ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2019Reduktionsstrategie Zucker, Fett und Salz: Mehr als leere Versprechen?

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Reduktionsstrategie Zucker, Fett und Salz: Mehr als leere Versprechen?

Dtsch Arztebl 2019; 116(7): A-306 / B-253 / C-253

von Philipsborn, Peter

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Pünktlich zum Jahresende legt die Bundesregierung die seit Langem angekündigte nationale Reduktions- und Innovationsstrategie Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten vor. Es ist fraglich, ob sie halten kann, was sie verspricht.

Peter von Philipsborn, Ludwig-Maximilians-Universität München
Peter von Philipsborn, Ludwig-Maximilians-Universität München

27 Seiten ist die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erarbeitete Reduktionsstrategie Zucker, Fett und Salz lang – und lässt trotzdem vieles im Vagen. Doch eines ist klar: Bundesernährungsministerin Julia Klöckner verfolgt mit der Reduktionsstrategie große Ziele. Sie soll Kernstück des Einsatzes der Regierung für gesündere Ernährung werden und einen messbaren Effekt auf das Ernährungsverhalten der Bevölkerung entfalten. Es ist fraglich, ob sie diesen Anspruch einlösen kann. Der Strategie liegt die Einsicht zugrunde, dass hochverarbeitete Lebensmittel in relevantem Maße zur hohen Prävalenz von Adipositas und anderen ernährungsmitbedingten Krankheiten beitragen. Tatsächlich ist dieser Zusammenhang in zahlreichen Studien gut belegt. Doch die Strategie bezieht sich nur auf verarbeitete Lebensmittel, welche im Einzelhandel angeboten werden, und lässt Fastfood und andere in der Gastronomie angebotene verarbeitete Lebensmittel außen vor. Explizit ausgenommen werden auch „Lebensmittel, die nicht zur Deckung des täglichen Nährstoffbedarfs verzehrt werden“, wie zum Beispiel Süßwaren – dabei stellen gerade diese ein besonderes Problemfeld dar. Weiterhin verfolgt die Strategie lediglich das Ziel, die Nährwertzusammensetzung verarbeiteter Lebensmittel zu verbessern – das mindestens genauso wichtige Ziel, den Verzehr von verarbeiteten Lebensmitteln zugunsten von frischen, nicht oder nur minimal verarbeiteten Lebensmitteln zu reduzieren, ist nicht Gegenstand der Strategie.

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Kernstück der Strategie sind freiwillige Zielvereinbarungen, welche die Regierung mit Vertretern der Lebensmittelwirtschaft erarbeiten will. Deutschland ist nicht das erste Land, das auf diesem Wege versucht, gesündere Ernährungsmuster zu fördern. 2009 initiierte die australische Regierung den Food and Health Dialogue, 2011 folgte die britische Regierung mit dem Public Health Responsibility Deal, und 2014 die Niederlande mit der „Übereinkunft zur Verbesserung der Lebensmittelzusammensetzung“. Verschiedene wissenschaftliche Evaluationen kommen übereinstimmend zum Schluss, dass diese Initiativen keinen nachweisbaren Effekt auf die Nährwertzusammensetzung der von der Bevölkerung verzehrten Lebensmittel hatten – einzige Ausnahme ist die Salzreduktion, bei der in einigen Bereichen Fortschritte erzielt wurden. Australien und Großbritannien haben diesen Ansatz daher zwischenzeitlich wieder verlassen, und setzen stattdessen auf fiskal- und ordnungspolitische Ansätze.

Die bisherigen Erfahrungen belegen, was sich auch aus marktwirtschaftlichen Grundprinzipien ableiten lässt: Freiwillige Zielvereinbarungen mit der Industrie können in Bereichen funktionieren, welche die Geschäftsinteressen der betroffenen Unternehmen nicht im Kern berühren – wie zum Beispiel die Salzreduktion. In allen anderen Bereichen ist nicht zu erwarten, dass Unternehmen freiwillig und ohne fiskalische Anreize Kosten und Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen, oder in relevantem Maße auf Absatz- und Vermarktungsmöglichkeiten verzichten. Das Vorhaben, mit einem zentral koordinierten, dabei aber völlig unverbindlichen 7-Jahres-Plan das Agieren von mehreren Zehntausend Einzelunternehmen lenken zu wollen, wirkt weltfremd und aus der Zeit gefallen. Der marktwirtschaftlichen Ordnung wäre besser gedient, wenn der Lebensmittelwirtschaft ein klarer ordnungs- und fiskalpolitischer Rahmen gesetzt wird, innerhalb dessen Unternehmen frei von staatlichen Planungs- und Zielvorgaben agieren können. Zu diesem Ordnungsrahmen zählen insbesondere klare, verbindliche Regeln für Werbung, Marketing und Kennzeichnung, sowie ein Steuersystem, welches die gesundheitlichen Folgekosten unterschiedlicher Lebensmittelgruppen reflektiert.

Die Reduktionsstrategie soll bis zum Jahr 2025 umgesetzt werden. Bleibt es hierbei, so droht ein Szenario wie in Australien und Großbritannien: Der Verlust von vielen Jahren Zeit, in der Pläne entwickelt, Indikatoren vereinbart und Berichte veröffentlicht werden, ohne dass sich die Ernährung der Bevölkerung substanziell verbessert. Optimistisch stimmte zuletzt die Aussage von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, dass die Regierung bei fehlender Wirksamkeit des freiwilligen Ansatzes über alternative Maßnahmen nachdenken müsse. Hiermit sollte die Bundesregierung zeitnah beginnen, und dabei auch von der Reduktionsstrategie vernachlässigte Lebensmittelgruppen und Ziele in den Blick nehmen.

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