ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2019Kassenärztliche Bundesvereinigung: Jede Minute verschwindet Arztzeit

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Kassenärztliche Bundesvereinigung: Jede Minute verschwindet Arztzeit

Dtsch Arztebl 2019; 116(5): A-183 / B-159 / C-159

Beerheide, Rebecca

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Es ist eine große Zahl: Bis zum Jahr 2025 verliert die Versorgung laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 2 243 865 898 Minuten Arztzeit – der Fachkräftemangel schlage auch unter Ärztinnen und Ärzten voll zu. Damit will die KBV den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter vor weiteren Einschnitten warnen.

Die Uhr läuft: Der KBV-Vorstand (Thomas Kriedel, Stephan Hofmeister, Andreas Gassen, von links) werben für Gesetzesänderungen. Die Arztzeit-Uhr steht jetzt im Gebäude der KBV an der Wegelystraße im Berliner Bezirk Tiergarten (rechts). Fotos: Georg J. Lopata und KBV
Die Uhr läuft: Der KBV-Vorstand (Thomas Kriedel, Stephan Hofmeister, Andreas Gassen, von links) werben für Gesetzesänderungen. Die Arztzeit-Uhr steht jetzt im Gebäude der KBV an der Wegelystraße im Berliner Bezirk Tiergarten (rechts). Fotos: Georg J. Lopata und KBV

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat erneut dafür geworben, entscheidende Änderungen am aktuellen Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vorzunehmen. Speziell vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels erinnerte die KBV daran, dass auch die Arbeitszeit von Ärzten knapper werde. „Rein rechnerisch verschwinden mit jeder Minute insgesamt 474 Arztminuten“, erklärte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der KBV, Ende Januar in Berlin. Dieser Verlust entstehe, weil immer mehr Ärzte in Anstellung arbeiteten, viele sich eine stärkere Vereinbarkeit von Arztberuf und Familie wünschten und es auch im niedergelassenen Bereich immer mehr Teilzeitarbeitsmodelle gebe.

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„Um das aber klarzustellen: Die angestellten Ärztinnen und Ärzte leisten eine medizinisch hervorragende Arbeit, aber ihr zeitliches Wirken ist logischerweise durch Arbeitsverträge auf maximal 40 Stunden begrenzt“, sagte Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der KBV.

Daher mache der aktuell vorgelegte Gesetzesentwurf „in der derzeitigen Fassung durch massive Eingriffe in Praxisabläufe die Rahmenbedingungen für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen immer unattraktiver“, erklärte Gassen. Denn das Gesetz betreffe vor allem die selbstständig tätigen Ärzte in eigener Praxis.

Digitalisierung wird nicht helfen

Um die Forderung zu untermauern, rechneten die KBV-Vorstände vor, dass bei einer gleichbleibenden Entwicklung der Arztzahlen bis zum Jahr 2025 rund 2 243 865 898 Minuten Arztzeit der Versorgung entgehen. Das sind umgerechnet 21 249 sogenannte Vollzeitäquivalente, also Menschen, die etwa 40 Stunden pro Woche arbeiten.

Die KBV geht davon aus, dass selbstständig tätige Ärzte im Schnitt 52 Stunden pro Woche arbeiten, bei vielen Angestellten rechnen sie zwischen 38,4 und 40 Stunden, die in den Arbeitsverträgen vereinbart sind. Diese Zahlen hat die KBV in einer Art Countdown-Uhr aufbereitet, die pro Sekunde 7,9 Minuten Arztzeit verlieren soll.

Dr. rer. oec. Thomas Kriedel, Mitglied im KBV-Vorstand und dort unter anderem zuständig für Digitalisierung, warnte davor, sich zu viel von digitalen Praxisabläufen zu versprechen. „Eine Arztminute bleibt eine Arztminute, analog wie digital.“ Videosprechstunden bringen dem Arzt keine Zeitersparnis, chronisch kranke Menschen müssen weiterhin ihren Arzt sehen.

Das TSVG müsse noch in einigen Punkten geändert werden, forderte Gassen. „Es passt einfach nicht in die Zeit, dass Politik sich mehr in die Praxen einmischt.“ Die KBV arbeite daran, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) neue Vorschläge vorzulegen, wie in einzelnen Regionen die Versorgung verbessert werden kann. „Man kann nicht die gleichen Rezepte in der Großstadt und auf dem Land anwenden. Es muss einen bundesweiten Rahmen und regionale Spielräume geben.“ Mitte Februar findet eine weitere Anhörung zum TSVG im Bundestag statt.

Gassen und Hofmeister kritisierten auch den Fokus des Gesetzes auf die offenen Sprechstunden. „Es ist nicht definiert, was eine Sprechstunde genau ist“, so Hofmeister. Gassen befürchtet, dass für die Überweisung in eine offene Sprechstunde bei Fachärzten der Hausarzt weitere Bürokratie bekommt. Rebecca Beerheide

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