ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2019Irreversibler Hirnfunktionsausfall – sicheres Todeszeichen?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Bezeichnung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA) als „biologisches Lebensende des Menschen“ (1) entspricht nicht der thanatologischen Definition des biologischen Todes als Absterben der letzten Zelle (2). Eine Gleichsetzung ist unzulässig. Anhand der Darstellung der Funktionstätigkeit der Hirnanhangsdrüse wird das selbst im Review deutlich.

Ein Mitglied des im Beitrag (1) aufgeführten Arbeitskreises bezweifelt die Zulässigkeit der Gleichsetzung von Tod und IHA (3). Die zitierte Stellungnahme des Deutschen Ethikrates (4) ist hier nicht eindeutig, was jedoch nicht erwähnt wird.

Aus naturwissenschaftlich-medizinischer Sicht gibt es verschiedene Todesdefinitionen (zum Beispiel klinischer Tod; IHA als Individualtod dagegen IHA als „Status minimalster Lebendigkeit“ [4]; biologischer Tod). Selbst der Gesetzgeber differenziert in § 3 I 1 Nr. 2 Transplantationsgesetz (TPG) zwischen dem Tod als Zulässigkeitskriterium und in § 3 II Nr. 2 TPG dem Hirntod (= endgültiger, nicht behebbarer Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms) als Unzulässigkeitskriterium und führt in § 5 I 2 TPG den endgültigen, nicht behebbaren Stillstand von Herz und Kreislauf auf.

Trotz der Darstellung und der irreführenden Bezeichnung der vierten Fortschreibung der Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer liegen hier keine vollständigen und tragfähigen Regeln zur Feststellung des Todes nach §§ 3 I 1 Nr. 2, 16 I 1 Nr. 1 TPG vor. Dies wird unter anderem daran deutlich, dass in der Richtlinie Angaben zur Fäulnis als sicherem Todeszeichen und fundierte Vorgaben zur Feststellung des Todes (außer IHA) fehlen.

Für wen oder was der Bundes­ärzte­kammer als nicht eingetragenem Verein nach dem Review eine „besondere Rolle im Sinne einer Garantenfunktion“ (1) zukommt, bleibt unklar.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0098a

Assessor Prof. Dr. med. Dr. med. habil. Markus Parzeller

Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt, Goethe-Universität Frankfurt am Main

parzeller@em.uni-frankfurt.de

Prof. Dr. med. Marcel A. Verhoff

Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Frankfurt, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Dr. med. Barbara Zedler

Institut für Rechtsmedizin der Universitätskliniken Gießen und Marburg

1.
Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2.
Bajanowski T, Brinkmann B: Todesbegriffe und Todesfeststellung. In: Brinkmann B, Madea B (eds.): Handbuch gerichtliche Medizin 2004; p. 13–18.
3.
Birnbacher D: Der Hirntod – der Tod? DZPhil 2012; 60: 422–3.
4.
Deutscher Ethikrat (eds.): Hirntod und Entscheidungen zur Organspende. Stellungnahme. www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Stellungnahmen/deutsch/stellungnahme-hirntod-und-entscheidung-zur-
organspende.pdf (last accessed on 17 October 2018): p. 102; p.159.
1.Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2. Bajanowski T, Brinkmann B: Todesbegriffe und Todesfeststellung. In: Brinkmann B, Madea B (eds.): Handbuch gerichtliche Medizin 2004; p. 13–18.
3. Birnbacher D: Der Hirntod – der Tod? DZPhil 2012; 60: 422–3.
4.Deutscher Ethikrat (eds.): Hirntod und Entscheidungen zur Organspende. Stellungnahme. www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Stellungnahmen/deutsch/stellungnahme-hirntod-und-entscheidung-zur-
organspende.pdf (last accessed on 17 October 2018): p. 102; p.159.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Anzeige