ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Traumatherapie: Ein neuer Meilenstein der Forschung

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Traumatherapie: Ein neuer Meilenstein der Forschung

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 85

Moser, Tilmann

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Der Traumatologe Ralf Vogt, Gründer und Vorsitzender der Leipziger Akademie für Traumaforschung und Traumatherapieausbildung, Psychoanalytiker, Körper- und Familientherapeut, gehört zusammen mit seiner Frau Irina mit ähnlicher Kompetenzbreite zu den Therapeuten- und Forscherpaaren, die sich gegenseitig ermutigen, supervidieren, austauschen und in ihrem Ehrgeiz auch kontrollieren: ein Pool an Kreativität und sich ergänzendem wissenschaftlichem Drang.

Sie anerkennen beide die Leistungen Freuds mit der Neurosentherapie und -theorie, doch sie sind engagierte Kämpfer für die Erweiterung des therapeutischen Settings und der Überwindung der Gräben zwischen den oft rivalisierenden Disziplinen. Vogts Thema sind die tiefer aufeinander oder durcheinander geschichteten Ebenen der Schweregrade der Störungen bis hin zu archaischen körperlichen Abwehrmaßnahmen, die sich durch berührungslose Deutungen nicht ermitteln, klären und beheben lassen. Von daher der Mut, sich in eine seelische wie leibliche Nähe zu begeben und optische wie taktile Hilfsmittel zu entwickeln, die eine ganze Reihe neuer Königswege zu archaischen und oft nur körperlich gespeicherten Traumen ermöglichen. Das bringt auch Fortschritte in der unseligen Bewertung der Inflation der Erforschung der „false memories“. Die Autoren würdigen auch die noch nicht lange beobachtete Wirkung des Zusatzthemas des Verrats: die zur seelischen Verzweiflung und in der Angst vor zum Tod führende Folge, wenn die eigentlich haltende Schutzperson sich auf die Seite der Täter schlägt und das Opfer dem mörderischen Abgrund überlässt.

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Wo die Psychoanalyse noch personal denkt mit dem Einfluss eher umrissener schädigender Personen, unterscheiden die Vogts umfassender die Erinnerungen: neben den entstellten leiblichen auch atmosphärische, symbolisch oft grotesk verkleidete und krude faktische, intrusive Erinnerungen und bewusst wahrnehmbare Erinnerungen.

Der Reichtum des Buches ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Es helfen Fallgeschichten beider Forscher, die jeweils gemeinsam analysiert werden. Erhellend ist die Fülle der Fotos zu therapeutischen Szenen, die den Fachmann wie den Laien staunen lassen über den Einfallsreichtum der Vogts, den beiden Jägern nach den dunkeln „Monstern“ in der Gruft der zerrissenen leibseelischen Ganzheit. Wenn das Werk auch nur in Teilen von der Psychoanalyse rezipiert wird, dann wird es wie ein Meilenstein der Forschung wirken. Tilmann Moser

Ralf Vogt (Hrsg.) Das traumatische Gedächtnis – Schutz und Widerstand. Wie sich traumatische Belastungen in Körper, Seele und Verhalten verschlüsseln und wieder auffinden lassen. Verlag Lehmanns Media, Berlin 2018, 242 Seiten, kartoniert, 19,95 Euro

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