ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Pflegekinder: Vielfältige Herausforderungen

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Pflegekinder: Vielfältige Herausforderungen

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 70

Sonnenmoser, Marion

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Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern aus ihren Herkunftsfamilien steigt. Damit Pflegefamilien zu einem sicheren Ort für die oftmals traumatisierten Kinder werden können, an dem sie Geborgenheit und emotionale Unterstützung erleben, brauchen sie Hilfsangebote.

Das Aufwachsen in der Herkunftsfamilie von Pflegekindern ist oftmals geprägt von Alkohol, Drogen und Gewalt. Foto: czarny/bez/stock.adobe.com
Das Aufwachsen in der Herkunftsfamilie von Pflegekindern ist oftmals geprägt von Alkohol, Drogen und Gewalt. Foto: czarny/bez/stock.adobe.com

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr Kinder in Pflegefamilien und Heimen untergebracht. Das belegen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts und der Länderbehörden. Laut Statistischem Bundesamt hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Erziehung in Tagesgruppen, Vollzeitpflege in anderen Familien, Heimerziehung oder intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung erhalten haben, im Jahr 2017 einen neuen Höchststand erreicht. Während im Jahr 1991 genau 43 947 Kinder und Jugendliche in Vollzeit in Pflegefamilien untergebracht waren, ist ihre Zahl 2017 auf 74 969 Betroffene angestiegen. Die Hälfte davon wurde aufgrund von Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung aus ihren Herkunftsfamilien genommen. Auch die Zahl der vorläufigen Inobhutnahmen ist nach Angaben der Bundesregierung gestiegen (Kasten).

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Mit der steigenden Zahl an Fremdunterbringungen von Kindern und Jugendlichen steigt auch der Bedarf an geeigneten Pflegefamilien. Allerdings gibt es davon aktuell zu wenige in Deutschland. Nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts liegt das unter anderem daran, dass Kinder, die in Pflegefamilien untergebracht werden, hohe Anforderungen stellen und sehr viel Aufmerksamkeit brauchen, was mit einer Berufstätigkeit nicht immer vereinbar ist, dass die Öffnung des privaten Bereichs und Kontakte mit Jugendhilfe und Herkunftsfamilie toleriert werden müssen und dass die finanziellen Leistungen, die Pflegepersonen erhalten, oft nicht ausreichen. Für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bedeutet dies, vorläufig in anderen Einrichtungen, etwa in Heimen, untergebracht zu werden, um dort auf einen Platz in einer Pflegefamilie zu warten.

Pflegekinder haben oft schon einen langen Leidensweg hinter sich. Nach Angaben der Psychologen Dr. rer. nat. Sylvia Oswald und Prof. Dr. med. Lutz Goldbeck vom Universitätsklinikum Ulm ist bereits der Start ins Leben für diese Kinder schwierig, etwa weil die Mutter während der Schwangerschaft geraucht, Alkohol, Medikamente und Drogen konsumiert hat, weil der Säugling materiell und emotional vernachlässigt und unzureichend gefördert wurde oder weil die Eltern von psychischen Störungen betroffen sind. Solche Bedingungen können dazu führen, dass die Kinder in der Schwangerschaft Hirnschäden erleiden und mit einem niedrigen Geburtsgewicht oder Entzugssymptomen zur Welt kommen. Im weiteren Verlauf sind bei den Säuglingen und Kleinkindern kognitive Beeinträchtigungen bis hin zur geistigen Behinderung, Verhaltensauffälligkeiten sowie Wachstums- und Entwicklungsverzögerungen zu beobachten.

Mehr Auffälligkeiten

Die meisten Pflegekinder erleben über Jahre hinweg Gewalt, Vernachlässigung und Misshandlungen – mit schwerwiegenden Folgen: Pflegekinder zeigen im Vergleich zu Kindern aus Normalfamilien mehr psychopathologische Auffälligkeiten. Dazu zählen zum einen externalisierende Auffälligkeiten wie aggressives und delinquentes Verhalten, Regelverletzung, Verweigerung, soziale Probleme, motorische Unruhe, hyperkinetische Störungen und Konzentrationsschwierigkeiten, zum anderen internalisierende Auffälligkeiten wie Depressionen, Ängstlichkeit und Suizidversuche. Darüber hinaus sind diese Kinder häufig von Posttraumatischen Belastungsstörungen, Entwicklungsrückständen, einem negativen Selbstbild, Lernproblemen und Bindungsstörungen betroffen. 30 bis 60 Prozent der Pflegekinder weisen behandlungsbedürftige psychische Störungen auf. Aufgrund der vielfältigen Probleme haben Pflegekinder ein hohes Risiko, niedrige Schulabschlüsse zu erzielen und dysfunktionale Paar- und Familienbeziehungen zu führen. Sie werden im Erwachsenenalter häufiger arbeitslos, substanzabhängig, delinquent oder psychisch krank.

Entwicklung in Pflegefamilien

Pflegekinder können in Pflegefamilien Fürsorge, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Förderung erfahren. Einen Beleg hierfür liefert eine Langzeitstudie, die von der Pädagogin Dr. phil. Daniela Reimer und der Sozialpädagogin Corinna Petri von der Universität Siegen durchgeführt worden ist. Die beiden Wissenschaftlerinnen fanden heraus, dass Kinder in Pflegefamilien, die ihnen zum Beispiel eine gute Erziehung und Ausbildung angedeihen lassen, eine nachhaltig gute Entwicklung nehmen können.

Allerdings gibt es auch das Gegenteil. Für Pflegekinder besteht ein gewisses Risiko, in der Pflegefamilie misshandelt, vernachlässigt und missbraucht zu werden. Aber auch wenn es nicht zum Äußersten kommt, ist die Trennung von den primären Bezugspersonen nicht immer leicht für die Kinder. Außerdem stellen ihre negativen Erfahrungen und psychopathologischen Auffälligkeiten, vor allem die externalisierenden, oft eine Belastung für die Beziehung zwischen Pflegeeltern und Pflegekindern dar, was zu Irritationen und Rückzug seitens der Pflegeeltern und zu Wechseln und Abbrüchen von Pflegeverhältnissen führen kann.

Damit Pflegefamilien zu einem sicheren Ort werden können, an dem traumatisierte Kinder Geborgenheit und emotionale Unterstützung durch die Pflegeeltern erleben, bedarf es nach Angaben der Psychologin Dr. phil. Ina Bovenschen von der Universität Erlangen-Nürnberg einer umfassenden Vorbereitung der Pflegeeltern auf ihre Aufgabe. Die Eltern müssen sich Wissen beispielsweise über die kindliche Entwicklung, den besonderen Förderbedarf und die Bindungsbedürfnisse der Pflegekinder, die rechtlichen Grundlagen von Pflegeverhältnissen und den Kontakt zur leiblichen Familie aneignen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass sie die Vorgeschichte des Kindes kennen – allerdings liegen darüber oft nicht lückenlose Informationen vor. Außerdem sollten sich die Eltern Fertigkeiten wie feinfühliges und fürsorgliches Verhalten im Umgang mit dem Pflegekind, Struktur und Vorhersagbarkeit des Verhaltens, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit sowie Sich-Einlassen auf das Pflegekind aneignen, positive Bindungserfahrungen ermöglichen und einen gesunden Sinn für Humor mitbringen. Um dies leisten zu können, benötigen Pflegefamilien einen Zugang zu kontinuierlicher Begleitungs- und Beratungsangeboten. „Die Beratungsangebote sollten dabei spezifisch auf die Bedürfnisse von Pflegekindern und Pflegeeltern ausgerichtet sein“, so Bovenschen.

Psychologen um Univ.-Prof. Dr. rer. nat. Kerstin Konrad von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, die in die Pflegefamilienstudie „Grow & Treat“ eingebunden sind, schließen sich dieser Meinung an. Allerdings gibt es nach ihrer Einschätzung bislang weder ausreichende noch einheitlich geregelte Qualitätsstandards bei der Auswahl, Vorbereitung und Betreuung von Pflege- und Adoptivfamilien. Hier wäre zum Beispiel der Einsatz von Online-Fortbildungen für Pflegefamilien sinnvoll, der einheitliche Standards und eine flächendeckende Anwendung ermöglichen würde. Konrad und Kollegen plädieren auch dafür, Pflegekinder stabil zu platzieren, um Wechsel und Trennungen zu vermeiden, und im Hinblick auf Diagnostik und traumafokussierte Interventionen neue Wege zu beschreiten, um den besonderen Umständen von Pflegekindern gerecht zu werden.

Fließende Übergänge

Petri und Reimer sehen außerdem Handlungsbedarf in Praxis und Jugendhilfepolitik. Sie weisen darauf hin, dass sich das Beenden der Jugendhilfe mit 18 oder spätestens 21 Jahren oft als hoch problematisch erweist, weil es den Lebensrealitäten vieler Pflegekinder entgegensteht. Sie sprechen sich daher für einen fließenden Übergang aus, für einen Ansprechpartner für die Pflegekinder nach dem offiziellen Ende der Jugendhilfe und für eine mögliche Fortsetzung der Unterbringung in einer Pflegefamilie über das 21. Lebensjahr hinaus. Auch den Pflegeeltern sollte ein Ansprechpartner im Pflegekinderdienst zur Verfügung stehen und sie über das Pflegeverhältnis hinaus beraten. Außerdem sollte die Jugendhilfe die Herkunftsfamilien stärker als bisher begleiten, unterstützen und beraten mit dem Ziel einer dauerhaften Stabilisierung. Marion Sonnenmoser

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit/pp/0219

Zahl der Inobhutnahmen gestiegen

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Deutschland, die zu ihrem Schutz vorläufig vom Staat in Obhut genommen werden, ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Ein großer Teil davon entfällt zwar auf die Gruppe der alleinreisenden minderjährigen Flüchtlinge. Doch selbst wenn man diese Gruppe herausrechnet, stieg die Zahl der Inobhutnahmen zwischen den Jahren 2010 und 2017 von 33 521 auf 38 891 Kinder. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung mit dem Titel „Entwicklung von Inobhutnahmen“ (Drucksache 19/6784 vom 28. Dezember 2018) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervorgeht.

Wie lange diese Kinder in Heimen oder Pflegefamilien leben und ob sie überhaupt zu ihren Eltern zurückkehren können, hängt nach Angaben der Bundesregierung auch von dem Bundesland ab, in dem sie leben. Im Bundesdurchschnitt konnten 41 Prozent der Kinder und Jugendlichen nach einer vorübergehenden Inobhutnahme wieder zu ihren Erziehungsberechtigten zurückkehren. Während in den Stadtstaaten Hamburg (27 Prozent) und Berlin (30 Prozent) nicht einmal ein Drittel der Kinder innerhalb desselben Jahres wieder in ihre Familie zurückkehren konnte, waren es in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern immerhin 46 Prozent.

Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern aus ihren Herkunftsfamilien steigt. Damit Pflegefamilien zu einem sicheren Ort für die oftmals traumatisierten Kinder werden können, an dem sie Geborgenheit und emotionale Unterstützung erleben, brauchen sie Unterstützung.

1.
Bovenschen I: Die Entwicklung der Bindungsbeziehungen in Pflegefamilien – Aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung und Implikationen für die Praxis. Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht 2016; 11 (2): 124–9.
2.
Kindler H, Helming E, Meysen T, Jurczyk K (Hrsg.): Handbuch Pflegekinderhilfe. München: Deutsches Jugendinstitut e.V. 2010.
3.
Konrad K, Lohaus A, Heinrichs N: Pflegekinder: Welche Unterstützung brauchen sie? Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2018; 46 (4), 277–80.
4.
Oswald SH, Goldbeck L: Traumatisierung und psychische Auffälligkeiten bei Pflegekindern. Trauma & Gewalt 2009; 3 (4): 304–14.
5.
Reimer D, Petri C: Wie gut entwickeln sich Pflegekinder? Eine Longitudinal-Studie. ZPE-Schriftenreihe 47. Siegen: Universität Siegen 2017.
1.Bovenschen I: Die Entwicklung der Bindungsbeziehungen in Pflegefamilien – Aktuelle Erkenntnisse aus der Forschung und Implikationen für die Praxis. Interdisziplinäre Zeitschrift für Familienrecht 2016; 11 (2): 124–9.
2.Kindler H, Helming E, Meysen T, Jurczyk K (Hrsg.): Handbuch Pflegekinderhilfe. München: Deutsches Jugendinstitut e.V. 2010.
3.Konrad K, Lohaus A, Heinrichs N: Pflegekinder: Welche Unterstützung brauchen sie? Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 2018; 46 (4), 277–80.
4.Oswald SH, Goldbeck L: Traumatisierung und psychische Auffälligkeiten bei Pflegekindern. Trauma & Gewalt 2009; 3 (4): 304–14.
5.Reimer D, Petri C: Wie gut entwickeln sich Pflegekinder? Eine Longitudinal-Studie. ZPE-Schriftenreihe 47. Siegen: Universität Siegen 2017.

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