ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Bewusstsein und Geist: Zweistufiger Prozess der Erklärung

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Bewusstsein und Geist: Zweistufiger Prozess der Erklärung

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 87

Koch, Joachim

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Seit wohl 50 Jahren beschäftigt sich Daniel C. Dennett jetzt mit dem Thema der Evolution des Geistes und des Bewusstseins und erzählt in diesem Buch noch einmal die ganze Geschichte. Das gelingt ihm allerdings nicht ohne viel Umschweife und Abschweifungen, womit er dem Leser viel zumutet. So bleibt Dennett Aspekten seines Images als Provokateur treu. In diesem Zusammenhang darf nach den wissenschaftlichen Erfolgen der Bewusstseinsforschung in den letzten Jahrzehnten gefragt werden. Gibt es einen Schöpfer (intelligenten Designer) oder haben sich Geist und Bewusstsein in einem langen evolutionären Prozess (Selbstorganisation) aus dem „ Nichts“ entwickelt? Und wie ist es möglich, dass Wesen diese Frage stellen und beantworten können?

Dennett nimmt seit Langem eine materialistische Position ein. Sein Clou bei der Erklärung der Entwicklung des Geistes besteht heute darin, dass er einen zweistufigen Prozess annimmt. Im langen Prozess der Evolution war zuerst die Evolution der Gene (die biologische Evolution) bedeutend. Die genetische Evolution (durch natürliche Selektion) hat in einem geistlosen, nicht zielgerichteten Prozess (Kompetenz ohne Verständnis) zur Entwicklung des Menschen geführt und die kulturelle Evolution ermöglicht. Die genetische Evolution hat also intelligentes Design ermöglicht, indem sie die einzigartigen Fähigkeiten und Möglichkeiten des menschlichen Geistes und der menschlichen Kultur geschaffen hat. Mit der kulturellen Evolution beschäftigt sich der Autor ausführlich und diskutiert hier den umstrittenen Begriff der Meme.

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Spannend beschreibt Dennett, wie Zwecke und Gründe in die Welt gekommen sind. Er weist auf Grenzen des Wissens hin und stellt die Frage, ob diese Dinge überhaupt irgendwann einmal zu entschlüsseln sind. Interessant auch seine Position in der Willensfreiheitsdebatte: Er warnt davor, die Illusion des freien Willens aufzugeben, wenn wir das täten, wäre unser Leben ein völlig anderes. Das „Rätsel des menschlichen Bewusstseins“ ist noch nicht gelöst, es kann jedoch festgestellt werden, dass es sich von allen anderen Arten des tierischen Bewusstseins unterscheidet, weil es zum Großteil das Resultat der kulturellen Evolution ist, die eine Fülle von Wörtern und vielen anderen Denkwerkzeugen in unserem Gehirn installiert hat und so eine kognitive Architektur schuf, die ganz anders funktioniert als der Bottom-up-Geist der anderen Tiere. Dennett hat immer wieder betont, dass er Bewusstsein nicht als ein zusätzliches, eigenständiges geistiges Phänomen sieht, sondern als graduell in der Entwicklung entstehendes Phänomen. Joachim Koch

Daniel C. Dennett: Von den Bakterien zu Bach – und zurück. Die Evolution des Geistes. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 512 Seiten, gebunden, 34,00 Euro

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