ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2019Gesundheitspolitik: Ein „ArbVerbessG“ fehlt

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Gesundheitspolitik: Ein „ArbVerbessG“ fehlt

Dtsch Arztebl 2019; 116(7): A-289

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Gesundheitspolitik wird seit Jahren von Maßnahmen dominiert, die die Versorgung besser steuern, (Personal-)Ressourcen effizienter einsetzen und dabei noch Kosten einsparen sollen. Patientensteuerung, sektorenübergreifende Versorgung, Bedarfsplanung, Bekämpfung des Ärzte- und Pflegemangels und nicht zuletzt auch die Digitalisierung sind die prägenden Schlagworte. So gleicht das Terminservice- und Versorgungsgesetz nach diversen fachfremden Änderungsanträgen inzwischen einem Bauchladen voll solcher struktureller Vorschläge.

Aber jede Strukturveränderung steht und fällt mit dem Faktor Mensch – das gilt auch für das Gesundheitswesen. Gemeint sind hier nicht die Patienten, die selbstverständlich eine möglichst gute und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung erhalten sollen. Nein, es geht an dieser Stelle um die Rahmenbedingungen für diejenigen, die die Versorgung sicherstellen: Ärzte, Pflegekräfte und Gesundheitsberufe. Sie geraten nämlich trotz der Fülle an Gesetzesvorhaben oft aus dem Blick der Politik.

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Aktuell verschaffen viele Unzufriedene ihrem Ärger Luft. Pflegekräfte streiken an Unikliniken, die niedergelassenen Ärzteverbände rufen zu einem Protesttag auf und Medizinstudierende gehen für ein Faires PJ auf die Straße. Allen gemein ist das, was auch die Ärztegewerkschaft Marburger Bund bei bevorstehenden Tarifverhandlungen in den Fokus stellt: der Ruf nach besseren Arbeitsbedingungen.

Die Politik nimmt oft nur die Vogelperspektive auf das Versorgungsgeschehen ein und will – durchaus nachvollziehbar – die Folgen des demografischen Wandels in den Griff bekommen. So scheiden der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz zufolge in den nächsten fünf Jahren voraussichtlich fast 60 Prozent der Haus- und Fachärzte in dem Bundesland aus. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung verdeutlicht diesen dramatischen Ärzteschwund mit der sogenannten Arztzeituhr: Pro Minute gehen 474 Arztminuten verloren. Gleichzeitig hat sich allerdings die Arbeitswelt – auch im Gesundheitswesen – geändert. Teamarbeit, flexible Arbeitszeitmodelle und Vereinbarkeit von Familie und Beruf heißen die Forderungen der nachwachsenden (Ärzte-)Generation. Die Folge: Immer mehr Köpfe, aber immer weniger Arbeitszeit.

Deshalb sollte die Politik nicht nur versorgungspolitisch handeln, sondern auch aus Sicht der Agierenden im Gesundheitswesen. Dort bestimmen Arbeitsverdichtung, Stress und daraus folgend Demotivation und Krankheit weiterhin die Tagesordnung. Doch nur mit motivierten und gesunden Arbeitnehmern sind die kommenden Aufgaben im Gesundheitswesen zu bewältigen. Und wer möchte von einem gestressten Arzt operiert werden? Daher lohnt es sich, der kommenden Medizinergeneration genau zuzuhören – sie weiß genau, wie ihre Zukunft aussehen soll (siehe Seite 295).

„Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital“, ist ein klassischer Satz in vielen Geschäftsberichten. Angenommen das Gesundheitswesen ist die Firma, deren Geschäftsbericht das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium herausgibt, wird es Zeit, dass das Ministerium diesen Leitsatz mehr zum Maßstab seines Handelns macht. Es könnte ein Vorreiter in Sachen Gesetzgebung sein: Ein „Arbeitsbedingungenverbesserungsgesetz im Gesundheitswesen – ArbVerbessG“ hat bislang noch keine Regierung auf den Weg gebracht.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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