ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Der Sonderweg wird beendet

POLITIK

Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Der Sonderweg wird beendet

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 59

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat einen Referentenentwurf für ein Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz vorgelegt – gefolgt von Stellungnahmen. Die Psychotherapeuten begrüßen den Entwurf grundsätzlich. Kritik kommt hingegen aus der Ärzteschaft.

Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com
Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com

Sehr zügig im neuen Jahr hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) sein Versprechen eingelöst und den Referentenentwurf für ein Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz (PsychThGAusbRefG) vorgelegt. Der Arbeitsentwurf hierzu lag bereits seit Juli 2017 auf dem Tisch. Grundsätzlich begrüßen Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) und die Berufsverbände der Psychotherapeuten den Referentenentwurf und sehen nur in bestimmten Punkten Änderungsbedarf. Kritik kommt hingegen aus der Ärzteschaft.

Anzeige

BPtK-Präsident Dr. rer. nat. Diet-rich Munz sprach bei einer Pressekonferenz am 30. Januar von einer „wegweisenden Reform“: „Die bei den Ärzten bewährten Strukturen eines Hochschulstudiums mit anschließender Weiterbildung gelten damit künftig auch für Psychotherapeuten. Der bisherige Sonderweg in der Ausbildung wird beendet.“ Mit der Reform werde zum einen die Ausbildung auf Masterniveau gesichert. Zum anderen würden damit die prekären wirtschaftlichen und rechtlichen Ausbildungsbedingungen junger Menschen beendet. „Durch die Möglichkeit der Approbation nach dem Hochschulstudium können künftige Psychotherapeuten während ihrer Weiterbildung in der Versorgung tätig sein und entsprechend tariflich vergütet werden“, erläuterte Munz.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) „begrüßt die Weiterentwicklung des bewährten Heilberufes der Psychotherapeuten“, heißt es in der Stellungnahme zum Referentenentwurf. Der Gesetzgeber greife „in hohem Maße die Erfahrungen und die Wünsche der Fachgruppe der Psychotherapeuten auf, was Voraussetzung für ein gelingendes Reformvorhaben ist“, schreibt die KBV. Positiv hervorzuheben sei insbesondere die Verankerung der Heilberufsausbildung in der Wissenschaftlichkeit und Evidenz geprüfter psychotherapeutischer Therapieformen, die im Referentenentwurf betont werde.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hingegen lehnt den Referentenentwurf strikt ab. Sollte der Entwurf Realität werden, so führe dies „zu einer weitgehenden Ausgliederung der Behandlung von psychisch Kranken aus dem medizinischen Versorgungssystem – und damit zum Nachteil der Patienten“, heißt es in der Stellungnahme. Anstatt auf eine ganzheitliche Behandlung komplexer Krankheitsbilder hinzuwirken, bedrohe die Reform eine individuelle, somatische wie psychische Aspekte integrierende Versorgung, argumentiert die BÄK.

Kernstück des Entwurfes für ein PsychThGAusbRefG aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) vom 4. Januar ist ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie, „das gezielt auf die Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie zugeschnitten ist“. Das Studium soll aus einem dreijährigen Bachelorstudium und einem darauf aufbauenden zweijährigen Masterstudiengang an einer Universität oder gleichgestellten Hochschule bestehen. Insgesamt sollen 9 000 Stunden hochschulische Lehre und berufspraktische Einsätze absolviert werden, die in der Approbationsordnung näher vorgegeben werden. Zu den neuen Ausbildungszielen gehören neben der heilkundlichen Psychotherapie auch Prävention und Rehabilitation, die Übernahme von Leitungsfunktionen und die Veranlassung von Behandlungsmaßnahmen durch Dritte.

Damit wird künftig zugunsten eines Direktstudiums auf die postgraduale Ausbildungsstruktur für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verzichtet und eine verfahrensbreite Ausbildung zum/zur „Psychotherapeut/-in“ – so die vorgesehene Bezeichnung des Berufes – eingeführt. Die Approbation nach einer bundeseinheitlichen staatlichen Prüfung kann künftig bereits nach dem Psychotherapiestudium erworben werden. In der bisherigen Struktur der Ausbildung wird die Approbation erst nach der Weiterbildung erteilt. In der anschließenden Weiterbildung zum „Fachpsychotherapeuten“ werden die Fachkunde in einem wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren erworben sowie Schwerpunkte in der Behandlung von Erwachsenen beziehungsweise Kindern und Jugendlichen gesetzt. Die ambulante Weiterbildung soll an den bewährten (Ausbildungs-)Instituten und -Ambulanzen erfolgen, die dann in Weiterbildungsinstitute umbenannt werden. Durch die Ermächtigung der Ambulanzen zur ambulanten Versorgung werden dort erbrachte Behandlungsleistungen weiterhin vergütet. Die stationäre Weiterbildung an psychiatrischen oder psychosomatischen Kliniken soll künftig im Rahmen eines Angestelltenverhältnisses mit einer entsprechenden Vergütung erfolgen. Aufgrund der in der neuen Aus- und Weiterbildung vermittelten Kenntnisse erhalten künftige Fachpsychotherapeuten zudem Befugnisse zur Verordnung von Ergotherapie und psychiatrischer Krankenpflege.

„Psychotherapeuten legen großen Wert darauf, ihre Patienten ausschließlich psychotherapeutisch zu behandeln.“ Dietrich Munz, Präsident der BPtK. Foto: Svea Pietschmann
„Psychotherapeuten legen großen Wert darauf, ihre Patienten ausschließlich psychotherapeutisch zu behandeln.“ Dietrich Munz, Präsident der BPtK. Foto: Svea Pietschmann

Nach Ansicht des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums ist das neue System am besten geeignet, „um auf Dauer eine moderne und zukunftsfähige Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zu gewährleisten“. Die Struktur der Ausbildung werde mit der Reform der akademisch qualifizierten Heilberufe angepasst.

Die KBV begrüßt die Überführung der bisherigen Ausbildungsinstitute in Weiterbildungsinstitute, was sowohl eine Kontinuität von Lehrorten als auch die Differenzierung von Aus- und Weiterbildung an unterschiedlichen Orten des Leistungsgeschehens erlaube. Problematisch erwiesen sich aber die fehlenden Maßnahmen einer wirksamen Kapazitätssteuerung der Ausbildungsplätze. Das Ministerium gehe von zu erwartenden 2 600 Absolventen der Weiterbildungsinstitute jährlich aus. „Diese Zahl liegt nach unseren Berechnungen um mindestens 1 200 Plätze über dem antizipierten Nachbesetzungsbedarf für die vertragsärztliche Versorgung“, schreibt die KBV in ihrer Stellungnahme.

Darüber hinaus fordert die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Klarstellung bezüglich einer verpflichtenden somatischen Abklärung im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung. § 1, Abs. 2 des PsychThGAusbRefG könne zu dem Missverständnis führen, dass eine solche Abklärung nicht mehr erforderlich sei. Erst aus der Begründung sei die gegenteilige Absicht des Gesetzgebers zu entnehmen. Bereits aus dem Paragrafen müsse hervorgehen, dass eine somatische Abklärung notwendig sei.

Ablehnung der Modellstudiengänge Psychopharmakotherapie

Der Referentenentwurf sieht in § 26 die Möglichkeit von Modellstudiengängen vor, mit dem Ziel, „die Kompetenzen zur Feststellung, Verordnung und Überprüfung von psychopharmakologischen Maßnahmen“ zu erweitern. Die BPtK weist darauf hin, dass der 32. Deutsche Psychotherapeutentag im Mai 2018 mit deutlicher Mehrheit gegen die Einführung eines solchen Modellstudienganges in Psychopharmakotherapie votiert hat. „Psychotherapeuten legen großen Wert darauf, ihre Patienten ausschließlich psychotherapeutisch zu behandeln“, erklärt BPtK-Präsident Munz.

Die Ärzte fordern entschieden die Streichung der Modellstudiengänge aus dem Gesetzentwurf. Die KBV ebenso wie die BÄK in ihrer Stellungnahme: „Aus gutem Grund ist die Verordnung von Arzneimitteln allein Ärzten vorbehalten.“ Eine sichere und schonende Anwendung von Psychopharmaka sei nur auf der Grundlage eines Medizinstudiums möglich. Das Vorhaben stehe auch „im Widerspruch zu den Bemühungen um eine erhöhte Arznei­mittel­therapie­sicherheit angesichts der immer größeren Komplexität der Behandlung chronisch kranker und multimorbider Patienten“, heißt es aus der BÄK. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz, hält den Modellstudiengang für einen „Dammbruch“ – auch im Hinblick auf die Patientensicherheit. Nur der Arzt sei in der Lage, Patienten ganzheitlich zu betrachten und könne die Interaktion mit anderen Medikamenten in Bezug auf Nebenwirkungen berücksichtigen. Politisch betrachtet hat Heinz eine Vermutung, warum das BMG den Modellstudiengang gegen alle Widerstände in das Gesetz aufgenommen habe: „Die kleine Öffnung mit dem Modellstudiengang klingt so harmlos, aber ein Psychotherapiestudium ist billiger als ein Medizinstudium“, gibt er zu bedenken. Auch BPtK-Präsident Munz hat eine Vermutung, warum das BMG einen solchen Modellstudiengang vorgesehen hat: „Ohne eine weitere Berufsgruppe, die qualifiziert ist, neben den Ärzten Psychopharmaka zu verordnen, könnte es sein, dass auf Dauer die Versorgung psychisch Kranker in psychiatrischen Krankenhäusern nicht gewährleistet ist“, sagte Munz. Es bestehe dort schon aktuell ein gravierender fachärztlicher Nachwuchsmangel.

Kritik an Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“

Während im Arbeitsentwurf des PsychThGAusbRefG die Berufsbezeichnung noch ausgeklammert worden war, hat sich das BMG nun für den Begriff „Psychotherapeut/
-in“ entschieden: „Die Tatsache, dass künftig das Psychologiestudium nicht mehr Voraussetzung für die Erteilung der Approbation ist, macht den Zusatz ‚psychologisch‘ nicht mehr passend“, heißt es in der Begründung. Ärzte sollen die Bezeichnung „ärztlicher“ Psychotherapeut führen können. Die BÄK lehnt die Bezeichnung „Psychotherapeut“ ab. Ohne weitere Zusätze führe sie „zu einer Täuschung der Patienten“. Sie würden nicht mehr erkennen, auf Basis welcher Qualifikation psychotherapeutische Verfahren angewendet würden. Die KBV verwehrt sich gegen die Bezeichnung „ärztlicher“ Psychotherapeut: Eine Verpflichtung für Ärzte, vor ihrer Zusatz- oder Fachgebietsbezeichnung den Titel „ärztlich“ führen zu müsse, stelle eine Ungleichbehandlung dar und sei ein Eingriff in das Berufsrecht, heißt es in der Stellungnahme.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer fordert in ihrer Stellungnahme Änderungen an konkreten Punkten im Referentenentwurf:

  • Ambulante Weiterbildung: Notwendig sei finanzieller Unterstützungsbedarf auch für die fachlich notwendige Supervision, Selbsterfahrung und Theorie sowie die sozial­ver­sicherungs­pflichtige Beschäftigung während der ambulanten Weiterbildung. „Hier könnte sich der Gesetzgeber an den Regelungen für Hausärzte und grundversorgende Fachärzte orientieren, um ‚Schulgeld‘ für Psychotherapeuten zu vermeiden“, sagte Munz. Die Finanzierung der ambulanten Weiterbildung über die geleisteten Therapiestunden allein reiche nicht.
  • Heilkundeerlaubnis: Die Approbation sollte in Anlehnung an die anderen verkammerten Heilberufe erteilt werden. Der Gesetzgeber sollte daher auf gesetzliche Interventionen in der Approbation verzichten und auch Psychotherapeuten eine Erlaubnis erteilen, die die Erforschung psychotherapeutischer Interventionen einschließt.
  • Mehr Praxis und mehr psychotherapeutische Verfahren im Studium: Sinnvoll sei ein Praxissemester, das dem Praktischen Jahr im Medizinstudium entspricht. Ausreichende praktische Erfahrungen seien notwendig, damit Psychotherapeuten ohne Weiterbildung in der Lage seien, ihre heilkundlichen Kompetenzen richtig einzuschätzen. Sichergestellt werden sollte zudem, dass an der Hochschule praktische Erfahrungen in mindestens zwei wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren erworben werden können. Ein fehlendes Praktisches Jahr im Psychotherapiestudium bemängelt auch die BÄK.

Hinsichtlich der grundlegenden Kritik aus der Ärzteschaft an der Reform der Ausbildung sagte BPtK-Präsident Munz: „Wir sind über viele ärztliche Kommentare erstaunt, weil die Reform die Ärzte grundsätzlich nicht betrifft. Wir mischen uns auch nicht in die Belange der Ärzteschaft ein.“ Ihm sei weiterhin an einer guten Kooperation zwischen Psychotherapeuten und Ärzten gelegen, wie sie in der praktischen Versorgung üblich sei. Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema