ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Harald Schultz-Hencke: Reichhaltige Fundgrube auch zur Geschichte

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Harald Schultz-Hencke: Reichhaltige Fundgrube auch zur Geschichte

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 88

Kettler, Richard

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Der Psychoanalytiker Steffen Theilemann stellt mit diesem Buch den ersten Teil der Ergebnisse seiner jahrelangen Forschungen zu Harald Schultz-Hencke (1892– 1953) vor.

Das Buch enthält übersichtlich gegliedertes Material zur Biografie Schultz-Henckes. Seine Persönlichkeit und seine Aktivitäten in der Freideutschen Jugend, dem bürgerlichen Teil der deutschen Jugendbewegung, werden erstmalig in solcher Form sichtbar.

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Die Sprache Schultz-Henckes ist anspruchsvoll wie zeitgebunden. In ihrer Charakteristik setzt sie sich in seinen späteren psychoanalytischen Schriften fort und hat dort ihre Verbreitung unter jungen Psychoanalytikern eher gehemmt als gefördert. Für Lektüre-Hindernisse ganz anderer Art – für angeblich „braune“ Geisteshaltungen Schultz-Henckes – finden sich für die dargestellte Zeit bis 1921 keine Belege. Dieses Hindernis bedarf nach den vorliegenden Befunden einer Überprüfung, denn Schultz-Hencke bekämpfte als führender Freideutscher ein völkisches Gedankengut und setzte sich dezidiert für die Ideale der Humanität und der Gerechtigkeit ein.

Bezüglich seiner Persönlichkeit ist die Begegnung Schultz-Henckes mit dem 25 Jahre älteren Walther Rathenau hervorzuheben. Es entwickelt sich zunächst eine positive Vaterübertragung des jungen Idealisten Schultz-Hencke auf den geistig-souveränen und abgeklärten Realisten Rathenau, der zwar nicht mit deutlicher Kritik sparte, Schultz-Hencke aber auch seine „väterliche“ Zuneigung spüren ließ. Eine solche Erfahrung fehlte Schultz-Hencke mit dem eigenen Vater. Es darf spekuliert werden, ob sich aufgrund des Mangels in der Beziehung zum Vater bei Schultz-Hencke nun eine strukturell gebundene Neigung zur Opposition gegenüber starken Persönlichkeiten – wie im Falle Rathenaus – gebildet hat, die dann auch wiederum ihre Wirkungen hinein in die Geschichte der Psychoanalyse mit der Herausbildung einer eigenen psychoanalytischen Schule zeitigte.

In der Summe ist zu sagen: Für die, die sich der Geschichte Schultz-Henckes und/oder dem spezifischen Ausschnitt deutscher Geschichte in Form der Freideutschen Jugend zuwenden möchten, ist das hier vorgestellte Buch eine Fundgrube, deren Größe und Reichhaltigkeit beeindruckt. Richard Kettler

Steffen Theilemann: Harald Schultz-Hencke und die Freideutsche Jugend – Biografie bis 1921 und die Geschichte einer Bewegung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2018, 445 Seiten, gebunden, 59,90 Euro

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