ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2019Literarische Orte: Zimmer mit Parkblick

KULTUR

Literarische Orte: Zimmer mit Parkblick

PP 18, Ausgabe Februar 2019, Seite 89

Jachertz, Norbert

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Ihre letzten Jahre verbrachte Rose Ausländer in Düsseldorf am Rhein, in Gedanken aber in der verlorenen Heimat.

Fotos: mitifoto/stock.adobe.com
Fotos: mitifoto/stock.adobe.com

Der Nordpark in Düsseldorf ist eine strenge Sache. Gerade Achsen, hohe Pappelreihen, getrimmte Hecken, symmetrische Wasserspiele. Junge Frauen schieben Kinderwagen über den Kies, alte Damen auf weißen Parkbänken halten ihre Gesichter in die Sonne. Das mag auch Rose Ausländer so gehalten haben und solange sie noch laufen konnte und wollte, wird sie bis zum Rhein spaziert sein. Später blickte sie von ihrem Zimmer auf den „grünen Nachbarn“. Manchmal wehte ein Buchenblatt herein und erinnerte an die verlorene Heimat, die Bukowina, das Buchenland.

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„Grüner Nachbar“: Am Rande des Düsseldorfer Nordparks, im jüdischen Altersheim, wird Rose Ausländer sesshaft. Ihre letzten zehn Lebensjahre verbringt sie im Bett. Aus freiem Entschluss. Rose Ausländer-Gesellschaft e.V. Köln
„Grüner Nachbar“: Am Rande des Düsseldorfer Nordparks, im jüdischen Altersheim, wird Rose Ausländer sesshaft. Ihre letzten zehn Lebensjahre verbringt sie im Bett. Aus freiem Entschluss. Rose Ausländer-Gesellschaft e.V. Köln

In Düsseldorf kam Rose Ausländer (1901–1988), die Lyrikerin aus Czernowitz, nach jahrzehntelangem Umherirren zur Ruhe. Sie lebte im „Elternhaus“ der jüdischen Gemeinde am Rande des Nordparks, einem Altersheim, das nach einer anderen jüdischen Lyrikerin benannt ist, Nelly Sachs. Ironie des Schicksals: Der Nordpark und die beiden umgebenden Siedlungen entstanden 1936/37 zur „Großen Reichsausstellung Schaffendes Volk“ und gelten als Musterbeispiele nationalsozialistischen Bauens. Der monumentale Parkeingang zieht immer wieder auch Neonazis an. Doch nicht allein deshalb sind vor dem Nelly-Sachs-Haus stets zwei Polizisten postiert. Das ist bei jüdischen Einrichtungen inzwischen regelmäßig so. Beunruhigend.

Als Rose Ausländer hierhin zog, hatte sie viel hinter sich: Orts-, Berufs- und Partnerwechsel, etliche Wechsel der Staatsangehörigkeit – und die Shoa. Der gewaltsame Tod vertrauter Menschen und das eigene Grauen ließen sie bis ans Lebensende nicht los und kennzeichnen auch ihre Dichtung. Nirgends fühlte sie sich sicher, geschweige denn zu Hause. Nicht in Wien, nicht in Budapest oder Bukarest, nicht einmal New York wurde zur Heimat, obwohl Ausländer hier materiell zurecht kam und jahrelang blieb. Stets wohnte sie möbliert und lebte aus dem Koffer. Immer bereit zur Flucht? Oder zur Heimkehr?

Wer sich mit Rose Ausländer beschäftigt, merkt schnell, wie sehr ihr Werk von ihrer Herkunft geprägt ist. „Warum schreibe ich?“, fragt sie rückblickend in ihrem Essay „Alles kann Motiv sein“ und antwortet sogleich: „Vielleicht, weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam“. Sie spricht von der besonderen Landschaft, den besonderen Menschen und der besonderen Atmosphäre, in der Märchen und Mythen in der Luft lagen. Das könnte als altersverklärtes Heimweh durchgehen. Doch scheint Czernowitz, auch nach dem Ende der österreichischen Herrschaft, tatsächlich eine ungewöhnliche Stadt gewesen zu sein: multikulturell, durchzogen von der spezifischen K.-u.-k. Mischung aus Weltläufigkeit und Lässigkeit bis hin zur Schlamperei. Die jüdische Kulturwissenschaftlerin Efrat Gal-Ed hebt das „außergewöhnliche soziopolitische Klima“ hervor, in der liberale jüdische Intellektuelle, Theaterleute und Schriftsteller eine große Rolle spielten. Deutsch war Umgangssprache, doch Jiddisch war en vogue. Itzig Manger, der Jugendfreund von „Rosele“, entschied sich für jiddisch und wurde zum bedeutendsten Jiddischen Lyriker. Ausländer selbst blieb bei Deutsch als ihrer „Muttersprache“. Trotz allem, was ihr widerfuhr.

Vom Faschismus überrollt

Man darf annehmen, dass Rose Ausländer die geliebte Heimat 1920 nicht ganz freiwillig verlässt. Sie heißt damals noch Rosalie Scherzer und hat gerade begonnen, Philosophie zu studieren. Als Rosalies Vater, ein Kaufmann, stirbt, will sie der Mutter nicht auf der Tasche liegen und wandert zum Geldverdienen nach Amerika aus. Ein Kommilitone fährt mit, Ignaz Ausländer. In New York heiraten die beiden, die Ehe hält nicht lange, Rose, nunmehr bis ans Lebensende „Ausländer“, wendet sich für einige Jahre einer großen Liebe zu und kehrt 1931 nach Hause zurück. Zu ihrem Unglück. Der Faschismus, sowohl der rumänische wie der deutsche, überrollt sie.

Sie überlebt. Sprachlos. Jedenfalls was die Gedichte angeht. Die Shoa sei so alpdruckhaft beklemmend gewesen, „daß – erst in der Nachwirkung, im nachträglich voll erlittenen Schock – der Reim in die Brüche ging“, so Ausländers spätere, hellsichtige Selbstdiagnose. Die traumabedingte Sprachlosigkeit dauert fünf Jahre. 1949 beginnt Ausländer, sie weiß nicht wie und weshalb, eines abends mit dem Schreiben englischer Lyrik. Doch „mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse“, und Rose Ausländer kehrt 1956 zur Muttersprache zurück. Weshalb, kann sie sich nicht erklären. „Geheimnis des Unterbewußtseins“, notiert sie lakonisch (Zitate aus „Alles kann Motiv sein“, 1971). Ausländer reimt danach nicht mehr im klassischen Stil, sondern entwickelt ihren eigenen, den typischen, den ihre heutigen Leser und Leserinnen schätzen.

Nach etlichen Umwegen – Wien, Paris, Jerusalem und einigem mehr – trifft Rose Ausländer 1965 mit ihren Koffern in Düsseldorf ein. Sie quartiert sich, typisch für sie, in einer Pension ein. Weshalb Düsseldorf? Ausländer hat wenig Beziehungen zu der Stadt, doch existiert hier ein Nest ehemaliger Landsleute und am Nordpark schließlich das „Elternhaus“ der jüdischen Gemeinde, das sie 1972 für den Rest ihres Lebens aufnimmt. Man kommt ihr sehr entgegen. Sie darf zum Beispiel eine private Krankenschwester beschäftigen. Denn die letzten zehn Lebensjahre verbringt Ausländer im Bett. Aus freiem Entschluss.

Nach Ansicht ihres Verlegers Helmut Braun war die Bettlägerigkeit Ausländers zumindest anfangs medizinisch nicht begründet. Braun dürfte es wissen, war er doch ein Vertrauter der letzten Jahre, dem die eigenwillige Dichterin immer freitags ab 18.45 Uhr Zutritt zu ihrem Appartement gewährte und den sie am Ende zu ihrem Nachlasspfleger bestimmte. Der Rückzug ins Bett habe Ausländer, so Braun, den Freiraum für ihr Schreiben verschafft. Den hat Ausländer voll ausgenutzt. Sie scheint zu den Menschen gehört zu haben, deren Kreativität im Alter zu- statt abnimmt. Hunderte von Gedichten sind in der Düsseldorfer Klausur entstanden. Hier vervollkommnete sie ihren Stil, es entstanden jene Gedichte, die, auf die notwendigen Worte reduziert, im Leser eine Welt entstehen lassen. Übrigens auch im Hörer. Hört man Rose Ausländer sich selbst rezitieren, bleibt diese kraftvoll-nüchterne Stimme mit dem gerollten R lange im Kopf.

Die Welt vor dem Fenster

In ihrem Zimmer erlebt Rose Ausländer die Welt. Sie kommt „stückweis“* an ihr Fenster: „Pappeln, Sperlinge, Wolken. Mein kleines Zimmer / ist ein Riesenreich“, versichert sie. „Auf meinen Wänden / blühen Bilder / Poeten dichten im Regal“, schreibt die Dichterin in ihrem Bett, umgeben von Bücherstößen, Manuskripten und einem Blumenstrauß. In Gedanken aber lebt sie in der verlorenen Heimat. Czernowitz wird ihr zum „Gedankenort / Da wohnen die verlorenen / Freunde und Berge“. Und immer wieder erinnert sich „die Überlebende des Grauens“, der Schrecken der Shoa, als sie „im Ghetto erstarrte“. Der Rhein wird ihr zum Pruth und der Pruth zum Rhein. „Strömen will ich / im Strom / ins Meer münden.“ Der Tod lasse sie wieder zu Wasser werden und mache sie unsterblich, hofft sie.

Begraben wurde Rose Ausländer auf dem israelischen Teil des Düsseldorfer Nordfriedhofes. Mit dem Bus 722 fahren wir die drei Stationen vom Park zum Friedhof und gelangen links an der Synagoge vorbei zu dem schmalen Grab. Einen umgekippten Blumentopf richten wir auf und legen einen Kieselstein auf den Grabstein. Norbert Jachertz

*Die folgenden Zitate entstammen den Gedichten: Auf meinen Wänden, Buchenblatt, Das Zimmer behütet mich, Mutterlicht, Spinoza II, Wer, Wieder II

1.
Gesammelte Werke in acht Bänden, herausgegeben von Helmut Braun, Frankfurt/M (S. Fischer) 1984.
2.
Helmut Braun: Rose Ausländer. Der Steinbruch der Wörter. Berlin (Hentrich&Hentrich) 2018, 101 Seiten, 9,90 Euro.
3.
Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzig Manger – ein europäischer Dichter. Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2016, 784 Seiten, 49,90 Euro.
4.
Mutterland Wort, Begleitbuch zu einer Wanderausstellung der Rose-Ausländer-Stiftung (besichtigt 11/2018 in der Martin Luther-Kirche, Alsdorf bei Aachen).
1.Gesammelte Werke in acht Bänden, herausgegeben von Helmut Braun, Frankfurt/M (S. Fischer) 1984.
2.Helmut Braun: Rose Ausländer. Der Steinbruch der Wörter. Berlin (Hentrich&Hentrich) 2018, 101 Seiten, 9,90 Euro.
3.Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzig Manger – ein europäischer Dichter. Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2016, 784 Seiten, 49,90 Euro.
4.Mutterland Wort, Begleitbuch zu einer Wanderausstellung der Rose-Ausländer-Stiftung (besichtigt 11/2018 in der Martin Luther-Kirche, Alsdorf bei Aachen).

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