ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2019Von schräg unten: Passt nicht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Passt nicht

Dtsch Arztebl 2019; 116(7): [68]

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Füge zusammen, was zusammenpasst, und nicht das, was einander hasst. So der wohlmeinende Rat meiner ärztlichen Ausbilder, die mir dabei halfen, die unzähligen Steine auf meinem Weg zum Mediziner beiseitezuräumen. Versäume keine Zeit mit stundenlangen Aufklärungen, wenn der Blinddarm durchgebrochen ist. Verheddere dich nicht in Wadenwickeln, wenn ein Abszess zu drainieren ist. Erkenne, was passt, so wirst du ein guter Arzt!

An diese großen Worte habe ich mich unwillkürlich erinnert, als ich in der WELT AM SONNTAG vom 23. Dezember 2018 ein Interview mit der Staatsministerin und Beauftragten für Digitalisierung Dorothee Bär sowie mit Stephanie Kaiser, früher tätig beim Klingeltonanbieter Jamba, jetzt Unternehmerin, die in junge Gesundheitsfirmen investiert, las. Es ging um die elektronische Gesundheitskarte, 2003 angekündigt, für 2006 geplante Geburt, aber auf 2021 verschoben. Zur Frage dieser milliardenteuren Schwangerschaft prallen die Welten aufeinander: Hier die tollen Ärzte, die mehr digitale Technik einsetzen wollen, um Fehldiagnosen, teure Apparate und Doppeluntersuchungen zu verhindern, dort die sturen Blockierer im Gesundheitssystem und Totdiskutierer, die rückwärtsgewandten Gremien, die moderne Entwicklungen blockieren. Digital heißt transparent, der Patient wird souverän, nur das ist modern!

Anzeige

Da bin ich doch mal schwer in mich gegangen, ob mein berufliches Ablaufdatum nicht schon längst überschritten ist. Ja, meine Patienten bekommen Anamnesebögen ausgehändigt, die häufig fehlerhaft ausgefüllt sind, weil sie beispielsweise eine Mandel- und Blinddarmentfernung nicht auseinanderhalten können, so wie Frau Ministerin. Das ist nicht schlimm, wirklich wichtige Informationen werden sowieso recherchiert, redigiert und im Arztbrief notiert. Und dieser wird ihnen, wenn nötig, in Papierform ausgehändigt.

Aber es kommt noch schlimmer: Hausärzte rufen mich doch tatsächlich an, wenn sie ein Problem mit ihren Patienten haben, das ich zielgerichtet lösen soll! Das geht gar nicht, so mündlich, über so was antikes wie ein Telefon, modern sind mehrere Gigabyte per Netz! Und wenn ich für meine Patienten Oberärzte in Krankenhäusern involviere, dann spreche ich mit ihnen. Sprechen! Was ist denn das für eine vorgestrige Methode! Besser, ich packe auf die Gigabyte von den Hausärzten noch ein paar drauf und maile sie ins Krankenhaus, das wird besagte Oberärzte mit größter Freude erfüllen, weil sie ehʼ schon mehr Zeit am PC verbringen als mit den Patienten. Für meine Patienten wird sicher alles viel, viel besser. Fühlen sie sich nicht heute schon häufig damit überfordert, all die Vorschriften für Medikamenteneinnahmen zu beachten, all die Empfehlungen für gesunde Lebensführung umzusetzen, so brauchen sie sich künftig nur noch mit den Datensicherheitssystemen und Archivierungen herumzuschlagen.

Ich bin ja nur ein kleiner niedergelassener Arzt, der für seine Patienten und nicht fürs Digitale arbeitet. Vielleicht auch ein alter Sack, der unter der Überinformation leidet. Digital generierte zehnseitige Krankenhaus- und zwanzigseitige Reha-Berichte, vollgepackt mit redundanten Informationen, sind mir ein Gräuel. Meine Schutzbefohlenen sind jedenfalls überaus glücklich, wenn ich auf kürzestem Weg ihre gesundheitlichen Probleme löse, und arbeiten gerne mit, indem sie wichtige Berichte einfach mitbringen. Modern hin oder her: Passt vielleicht etwas nicht wirklich zusammen, wenn eine Schwangerschaft 18 Jahre dauert?

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema