ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Als behandlungsnahes Handbuch lohnenswert

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Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Als behandlungsnahes Handbuch lohnenswert

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 86

Egloff, Götz

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Die vorliegenden Leitlinien fungieren als eine Art psychodynamische Bestandsaufnahme, die durchaus als gelungen bezeichnet werden darf. Vorausgesetzt man legt das annafreudianische, beobachtungsnahe, sogenannte strukturbezogene Paradigma zugrunde, das in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD, OPD-KJ) aufgeht.

Aktuelle Kapitel zu Angst, Depression und ADHS im Kindes- und Jugendalter wechseln sich ab mit soliden Bestandsaufnahmen auf durchgängig hohem Niveau. Zum komplexesten Thema Psychosomatik (Kapitel Schmerz) werden verschiedene Somatisierungskonzepte herangezogen; es ist recht umgreifend und reicht bis hin zur abdominalen Migräne. Von solchen Ansätzen dürfte es etwas mehr zu lesen geben sein – doch dann kann man auch Uexküll lesen.

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Das Kapitel Zwang ist solide, die Kapitel zu Regulations- und Essstörungen ganz klar state-of-the-art. Beim Kapitel Persönlichkeitsstörungen wird hingegen deutlich, wie der methodologische Individualismus an seine Grenzen stößt. Einer immensen Ansammlung von Wissen der nordatlantischen Psychoanalyse stehen äußerst dürftige Möglichkeiten von Therapie gegenüber. Auch wenn jene von Kindern und Jugendlichen ohnehin Entwicklungstherapie sein muss, darf analytische Therapie hier meist als kontraindiziert gelten. So wie es vernünftiger gewesen wäre, Persönlichkeitsstörungen aus psychoanalytischen Leitlinien auszuschließen, ist es praktisch angebracht, einen Großteil dieser meist ruinösen Patientensysteme in Familientherapie und Sozialarbeit zu überführen, um nicht unrealistische Heilungserwartungen, aber auch nicht die zusätzliche Stigmatisierung des Patienten zu befördern. Eine gelungene psychodynamische Individualtherapie ist hier schon die Ausnahme. Die ätiopathogenetischen Ausführungen Kohuts und Kernbergs sind zudem im Grunde unbrauchbar, stellen sie doch Zustandsbeschreibungen des heutigen Sozialcharakters dar; Konzepte von Identitätsdiffusion setzen voraus was erst gebildet werden soll und womöglich gesellschaftlichen Anfragen an ihr Gegenteil entgegensteht. Manch solche Konzeption übernommen zu haben war sicherlich nicht die beste Idee der Autoren.

Insgesamt ist bei der Lektüre des Bandes sehr viel Fundiertes zu entdecken, von dem vieles zwar bekannt sein dürfte, deren stetige Neu-Lektüre aber sinnvoll und zielführend ist. Wo psychosexuelle Aspekte vielerorts dezent entsorgt wurden, scheinen sie hier immer wieder durch. Dennoch handelt es sich um psychodynamische, weniger um psychoanalytische Leitlinien. Die Literaturlisten am Ende der Kapitel sind nicht allzu ausgreifend; in ihrem Paradigma haben wir es aber mit gut erarbeiteten Leitlinien zu tun. Bei allen Vorzügen des Bandes – viel Klarheit, hohe Plausibilität, innere Stimmigkeit – läuft er dennoch Gefahr, nur jene Phänomene in den Blick zu nehmen, die er theoretisch voraussetzt, sodass die Erhellung des Seelendunkels einem vorauseilenden Pragmatismus geopfert werden könnte, um dem Vorwurf der Mystifizierung zu entgehen. Daher ist der Band vor allem als behandlungsnahes Handbuch lohnenswert. Götz Egloff

Petra Adler-Corman, Christine Röpke, Helene Timmermann (Hrsg.): Psychoanalytische Leitlinien der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie. Brandes & Apsel, Frankfurt 2018, 500 Seiten, kartoniert, 49,90 Euro

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