ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2019Antipsychotika für Kinder: Gefahr von Off-Label

MEDIZINREPORT

Antipsychotika für Kinder: Gefahr von Off-Label

Dtsch Arztebl 2019; 116(6): A-262 / B-218 / C-218

Meyer, Rüdiger

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Wie wichtig es ist, für jede Indikation die Sicherheit von Arzneimitteln in der Pädiatrie zu testen, zeigt die erhöhte Rate kindlicher Todesfälle beim häufigen Einsatz atypischen Antipsychotika.

Eine aktuelle Kohortenstudie dokumentiert ein erhöhtes Sterberisiko für den ungeprüften Einsatz von Antipsychotika bei Kindern und Jugendlichen. Ihre vermeintlich gute Verträglichkeit hat dazu geführt, dass atypische Antipsychotika nicht nur in den zugelassenen Indikationen – Schizophrenie und andere Psychosen – verordnet werden. Ein „Off-Label“-Einsatz ist häufig. Risperidon, Quetiapin, Aripiprazol und Olanzapin werden zunehmend auch Kindern und Jugendlichen verordnet, weil sie bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und anderen Verhaltensauffälligkeiten eine beruhigende Wirkung haben. In den USA wurden 2010 mehr als 1,3 Millionen Patienten im Alter unter 24 Jahren mit atypischen Antipsychotika behandelt.

Das kardiovaskuläre Risiko von Antipsychotika ist bei Erwachsenen bekannt. Wayne Ray von der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville wollte wissen, ob der Einsatz bei Kindern und Jugendlichen sicherer ist. Der Forscher hat hierzu die Daten von Medicaid, der staatlichen Kran­ken­ver­siche­rung für sozial Bedürftige, im Staat Tennessee ausgewertet. Er stellte 189 361 Kinder, die mit Mitteln gegen ADHS (meist Psychostimulanzien), Antidepressiva oder Stimmungsstabilisatoren behandelt wurden, einer Gruppe von 58 497 Kindern und Jugendlichen (bis 24 Jahre) gegenüber, denen Antipsychotika verordnet wurden. Darunter waren 30.120 Kinder und Jugendliche, die hoch dosiert mit mehr als 50 mg Chlorpromazin-Äquivalenten behandelt wurden.

Endpunkt der Studie war die Zahl der Todesfälle nach Verordnungsbeginn. In der Kontrollgruppe starben 67 Kinder (Sterberate von 54,5 auf 100 000 Personenjahre), bei Kindern, die niedrig dosiert mit Antipsychotika behandelt worden waren, traten 8 Todesfälle (49,5 auf 100 000 Personenjahre) auf. Unter den Kindern, die hoch dosiert mit Antipsychotika behandelt wurden, gab es 40 Todesfälle (146,2 auf 100 000 Personenjahre). Der deutliche Anstieg gegenüber den anderen beiden Gruppen ließ sich vor allem auf eine erhöhte Zahl von unerwarteten Todesfällen zurückführen: Die Inzidenz betrug bei den Kindern unter hohen Dosen Antipsychotika 76,8 pro 100 000 Personenjahre gegenüber 17,9 pro 100 000 Personenjahre in der Kontrollgruppe. In einer Propensity-Analyse, die nur Kinder mit gleichen Eigenschaften vergleicht, ermittelte Ray eine statistisch signifikante Hazard Ratio (HR) von 1,80 (95-%-Konfidenzintervall von 1,06 bis 3,07).

Noch deutlicher war der Unterschied bei den unerwarteten Todesfällen mit einer HR von 3,51 (95-%-KI: 1,54–7,96). Auch die Zahl von Herz-Kreislauf-Todesfällen war nach der Verordnung von hochdosierten Antipsychotika deutlich erhöht (HR: 4,29; 95-%-KI: 1,33–13,89). Todesfälle durch Verletzung oder Suizide waren jedoch nicht häufiger (1,03; 0,53–2,01). Für die Kinder und Jugendlichen, die mit der niedrigen Dosierung behandelt wurden, konnte Ray kein signifikant erhöhtes Sterberisiko nachweisen. Die Zahl der Todesfälle war hier allerdings sehr gering.

Die Antipsychotika wurden zu 71,4 % zur Behandlung von ADHS, Verhaltensstörungen oder erhöhter Impulsivität verordnet. Rüdiger Meyer

1.
Ray WA, Stein CM, Murray KT, et al.: Association of Antipsychotic Treatment With Risk of Unexpected Death Among Children and Youths. JAMA Psychiatry 2018 doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.3421 CrossRef
1.Ray WA, Stein CM, Murray KT, et al.: Association of Antipsychotic Treatment With Risk of Unexpected Death Among Children and Youths. JAMA Psychiatry 2018 doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.3421 CrossRef

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