et al.
https://www.lungenaerzte-im-netz.de/fileadmin/pdf/Stellungnahme__NOx_und__Feinstaub.pdf


- „Wie werden die Empfehlungen für Richtwerte abgeleitet?“
- „Wie werden aus Empfehlungen Grenzwerte?“
belegen m. E. eindeutig ordnungspolitische Vorgaben: In dem systematisch und gezielt bestimmte Emittenten ausgeblendet werden, um sich auf spezielle Emittenten aus dem Straßenverkehr zu fokussieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


Glossar
Emission ist der Ausstoß von gasförmigen oder festen Stoffen, die Luft, Boden oder Wasser verunreinigen. Verursacher von Emissionen sind sogenannte Emittenten (die Sender). Damit sind in der Regel die technischen Anlagen gemeint, die die verunreinigenden Stoffe an die Außenwelt abgeben. Dazu gehören Industriebetriebe, Kraftwerke, Autos und auch Heizungsanlagen. Durch gesetzliche Maßnahmen ist für viele Anlagen und Einrichtungen die Höhe der zulässigen Emissionsraten festgelegt.

Immission ist die Einwirkung von Verunreinigungen der Luft, des Bodens und des Wassers auf lebende Organismen oder Gegenstände wie beispielsweise Gebäude oder Menschen (die Empfänger). Durch gesetzlich festgelegte Höchstwerte ist für viele Stoffe die zulässige Immissionskonzentration festgelegt.

Auch nichtstoffliche Belastungen wie Schall oder Strahlung werden über die Emission oder die Immission beschrieben.
Avatar #715180
DrSchnitzler
am Sonntag, 3. Februar 2019, 02:56

Bärendienst.. oder Bären aufgebunden?

Hans Koberstein (ZDF-Redaktion "Frontal 21") schreibt mir auf eine Kritik an der Sendung vom 29.01.19 ("Dicke Luft") u.a.:

»Zur Diskussion dieser Zusammenhänge hat sich eine wissenschaftliche Praxis etabliert: Erkenntnisse werden nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben gewonnen und gemäß wissenschaftlicher Qualitätsstandards publiziert (peer-review). Metastudien, die eine Untersuchung von wissenschaftliche Studien (peer-reviewed) darstellen, spielen dabei eine wichtige Rolle, wenn sie, was häufig der Fall ist, dem Peer-Review unterliegen.

Das Ärzteblatt spielt in diesen Diskussionen keine Rolle.

Herr Prof. Köhler hat zu Fragen von NO2/PM10/PM2,5 und Gesundheit in seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn keine einzige wissenschaftliche Publikation vorzuweisen. (...)
Man könnte auch polemisch sagen: Laute Meinung, aber keine einzige wissenschaftliche Publikation dahinter.«

=> "Das Ärzteblatt spielt ... keine Rolle". Ach ja. Ich dachte, es ginge um Argumente, nicht um so etwas wie den "Impact-Factor". Wie man sich doch irren kann.

Und na klar, Herr Koberstein: Epidemiologie ist eine GEHEIMWISSENSCHAFT. Zu der haben UNWÜRDIGE keinerlei Zugang (... oder etwa doch?).

Sie, Herr Schmedt, argumentieren auffallend mit "Mehrheiten". Schön und gut. Reicht das?

Sollte man nicht zunächst einmal "Objektivität" auf seiner Seite haben?

FALLS es hier um so etwas wie "Scharlatanerie" geht (selbst wenn sie noch so wohl gemeint ist), MÜSSEN Ärzte sich melden. Das ist unsere "VERDAMMTE PFLICHT UND SCHULDIGKEIT".

Ähnlich Claudia Traidl-Hoffmann (31.1.2019, ZDF-Sendung "maybrit illner“): es existierten inzwischen über 70.000 (in Worten: SIEBZIGTAUSEND!) Studien zum Thema.

FRAGE: wieviele Studien brauchte Robert Koch, um die Ursache von Tuberkulose überzeugend darzulegen? Wieviele Studien braucht eine Pharmafirma, um Wirkung und Risiken eines Arzneimittels erschöpfend zu untersuchen?

SIEBZIGTAUSEND Studien. Widersprüchlichste Aussagen. Nach Jos Lelevield – 17.1.19, ARD/"Monitor" – sterben jährlich 120.000 NICHTRAUCHER – "genau so viele wie Raucher"; SEINE Worte – am Feinstaub/NOx. Nach IHREN Aussagen geht es um bestimmte, besonders empfindliche Risikogruppen. Und alle beziehen sch auf quasi "dieselbe Studienlage"? Wie passt das denn – in toxikologischer Hinsicht – zusammen? WAS GENAU kann man denn jetzt SERIÖS sagen?

Für ihre Entdeckung von 'Stickstoffmonoxid als Signalmolekül im Herzkreislaufsystem' wurden Robert F. Furchgott, Louis J. Ignarro und Ferid Murad (alle USA) 1998 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Sic.

Gibt es also NUR toxische Wirkungen? Oder sogar so etwas wie einen "Tagesbedarf" (vgl. Arsen: ca. 25mcg; Arsen-MANGEL kann bspw. zu Wachstumsstörungen führen...)?

A propos "Peer-Review":
in der Sendung wurde ein über 1.000-seitiger Bericht der "United States Environmental Protection Agency" präsentiert (2016: Integrated Science Assessment for Oxides of Nitrogen – Health Criteria; EPA/600/R-15/068 | January 2016 | www.epa.gov/isa). Dort ist (Präambel, Abschnitt "b. Epidemiology", Seite xlvii) beispielsweise zu lesen:

»When a risk factor is a confounder, it is the true cause of the association observed between the exposure and the outcome«

=> "IT IS THE TRUE CAUSE OF THE ASSOCIATION".

DAS ist aber jetzt "wissenschaftlich fundiert". Aha. DEN Peer-Review möchte ich gerne mal sehen. (Oder ist das etwa nicht doch "Interpretation"? Ach ja. Ist ja eine Geheimwissenschaft. Kann ja sonst auch niemand beurteilen.)

Folgendes stand nur im Ärzteblatt (spielt also keine Rolle, laut Herrn Koberstein); dennoch:

Karl-Heinz Jöckel (2001; Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Schlusswort. Deutsches Ärzteblatt 13:A847-8):
»(…) dass ich keinesfalls das Passivrauchen als genügende und/oder notwendige Bedingung für die Manifestation des Lungenkrebses darstellen wollte. (…)
Absolut unhaltbar ist [die Gleichsetzung] signifikante[r] Korrelationen mit kausalen […]. Es gehört zu den Präliminarien jedes epidemiologischen Standardlehrbuches, auf diese Problematik hinzuweisen.«

Ähnlich Dietrich Plaß (Abteilung Umwelthygiene, Umweltbundesamt (UBA), Dessau-Roßlau): »Epidemiologische Studien können, wie oben beschrieben, keine Aussage zur Kausalität liefern (...) ‚Epidemiologisch ist ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und bestimmten NO2-Exposition im Sinne einer adäquaten Kausalität nicht erwiesen’ wäre daher aus Sicht des UBAs korrekt, wenn sie ergänzt würde durch ‚…zwar nicht erwiesen, weil dies methodisch nicht möglich ist, aber als sehr naheliegend zu beurteilen’.«

"Methodisch nicht möglich". Sic. Eine Gleichung mit lediglich drei Unbekannten ist mathematisch nicht lösbar. Unbekannt viele geht jetzt aber.

Ist es nicht in der Tat eine "Geheimwissenschaft", wenn die Herleitung von "Tatsachenbehauptungen" ("true cause of the association") aus "Berechnungen" ("risk factor") ein wissenschaftliches "Geheimnis der Verfasser" ("absolut unhaltbar") bleibt?

Wenn – weiter gedacht – auch noch ganz im Ernst gefordert wird, die HEIZUNGEN in Privathäusern ABZUSCHALTEN (Manfred Neuberger, 2008: Feinstaub und akutes Koronarsyndrom): dürfen wir demnächst "für die Umwelt" auch noch (ER)FRIEREN? Na vielen Dank.

Thema "Bärendienst": FALLS man hier aber versucht, uns allen einen RIESENBÄREN AUFZUBINDEN, und sei es allein, weil es "methodologisch NICHT MÖGLICH" ist (wofür ja wohl 70.000 Studien OHNE wirklich verwertbare Ergebnisse – Seite 200 – wohl eine überdeutliche Sprache sprechen?): darf diese "Verschwendung" immer so weiter gehen? Müssen – auch öffentliche – Forschungsgelder nicht endlich in WICHTIGE(RE) Kanäle fließen?

Es gibt verdammt viele, verdammt kranke Menschen.

DIE sitzen täglich in unserer Sprechstunde. Brauchen DIE nicht VIEL DRINGENDER unsere Hilfe ??????? (Und nicht diese "Spinner", die uns allen mit ihren permanenten Weltuntergangsszenarien – seit Jahrtausenden – immer nur das Geld aus der Tasche ziehen. Sorry, musste jetzt mal raus.)

Wie steht schon in der Bibel: "der GESUNDE braucht keinen Arzt". Trifft das etwa nicht mehr zu?

Lassen wir uns hier ETWA NICHT "instrumentalisieren"? Und das auch noch zu LASTEN unserer Patienten?