ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2019Metaphysische und kulturelle Aspekte
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Übersichtsarbeit (1) klammert metaphysische und kulturelle Fragen ausdrücklich aus. Daher ist sie weder als profunde Aufklärung für potenzielle Organspender noch als Grundlage eines allgemein bindenden Gesetzes konsensfähig, nicht einmal innerhalb der Ärzteschaft. Die Autoren übergehen alle Menschen, für die Bewusstsein (mit den Worten Max Plancks) fundamental ist. Aus dieser Sicht sind Hirntote Todgeweihte, deren Lebensverlängerung nicht geboten ist, die dabei aber weder tot noch empfindungslos sind, sondern sterbend, leidend und wehrlos, nicht in der Lage, ihr Innenleben mitzuteilen, weil ihnen das Werkzeug Gehirn fehlt.

Auch aus medizinischer Sicht ist der Bericht nicht unangreifbar:

  • Ein Gesamtausfall des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms ist mit gegenwärtig verwendeten diagnostischen Mitteln nicht nachweisbar (2). Die Hirntodkriterien schließen nicht aus, dass Teile des Gehirns äußere Reize wahrnehmen und auf äußere Reize reagieren können (3).
  • Dass die Organe des Organismus eine eigene, vom Gehirn unabhängige koordinierende Funktion haben, lässt sich schwerlich mit einem Satz widerlegen. Auch besteht zwischen dem Gesamtausfall und der Isolierung eines Organs ein erheblicher Unterschied.
  • Historisch lässt sich sehr wohl belegen, dass die Harvard-Kommission mit der Hirntoddefinition in erster Linie einem Bedürfnis der Transplantationsmedizin nachgekommen ist (4).

Die Experten der Bundes­ärzte­kammer versuchen seit Jahren, den internationalen Konsens zum Hirntod (Hirntote sind Sterbende, leben aber noch) auszublenden und ihr Konzept aufrechtzuerhalten. Wie lange kann das noch gut gehen?

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0097b

Dr. med. Hans-Joachim Ritz

Hannover

hajoritz@arcor.de

1.
Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2.
Rehder S: Grauzone Hirntod – Organspende verantworten. Augsburg: Sankt Ulrich Verlag GmbH 2010; p. 58.
3.
Owen A: Zwischenwelten – Ein Wissenschaftler erforscht die Grauzone zwischen Leben und Tod. München: Droemer 2017.
4.
Henderson DS: Death and donation—Rethinking brain death as a means for procuring transplantable Eugene, Oregon (USA): Pickwick Publications 2011; p. 6–10.
1.Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2.Rehder S: Grauzone Hirntod – Organspende verantworten. Augsburg: Sankt Ulrich Verlag GmbH 2010; p. 58.
3.Owen A: Zwischenwelten – Ein Wissenschaftler erforscht die Grauzone zwischen Leben und Tod. München: Droemer 2017.
4.Henderson DS: Death and donation—Rethinking brain death as a means for procuring transplantable Eugene, Oregon (USA): Pickwick Publications 2011; p. 6–10.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige