ArchivDeutsches Ärzteblatt26/1996Das „Museum Anatomicum“: Sammelsurium medizinischer Sezierkunst

VARIA: Feuilleton

Das „Museum Anatomicum“: Sammelsurium medizinischer Sezierkunst

Coordes, Gesa

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LNSLNS Für manche Besucher ist es schlicht ein "Gruselkabinett": 300 Schädel, Dutzende von Skeletten, Totenmasken, Mumien, Schrumpfköpfe sowie Tausende von Präparaten fast aller Körperteile. Das "Museum Anatomicum" beherbergt die Anotomische Sammlung der Marburger Universität, die zu den attraktivsten in Deutschland und neben Jena und Ingolstadt zu den ganz wenigen gehört, die öffentlich zugänglich sind.
Hier findet sich ein Sammelsurium medizinischer Sezierkunst vom 17. Jahrhundert bis heute: Riesige Geschwulste am Arm, ungewöhnliche Frakturen, zu Leder verarbeitete menschliche Haut, Korrosionspräparate von Lunge und Milz, Klumpfüße, 300 Ohrpräparate, Mißbildungen aller Art. Gleich am Eingang begegnet der Besucher den in Alkohol eingelegten Embryonen von siamesischen Zwillingen. Daneben ist das Meisterwerk des Gründers der Anatomischen Sammlung zu sehen: Der sogenannte "Bünger-Kopf", ein herausragendes Trockenpräparat, das Brust-, Hals- und Kopfarterien freilegt.
Der schwarze Kopf diente – ebenso wie alle anderen Präparate – einst als Anschauungsmaterial für Medizinstudenten. Das älteste "Prachtstück" ist das rund 350 Jahre alte Skelett des "langen Anton". 2,44 Meter maß der Braunschweiger Landsknecht, der nur noch mit einem Stock gehen konnte. In seiner Schädelgrube entdeckten die Mediziner Knochenveränderungen, die auf einen wachstumsfördernden Tumor schließen lassen.
Viele Exponate verdankt das Museum Christian Heinrich Bünger, der als Direktor des anatomischen Instituts in der Zeit von 1812 bis 1842 die Sammlung zu einer der "größten und schönsten Deutschlands" gemacht haben soll. Den Medizinern mangelte es fast ständig an Sezierleichen, dem mitunter nur "zufällig durch die Hinrichtung mehrerer Räuber" abgeholfen werden konnte. Sie hatten nämlich Anspruch auf verstorbene Insassen aus Zuchthäusern und "Irrenansstalten", später auch aus den Landeskrankenhäusern Fulda und Kassel.
Bünger verfertigte kunstvolle Injektionspräparate, bei denen durch Einspritzen von flüssigem, gefärbtem Wachs in die Hohlräume das Gefäßsystem gezeigt werden konnte. Im Laufe der Jahre kamen 20 vollständige Skelette hinzu, mit denen Buckelbildungen, Knochenerweichungen und Rachitis demonstriert wurden.
Aus dem 19. Jahrhundert stammt die Sammlung von rund 300 Schädeln, mit der Bünger 1810 begann und die von seinen Nachfolgern fortgeführt wurde. Bei der Nebeneinanderstellung von Malayen, Amerikanern, Afrikanern, Chinesen und Europäern ging es Mitte des 19. Jahrhunderts noch um die Darstellung der Variationsbreite menschlicher Schädelknochen. Während des Nationalsozialismus wurden sie für die Rassenideologie mißbraucht.
Gar nichts für zarte Gemüter ist der Ausstellungsraum mit den embryologischen Präparaten: Tot- oder Ungeborene mit hervorquellender Hirnsubstanz und fehlenden Gliedern, Zwitter und Froschköpfe sind hier in Alkohol konserviert. Im Längsschnitt ist das "Marburger Lenchen" in einem Glasgefäß zu sehen. Das buckelige Mädchen war um 1890 von einem Medizinstudenten geschwängert und verlassen worden. Als die Geburtswehen einsetzen, stürzte sie sich in die Lahn. Ihr Leichnam landete in der Anatomie, wo neben ihren Organen auch der Fötus im Geburtskanal in Querschnitten freigelegt wurde.
Doch trotz der vielen Raritäten führt das "Museum Anatomicum" in Marburg ein Schattendasein auf dem Dachboden des ehemaligen Pathologie-Gebäudes. Gerade einmal zwei Stunden monatlich war die Sammlung geöffnet. Und auch dies ist nur aufgrund des ehrenamtlichen Engagements der Biologin Dr. Kornelia Grundmann möglich, die in dieser Zeit über 100 Gäste durch die Räume führte. Doch nachdem ein Besucher ein Bild, ein anderer einen ganzen Schädel mitgehen ließ, sind jetzt nur noch Gruppenführungen möglich. Das anatomische Institut sei "jämmerlich arm", klagt Prof. Gerhard Aumüller.
Das Museum wird nämlich ausschließlich aus diesem Etat finanziert – Spielraum für dringend erforderliche Restaurationen, einen Katalog oder einen Mitarbeiter für die Ausstellung läßt er nicht. Vor Jahren spendierte das Land einige Vitrinen, die Behringwerke ebenfalls. Mehr gab es trotz der zahlreichen Versuche nicht, die Aumüller in den vergangenen Jahren startete.
Und so mußte eine Gipsmaske am Fenstergriff befestigt werden, während andere Exponate wenig attraktiv auf Ikea-Regalen liegen. Unterdessen bröckelt der Putz, das Dach ist nämlich undicht. Gruppen von mindestens zehn Personen können sich unter Telefon 06421/287011 oder 06421/286245 anmelden. Gesa Coordes
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