ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2019Argumente überzeugender begründen
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An dieser hervorragenden übersichtlichen und überzeugenden Darstellung der Bedeutung des Hirntodes können sich unsere Kollegen sicher gut orientieren (1). Zwei Argumente könnten jeweils noch überzeugender dargestellt werden:

  • Die Forderung, dass auch bei primären infratentoriellen Läsionen stets der Ausfall des Großhirns dokumentiert werden muss, wird im Beitrag mit der Feststellung begründet, dies geschehe „im Interesse der inneren Kohärenz“. Bei diesen Patienten mit primärem Funktionsausfall des Hirnstammes und erhaltener Funktion der großen Hemisphären sowie gegebenenfalls reproduzierbaren visuell evozierten Potenzialen ist beim jetzigen Stand der Wissenschaft nicht sicher zu erfassen, inwieweit eine geistige Wahrnehmung, das heißt ein Bewusstein, noch möglich ist. Die genauere Begründung wäre demnach: Bei primären infratentoriellen Läsionen vor Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (IHA) muss auch der Ausfall des Großhirns dokumentiert werden, weil alle Hirnfunktionen einschließlich eines jeglichen Bewusstseins auszuschließen sind.
  • Zu der verbreiteten, aber unrichtigen Auffassung, der Hirntod sei definiert worden, um Organentnahmen zu ermöglichen, wird richtig ausgeführt, die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie habe vor dem Harvard Ad Hoc Committee 1968 Hirntodkriterien veröffentlicht. Dieses Argument wird jedoch Wenige überzeugen, denn die öffentliche Debatte, wie denn der Tod des Organspenders zu definieren sei, erreichte schon vorher, im Dezember 1967, die öffentliche Aufmerksamkeit nach der ersten Herztransplantation. Die Autoren der ersten wissenschaftlichen Darstellungen, die Neurochirurgen Wertheimer 1959, in Deutschland Tönnis und Frowein 1963 (2), betrachteten den Hirntod nur als Berechtigung zur Therapiebeendigung (3). Die Möglichkeit einer Organspende war nicht bewusst und wurde daher nicht diskutiert. Erst nach diesen wissenschaftlichen Arbeiten wurde die Hirntoddiagnostik für Organspenden eingesetzt. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und das Harvard Ad Hoc Committee gründeten ihre Empfehlungen auf diese wissenschaftlichen Befunde.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0098b

Prof. Dr. med. Raimund Firsching

Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie

raimund.firsching@med.ovgu.de

1.
Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2.
Tönnies W, Frowein RA: Wie lange ist Wiederbelebung bei schweren Hirnverletzungen möglich? Mschr Unfallheilkunde1963; 66: 169–90.
3.
Frowein RA, Firsching R: Hirntod-Diagnose in Deutschland. In: Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (eds.): Neurochirurgie in Deutschland: Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Berlin, Wien: Blackwell Wissenschafts-Verlag 2001; 203–18.
1.Brandt SA, Angstwurm H: The relevance of irreversible loss of brain function as a reliable sign of death. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 675–81 VOLLTEXT
2.Tönnies W, Frowein RA: Wie lange ist Wiederbelebung bei schweren Hirnverletzungen möglich? Mschr Unfallheilkunde1963; 66: 169–90.
3.Frowein RA, Firsching R: Hirntod-Diagnose in Deutschland. In: Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (eds.): Neurochirurgie in Deutschland: Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Berlin, Wien: Blackwell Wissenschafts-Verlag 2001; 203–18.

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hajoritz
am Mittwoch, 27. Februar 2019, 17:02

Zweifel an Hirntoddiagnostik nicht beseitigt, Hirntoddefinition für Transplantationsmedizin instrumentalisiert

Das Schlusswort überzeugt in einigen Punkten nicht:
1. Weder die Prüfung der Hirnstammreflexe noch der Apnoetest, noch Zusatzuntersuchungen wie EEG und CTA können den irreversiblen Ausfall sämtlicher Funktionen des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes sicher nachweisen (vgl. u. a. Paolo Bavastro: Organ-Transplantation. Würzburg, 2018, S. 158 ff.).
2. Der Hirntod wurde u. a. von Tönnis und Frowein 1963 als Berechtigung zum Abbruch lebensverlängernder Maßnahmen bei unheilbar Kranken beschrieben. Die Definition bezog sich eindeutig auf Sterbende, die noch leben. Henry Knowles Beecher und das Harvard Committee haben sie für die Interessen der Transplantationsmedizin instrumentalisiert. Die Verbindungen Beechers zur Transplantationsmedizin sind gut belegt (vgl. u. a. Scott Henderson: Death and donation. Eugene, 2011, S. 9 ff.).
3. Aus intuitiver Laiensicht, aus philosophischer und weltanschaulicher Sicht heraus sind Hirntote noch lebendige Sterbende, die aus utilitaristischen Gründen für tot erklärt werden. Die Begründungen für die Gleichsetzung von Hirntod und Tod des Menschen (Gehirn als alleiniger Integrator des Organismus, Erlöschen des Personseins, Erlöschen der Kommunikation mit der Umwelt) fanden ernstzunehmende Gegenargumente und widersprechende klinische Beobachtungen, so dass international die Frage, ob Hirntote wirklich tot sind, auch in wissenschaftlichen Kreisen nicht endgültig beantwortet ist.

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