ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2019Medizinstudierende: Sie wissen, was sie wollen

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Medizinstudierende: Sie wissen, was sie wollen

Dtsch Arztebl 2019; 116(7): A-295 / B-243 / C-243

Richter-Kuhlmann, Eva

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Das aktuelle „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ zeigt: Die künftige Ärztegeneration fordert eine flexible, aber geregelte Arbeitsgestaltung und eine offenere Arbeitskultur im Team.

Ein klares Votum: Als den entscheidenden Faktor für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes gaben die im vergangenen Jahr befragten etwa 13 000 Medizinstudierenden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an. Foto: mauritius images
Ein klares Votum: Als den entscheidenden Faktor für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes gaben die im vergangenen Jahr befragten etwa 13 000 Medizinstudierenden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie an. Foto: mauritius images

Zunehmend selbstbewusst formulieren Medizinstudierende, was sie von ihrer Zukunft als Arzt oder Ärztin erwarten. Ganz oben steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Es ist ein Paradigmenwechsel nötig – im ambulanten, aber vor allem im stationären Bereich“, sagt Jana Aulenkamp, Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) 2018. „Bereits während des Medizinstudiums erleben wir, wie die ökonomischen Rahmenbedingungen die Versorgung beeinflussen. Dies sollte uns alle wach rütteln. Wir müssen langfristige Lösungen für eine patientenorientierte Versorgung finden“, betont die Medizinstudentin bei der Vorstellung der Ergebnisse der dritten Befragungswelle des „Berufsmonitorings Medizinstudierende“ Ende Januar in Berlin.

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Bei der Erhebung, die seit 2010 alle vier Jahre durch die Universität Trier im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in Kooperation mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und der bvmd durchgeführt wird, gaben im Juni 2018 95 Prozent der bundesweit teilnehmenden 13 900 Medizinstudierenden die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als den entscheidenden Faktor für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes an. Eng damit verknüpft sind die Wünsche nach geregelten und gleichzeitig flexiblen Arbeitszeiten (82 und 81 Prozent).

Auslaufmodell Einzelpraxis

Veränderungen zu den Vorjahren kann Prof. Dr. Rüdiger Jacob, Soziologe der Universität Trier, bezüglich der Option feststellen, künftig im ambulanten Bereich tätig zu werden. So gaben 2018 nur noch 53,5 Prozent der Studierenden an, gern in eigener Praxis tätig zu werden. Vor vier Jahren konnten sich das noch gut 60 Prozent vorstellen. Stattdessen zeichne sich ein Trend zur Anstellung im ambulanten Sektor ab, erläutert der Wissenschaftler. Dies sei jetzt für 70,7 Prozent der Befragten eine Option (2014 nur für 65,4 Prozent). Wenn Studierende über eine selbstständige Tätigkeit im ambulanten Bereich nachdenken würden, dann sei aber zumindest die Einzelpraxis ein Auslaufmodell, sagt Jacob. Lediglich 4,7 Prozent der Medizinstudierenden würden sich derzeit dafür entscheiden. Die Tendenz gehe eher zur Gemeinschaftspraxis (50,6 Prozent) und zur Teamarbeit mit anderen Ärzten (66,6 Prozent).

„Wir haben es mit einer selbstbewussten Generation zu tun, die weiß, was sie möchte, und die freie Wahl hat, wo und wie sie arbeiten will“, sagt Dr. med. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender KBV. Wichtig sei aber: „Unser ambulantes System funktioniert nicht ohne die selbstständigen Ärzte in eigener Praxis – schon gar nicht, solange die Politik den Versicherten ein unbegrenztes Leistungsversprechen macht.“ Deshalb sei sie gut beraten, den Nachwuchs nicht mit immer neuen gesetzlichen Vorgaben zusätzlich von einer Niederlassung abzuschrecken: „Die inhabergeführte Praxis darf kein Auslaufmodell werden, sonst fährt das System auf lange Sicht an die Wand. Es gibt keine Ersatzärzteschaft.“

Die Niederlassung dürfe von den angehenden Ärzten aber auch nicht eins zu eins mit der selbstständig geführten Einzelpraxis gleichgesetzt werden, betont der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister. Der ambulante Sektor biete verschiedene Optionen: Anstellung, Jobsharing, Einzel- oder Gemeinschaftspraxis, Stadt oder Land. „Keine Art der Berufsausübung ist inhaltlich und gestalterisch freier als die Selbstständigkeit. Das zu vermitteln, darin liegt die große Herausforderung.“

Momentan existieren bei den Studierenden einige Gründe, die gegen eine Niederlassung sprechen. In der aktuellen Umfrage nennen sie vor allem die hohe Bürokratie (62,3 Prozent), das hohe finanzielle Risiko (57,4 Prozent), drohende Regressforderungen (46,7 Prozent) sowie ein geringer fachlicher Austausch (46,4 Prozent) im ambulanten Bereich. Gegen eine angestellte Tätigkeit im Krankenhaus sprechen nach Ansicht der Studierenden hingegen eine hohe Arbeitsbelastung (78 Prozent), starker ökonomischer Druck (68 Prozent), wenig Freizeit (61 Prozent) sowie starre Hierarchien (58 Prozent).

Persönlicher Kontakt mit ärztlichen Ausbildern könne dazu beitragen, dass Studierende die ambulante Medizin als das erleben, was sie ist: spannend, vielseitig, erfüllend, betont Hofmeister. Gute Erfahrungen habe man in den vergangenen Jahren bei der Allgemeinmedizin gemacht. Tatsächlich trägt hier ein mittlerweile verstärkter und verbesserter Einblick in die hausärztliche Tätigkeit während des Studiums bereits Früchte: Die Allgemeinmedizin gewinnt deutlich an Attraktivität. 34,6 Prozent der Befragten gaben 2018 eine Präferenz für die Allgemeinmedizin an – mehr als in den Vorjahren (2010 nur 29,3 Prozent). Das Interesse für das Fach steigt zudem während des Studiums kontinuierlich. Während sich zu Studienbeginn nur 32,7 Prozent der Befragten vorstellen können, die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu absolvieren, sind dies in den klinischen Semestern bereits 36,7 Prozent der Studierenden und im Praktischen Jahr (PJ) sogar 39,6 Prozent (siehe Grafik 1).

Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin
Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin
Grafik 1
Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin

Eine gegenläufige Entwicklung ist für das Fach Chirurgie festzustellen. Bei der Befragung 2018 konnten sich lediglich 24,3 Prozent der befragten Medizinstudierenden eine Weiterbildung in dem Fach vorstellen. 2010 waren es noch 29,3 Prozent der Befragten. Auffällig ist zudem, dass die Nachwuchsärzte im Verlauf des Studiums immer mehr Abstand von dem Berufsziel Chirurgie nehmen. Während in der Vorklinik noch 32,4 Prozent der Studierenden dort ihre Zukunft sehen, geben in den klinischen Semestern nur noch 21,3 Prozent und im PJ sogar nur noch 18,1 Prozent die Chirurgie als ein Wunschfach an (siehe Grafik 2). „Chirurgische Fachgebiete müssen schnellstmöglich die gelebte und vermittelte Arbeitskultur und die Arbeitsbedingungen überdenken, um den starken Attraktivitätsverlust abzupuffern“, warnt Peter Jan Chabiera, Vizepräsident der bvmd 2018.

Präferenz (auch) für Chirurgie
Präferenz (auch) für Chirurgie
Grafik 2
Präferenz (auch) für Chirurgie

Die Befragung zeigt zudem, dass Studierende sich hinsichtlich der Digitalisierung der medizinischen Versorgung bisher wenig auf die Zukunft vorbereitet fühlen. Bei der Weiterentwicklung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs in der Medizin (NKLM) werde das Thema daher in Bezug auf alle Fertigkeiten, Haltungen und Rollen, die ein Arzt zukünftig einnehmen wird, Eingang finden, erläutert Dr. Frank Wissing, Generalsekretär des MFT. Auch die interprofessionelle Lehre und die Ausbildung in der ambulanten Medizin sollen verankert werden. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Die Befragungen im Internet:
http://t1p.de/w6zr

Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin
Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin
Grafik 1
Präferenz (auch) für Allgemeinmedizin
Präferenz (auch) für Chirurgie
Präferenz (auch) für Chirurgie
Grafik 2
Präferenz (auch) für Chirurgie

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