ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Psychisch kranke Kinder: Kritik an der sozialpsychiatrischen Versorgung
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Mit Verwunderung las ich die zitierte Stellungnahme der Vertreterin der Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (VAKJP) zur ambulanten Versorgung. Kein Wort darüber, wie problematisch die im Artikel kurz vorher erwähnte sozialpsychiatrische Versorgung (SPV) der Kinderpsychiater für die niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) sind beziehungsweise sein können. Hierzu drei Bemerkungen:

 1. Die in der SPV arbeitenden Kinderpsychiater beschäftigen in der Regel mehrere Angestellte, die Diagnostik und Therapie durchführen, also das, was auch in den Praxen der approbierten KJP geschieht. Jedoch: diese Mitarbeiter sind nicht annähernd so qualifiziert wie die niedergelassenen, approbierten KJP nach einer intensiven mehrjährigen Ausbildung. Nicht umsonst hat der Gesetzgeber für der Ausbildung zum KJP erhebliche Standards (Theorie, Therapie, Supervision, Praktika) gesetzt, um eine hohe Qualität in der ambulanten Behandlung zu gewährleisten.

Durch die Hintertür der SPV wird diese Qualität in der therapeutischen Versorgung abgesenkt.

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2. Die niedergelassenen KJP konkurrieren insofern mit den Kinderpsychiatern, führen die Mitarbeiter von ihnen Diagnostik und Psychotherapie durch, genauso wie die approbierten KJP. Angesichts der zuvor erwähnten Differenzen in den Qualifikationsniveaus ist impliziert, dass indirekt damit eine Entwertung der unter viel Aufwand erworbenen Qualifikation als KJP und auch der KJP-Ausbildung stattfindet: braucht es doch nur eine Anstellung bei einem Kinderpsychiater und keine intensive Ausbildung, um eine ähnliche Tätigkeit in der ambulanten Versorgung auszuüben wie die KJP. Das von der VAKJP-Vertreterin erwähnte „Expertentum“ der KJP wird hierdurch ad absurdum geführt!

3. Aufgrund der ausgeweiteten Behandlungskapazitäten der in der SPV tätigen Kinderpsychiater durch die angestellten Mitarbeiter gerät die Selbstständigkeit der KJP in Gefahr. Der Artikel benennt die Problematik: die Kinder- und Jugendärzte, so heißt es nicht zu unrecht, seien die ersten Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche und deren Eltern. Die Kinderärzte sehen viele „Berührungspunkte mit den Kinder-und Jugendpsychiatern“, so heißt es weiter. Das heißt, viele Patienten verbleiben zur weiteren therapeutischen Behandlung in den Praxen der Kinderpsychiater und erreichen nicht mehr die Praxen der KJP.

Darüber hinaus halte ich vor diesem Hintergrund die im Artikel zitierten Aussagen über fehlende Therapieplätze und lange Wartezeiten für nicht zutreffend, zumindest aus meiner Erfahrung und der meiner Kolleginnen als niedergelassene KJP in einer mittelgroßen Stadt. In ländlichen Regionen mag es anders aussehen.

Zur Illustration: Kürzlich bot ich in einem Rundschreiben an die hiesigen Kinderpsychiater und an verschiedene Einrichtungen der Jugendhilfe mehrere freie Gruppenpsychotherapieplätze für Jugendliche an.

Ich erhielt nicht eine Rückmeldung beziehungsweise Nachfrage nach einem Therapieplatz.

Dipl.-Hdl. Manfred Höflich, 38102 Braunschweig

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