ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2019Kausaler Zusammenhang zwischen Solariennutzung und Melanomrisiko nicht gesichert
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Wir möchten das Studienergebnis, dass schätzungsweise 892 (5 %) Melanome auf die Nutzung von Solarien zurückzuführen seien (1), anhand der aktuellen Evidenzlage kritisch diskutieren, bevor daraus weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Risikoschätzer entstammen einer älteren Metaanalyse (2), die lediglich Assoziationen aufzeigt, aber keine Kausalität (3, 4). Studien zu diesem Thema stehen vor der Herausforderung, für natürliche UV-Exposition und andere Störfaktoren zu adjustieren (2, 3). Subgruppenanalysen aktueller Metaanalysen (3, 4) sprechen für die Hypothese, Solariennutzer seien Sonnenanbeter und erhöhten ihr Melanomrisiko durch natürliche UV-Strahlung.

Eine aktuelle Metaanalyse (3) berichtet folgende Risikoschätzer für Assoziationen der Melanomrate mit der Solariennutzung (Odds Ratios [95-%-Konfidenzintervalle]):

  • weltweit (1,19 [1,04; 1,35])
  • Europa (1,10 [0,95; 1,27])
  • Amerika (1,32 [1,05; 1,66])
  • Australien/Ozeanien (1,30 [1,00–1,69]).

Es ist unwahrscheinlich, dass das Fehlen statistischer Signifikanz in der Subgruppe „Europa“ durch eine geringe statistische Power begründet ist, da die signifikante Assoziation in der Subgruppe „Amerika“ (mit höherer natürlicher UV-Belastung) trotz deutlich geringerer Studienteilnehmeranzahl (Europa: 93 630; Amerika: 10 229; Australien: 1 083) erhalten bleibt (3).

Die von Gredner et al. (1) verwendeten Risikoschätzer entstammen einer Metaanalyse (2), die weltweit durchgeführte Studien berücksichtigt. Da regionale Faktoren, wie beispielsweise die natürliche UV-Belastung, die Ethnie der Studienpopulation und gesetzliche Solariennutzungsregelungen zu Altersbeschränkungen oder technischer Ausstattung, eine große Rolle spielen und sich in einzelnen Ländern deutlich unterscheiden, sollten für Krebslastberechnungen in Deutschland nur deutschlandweit oder europaweit durchgeführte Studien berücksichtigt werden. Diese Studien (3, 4) zeigen nach Solariennutzung aber keine statistisch signifikanten Unterschiede für das Melanomrisiko (zum Beispiel Odds Ratio 1,10 [0,95; 1,27]) in Burgard et al. [3]).

Daher halten wir Schätzungen bei der Beantwortung der Frage, ob und wenn ja, wie viele Melanome in Deutschland auf eine Solariennutzung zurückzuführen sind, für wissenschaftlich nicht ausreichend begründet.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0135a

Prof. Dr. med. Jörg Reichrath
Zentrum für Klinische und Experimentelle Photodermatologie und
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg
Joerg.Reichrath@uks.eu

Prof. Dr. med. Stefan Pilz
Medizinische Universität Graz
Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie

Univ.-Prof. Dr. Winfried März
Medizinische Universität Graz, Klinisches Institut für Medizinische
und Chemische Labordiagnostik und Medizinische Fakultät Mannheim
der Universität Heidelberg,
Universitätsmedizin Mannheim, Medizinische Klinik V (Nephrologie, Rheumatologie, Hypertensiologie, Endokrinologie und Diabetologie)

Interessenkonflikt
Prof. Reichrath ist Mitglied der Arnold-Rikli-Preis-Jury der Jörg Wolff Stiftung. Die Universität des Saarlandes mit Prof. Reichrath als einem von mehreren verantwortlichen Projektleitern bekam ein Forschungsstipendium von der Jörg Wolff Stiftung. Ein Stiftungszweck der Jörg Wolff Stiftung ist die Förderung von Forschung und Lehre über die gesundheitlichen Wirkungen von natürlicher oder künstlich erzeugter optischer Strahlung auf den Menschen. Die Stiftung hält wesentliche Teile an der JW Holding GmbH. Die JW Holding GmbH ist eine international tätige Unternehmensgruppe, die ihre Schwerpunkte in der Herstellung und dem Handel von Strahlungsquellen für kosmetische, medizinische und technische Anwendungen setzt.

Univ.-Prof. März erhielt finanzielle Zuwendungen von den Firmen Siemens Healthingeneers, Aegerion Pharmazeuticals, AMGEN, AstraZeneca, Sanofi, Alexion Pharmazeuticals BASF, Abbott Diagnostics, Numares AG, Berlin-Chemie, Synlab Holding Deutschland GmbH, Akzea Therapeutics, Bayer Vital GmbH, bestbion dx GmbH,
Boehringer Ingelheim Pharma GmbH und CoKG, Immundiagnostik GmbH, Merck Chemicals GmbH, MSD Sharp and Dohme GmbH, Novartis Pharma GmbH und Olink Proteomics.

Prof. Pilz erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Gredner T, Behrens G, Stock C, Brenner H, Mons U: Cancers due to infection and selected environmental factors—estimation of the attributable cancer burden in Germany. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 586–93 VOLLTEXT
2.
Boniol M, Autier P, Boyle P, Gandini S: Cutaneous melanoma attributable to sunbed use: systematic review and meta-analysis. BMJ 2012; 345: e4757 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Burgard B, Schöpe J, Holzschuh I, et al.: Solarium use and risk for malignant melanoma: meta-analysis and evidence-based medicine systematic review. Anticancer Res 2018; 38: 1187–99 MEDLINE
4.
Colantonio S, Bracken MB, Beecker J: The association of indoor tanning and melanoma in adults: systematic review and meta-analysis. J Am Acad Dermatol 2014; 70: 847–57.e1–18.
1.Gredner T, Behrens G, Stock C, Brenner H, Mons U: Cancers due to infection and selected environmental factors—estimation of the attributable cancer burden in Germany. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 586–93 VOLLTEXT
2. Boniol M, Autier P, Boyle P, Gandini S: Cutaneous melanoma attributable to sunbed use: systematic review and meta-analysis. BMJ 2012; 345: e4757 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3. Burgard B, Schöpe J, Holzschuh I, et al.: Solarium use and risk for malignant melanoma: meta-analysis and evidence-based medicine systematic review. Anticancer Res 2018; 38: 1187–99 MEDLINE
4. Colantonio S, Bracken MB, Beecker J: The association of indoor tanning and melanoma in adults: systematic review and meta-analysis. J Am Acad Dermatol 2014; 70: 847–57.e1–18.

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