ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2019Von schräg unten: Push

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Push

Dtsch Arztebl 2019; 116(5): [64]

Böhmeke, Thomas

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Der ärztliche Beruf hat so seine Eigenheiten. Unter anderem nehmen wir gerne unsere Arbeit mit nach Hause. Das unterscheidet uns beispielsweise von Menschen, deren berufliche Tätigkeit mit dem Führen von Teermaschinen für den Straßenbau ausgefüllt ist. Auch eine für das Wohlbefinden der Allgemeinheit äußerst wichtige Aufgabe, die im trauten Heim aber etwas deplatziert ist. Mir gehen grade all die Schicksale meiner Schutzbefohlenen durch den Kopf, ich frage mich, ob ich etwas nicht genügend beachtet habe, ob noch etwas ungeklärt ist. Aber langsam sollte ich davon etwas Abstand nehmen, mich mit den Sorgen um meine Patienten um den Schlaf zu bringen, denn es ist spätabends.

Außerdem bietet die moderne Technik wunderbare Möglichkeiten, sich auch außerhalb der Sprechstunde mit dem betreuenden Arzt zu wichtigen Fragestellungen zu beraten, die Kontaktaufnahme über elektronische Medien ist jederzeit möglich. Über E-Mail oder noch besser über Pushnachrichten auf dem Mobilfunk. Push als freundlich gemeinter Schubs, noch mal die Medikamentendosierung zu erläutern, die Störwirkungen von Statinen, die Erfolge eines Eingriffs. Ich sollte mir jetzt auch mal einen Schubs geben, die gleich Fledermäusen zwischen meinen Schädelknochen hin- und herflatternden Grübeleien zu beenden, es wird mittlerweile Mitternacht, und ich kann immer noch nicht schlafen.

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Vielleicht sollte ich mich an den Computer setzen und den Vortrag vorbereiten, der mich in Kürze bedroht. Gute Idee! Also, ran an das Gerät, alle Programme hochfahren. So, wie fange ich an? Erst mal den Rahmen formatieren, die inhaltlichen Schwerpunkte richtig setzen * Ping! * … oh Pardon, ich habe grade eine Mail bekommen, ich muss kurz mal reingucken ... Ach, das ist der Sohn der betagten Patientin, die ich vorige Woche in der Akutsprechstunde im Krankenhaus gesehen hatte. Das ist doch rührend, wie er um sie besorgt ist, er fragt an, ob die Medikamentendosierungen wirklich korrekt sind. Ja, das sind sie, so antworte ich ihm, und ich hoffe, dass es der alten Dame schon merklich besser geht.

Nun, zurück zum Vortrag, wo war ich stehen geblieben ... ach ja, die Schwerpunkte muss ich erst mal alle auflisten und in die richtige Reihenfolge setzen, damit * Ping! *... was will der schon wieder? Der Mutter würde es besser gehen, das ist ja schön zu hören. Ich hätte aber versäumt, einen Kontrolltermin zu verabreden, so ginge das nicht. Nein, das habe ich nicht, denn ich hatte sie gebeten, sich mit meinem Arztbrief bei einem niedergelassenen Kardiologen vorzustellen; die Akutsprechstunde ist für akute Notfälle vorgesehen. Wie der Name schon sagt. Basta. So, und jetzt zurück zum Vortrag, wo hing ich grade fest? * Ping! * Ich soll gefälligst einen Termin bei einem solchen Kardiologen vereinbaren, und zwar sofort. Jetzt reicht es langsam! Lieber Sohn, es ist mittlerweile ein Uhr in der Nacht, wie stellt er sich das vor, dass ich um diese Unzeit einen Termin beim niedergelassenen Kollegen verabreden soll?! * Ping! * Ich solle mich nicht so anstellen, schließlich wäre er grade in New York, da ist es noch früh am Abend, er würde in einer Bar sitzen und Dinge regeln. Wenn das mit der Terminvereinbarung jetzt nicht möglich sei, wofür er allerdings im Zeitalter der Vernetzung wenig Verständnis hätte, könnte ich mich ja gleich morgen früh darum kümmern. Ich glaub, mir fährt grade ein Straßenfertiger ins Kreuz. Pushnachrichten? Teeren und federn!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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