ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2019Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Gesetzlicher Etikettenschwindel

POLITIK

Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Gesetzlicher Etikettenschwindel

Dtsch Arztebl 2019; 116(8): A-350 / B-288 / C-286

Montgomery, Frank Ulrich

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium hat Anfang Januar einen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung vorgelegt. Die Ärzte lehnen den Entwurf ab. Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer.

Foto: WavebreakMediaMicro/stock.adobe.com
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Gut Ding will Weile haben“ – so sagt es der Volksmund. Anders verhält es sich mit dem Gesetzentwurf zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung, an dem schon die letzte Bundesregierung arbeitete. Ausreichend Zeit – und viele warnende Stimmen aus der Ärzteschaft – haben die von Anfang an falsch angelegte Reform nicht retten können. Im Gegenteil: Der Ende Februar im Bundeskabinett zur Abstimmung stehende Referentenentwurf verfehlt völlig das ursprünglich gesetzte Ziel einer verbesserten Ausbildung in diesem wichtigen Versorgungsbereich. Er führt stattdessen zu einer Gefährdung von Patientinnen und Patienten. Dazu kann die Ärzteschaft nicht schweigen.

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Um eines vorwegzunehmen: Wir erkennen an, dass die derzeitige Ausbildungsregelung für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten überarbeitet werden muss. Die Ausbildungssituation der „Psychologischen Psychotherapeuten in Ausbildung“ ist unwürdig. Unsere Bereitschaft zu einer sinnvollen Reform haben wir in einer Fülle von Anhörungen, Gesprächen und Interventionen immer wieder bestätigt.

Patientensicherheit gefährdet

Wir wollen Verbesserungen. Aber eine solche Reform darf nicht auf Kosten der seit vielen Jahren bewährten multidisziplinären Zusammenarbeit in der psychotherapeutischen Versorgung gehen – und schon gar nicht zulasten der Patienten.

Doch genau darauf läuft es hinaus. Erstes Beispiel: Bei der Umschreibung des Begriffs Psychotherapie soll die Notwendigkeit der Abklärung möglicher organischer Erkrankungen durch Ärzte entfallen. Gesetzlich werden Seele und Körper getrennt. Im totalen Widerspruch dazu sollen die zukünftigen Studierenden die Feststellung, Erhaltung, Förderung oder Wiedererlangung der „physischen Gesundheit“ von Patienten als Ziel in ihrem Studium verfolgen. Das ist Unfug. Somatische Erkrankungen mit psychischen Folgestörungen müssen im Interesse der Patienten kompetent ärztlich diagnostiziert und angemessen therapiert werden. Der Gesetzgeber sollte es deshalb dringend bei der geltenden Formulierung belassen.

Gleiches gilt für den mit der Reform geplanten Modellstudiengang zur Verschreibung von Psychopharmaka. Ohne die grundlegenden Kenntnisse des Arztes in Pharmakologie und Stoffwechselvorgängen sollen hochpotente Psychopharmaka angewendet werden. Das ist lebensgefährlich! Selbst die Mehrheit der Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten lehnt eine Aufgabenübernahme in der Pharmakotherapie ab. Auch das vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebene Forschungsgutachten zur Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten von April 2009 sprach sich gegen eine Verschreibungsbefugnis von Medikamenten aus. Darauf wird sogar in der Begründung des Referentenentwurfs hingewiesen.

Dort findet sich im Übrigen eine weitere interessante Aussage: „Befugniserweiterungen [sind] zunehmend Thema im Prozess der Novellierung aller Heilberufe.“ Euphemistisch wird dies damit begründet, dass man Ärzten die Möglichkeit geben wolle, sich stärker auf ihre ärztlichen Kernaufgaben zu konzentrieren. Wieder werden Körper und Seele getrennt.

Lieber Herr Minister, es sollte außer Frage stehen, dass die Pharmakotherapie zu den ärztlichen Kernaufgaben gehört. Wenn daran gerüttelt wird, gefährdet das die Patientensicherheit in ganz erheblichem Maße.

Klare Berufsbezeichnung nötig

Auch muss die Berufsbezeichnung die ärztlichen oder psychologischen Kompetenzen der Psychotherapeuten klar erkennen lassen. Keine Berufsgruppe darf Psychotherapie für sich allein reklamieren und die andere als Sonderfall ausgrenzen. Der neue Beruf des Psychotherapeuten darf als Einziger die Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ führen – breit ausgebildete Fachärzte für Psychotherapie müssen sich hingegen als „ärztliche Psychotherapeuten“ bezeichnen.

Ich habe es schon mehrfach gesagt und ich bleibe dabei: Die vorgesehene Reduktion der Berufsbezeichnung auf „Psychotherapeut“ für Absolventen des Direktstudienganges ist ein Etikettenschwindel. Das schlechter ausgebildete „Produkt“ bekommt die hübschere Verpackung. Wie soll die Bevölkerung erkennen, dass gerade Ärzte mit Facharztstatus als hoch qualifizierte Psychotherapeuten nach längerer Aus- und Weiterbildung und mit umfassenderem Wissen tätig sind?

„Wir wollen Verbesserungen. Aber eine solche Reform darf nicht zulasten der Patienten gehen.“ Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Foto: dpa
„Wir wollen Verbesserungen. Aber eine solche Reform darf nicht zulasten der Patienten gehen.“ Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer. Foto: dpa

Dies gilt umso mehr, als dem Referentenentwurf die falsche Annahme zugrunde liegt, dass Psychotherapie isoliert und anders als heute ohne ein wissenschaftlich fundiertes Grundstudium mit darauf aufbauender psychotherapeutischer Weiterbildung als reine Behandlungstechnik erlernt und ausgeübt werden kann. Das mutet an wie die Rückkehr zur Qualifizierung von (direkt ausgebildeten) Bader-Chirurgen oder Dentisten in der mittelalterlichen Ständegesellschaft.

Unzureichend ist zudem der Regelungsvorschlag zum Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie. Dieses interdisziplinär besetzte Gremium stellt nicht nur die Entwicklung berufsgruppenübergreifender Standards sicher, sondern übernimmt eine zentrale Rolle in der Qualitätssicherung der psychotherapeutischen Versorgung. Im Interesse des Patientenschutzes ist daher eine eindeutige gesetzliche Verankerung dieses Gremiums zwingend.

Reform der Reform angehen

Auf die Bundesländer kommen große Kosten zu. Lehrstühle, Ausbildungs- und Weiterbildungseinrichtungen für den neu geschaffenen Beruf gibt es bisher nicht. Weiterbildung findet bisher im Regelfall an ärztlich geleiteten Einrichtungen statt. Das würde unweigerlich zu einer Konkurrenz von Absolventen der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung mit Ärzten um Weiterbildungsstellen führen.

Diese Beispiele zeigen, dass die geplante Ausbildungsreform eben nicht – wie dies gern behauptet wird – allein Sache der betroffenen Berufsgruppen ist. Dieses Gesetz wirkt tief in die psychotherapeutische Versorgung ein und verschlechtert, ja gefährdet vor allem die Versorgung von Patientinnen und Patienten.

Das sollte sich die Politik vergegenwärtigen und die Reform der Reform jetzt angehen.

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Präsident der Bundes­ärzte­kammer

Stellungnahme der Bundes­ärzte­kammer

Die Bundes­ärzte­kammer hat ihre Kritik an dem vom Bundesministerium für Gesundheit vorgelegten Referentenentwurf für eine Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung in einer Stellungnahme bekräftigt. Sie fordert das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf, den Entwurf mit Blick auf die bewährte multidisziplinäre Zusammenarbeit in der psychotherapeutischen Versorgung und im Interesse einer qualitätsgesicherten Psychotherapie umfassend zu überarbeiten.

Die Stellungnahme im Internet:
http://daebl.de/TA52

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