ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: William Heberden, analytischer Beobachter und kluger Praktiker

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: William Heberden, analytischer Beobachter und kluger Praktiker

Dtsch Arztebl 2019; 116(8): [56]

Schuchart, Sabine

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Der universell gebildete und auf vielen Gebieten höchst fachkundige englische Arzt, der zahlreiche Krankheiten als Erster präzise beschrieb, war einer der großen Mediziner des 18. Jahrhunderts. Auch der Londoner Hof holte bei ihm gesundheitlichen Rat ein.

Die Heberden-Arthrose mit den typischen Verdickungen an den Fingerendgelenken (Heberden-Knoten) erhielt seinen Namen. Und doch hatte diese Entdeckung William Heberdens des Älteren (1710–1801) in seiner langen, an Beiträgen zur Rheumatologie und Medizin reichen Laufbahn keine zentrale Bedeutung. Elementarer waren seine neuen Erkenntnisse zum Asthma und 1768 seine bahnbrechende Erstbeschreibung einer Krankheit, die der englische Arzt in lateinischer Sprache, in der er lebenslang seine Notizen verfasste, anschaulich Angina pectoris nannte. Seine Darstellung der „Brustenge“ und damit der koronaren Herzkrankheit hat im Wesentlichen bis heute Bestand. Vielseitig gelehrt, mit brillantem Intellekt und glänzender Beobachtungsgabe ausgestattet, befasste er sich mit den verschiedensten Medizinfragen. Als Erster differenzierte er zwischen Gicht und Arthrose und grenzte die Windpocken als eigenständige Krankheit von den Pocken ab. Er widmete sich Leberleiden und Pilzvergiftungen, der Trinkwasserreinigung und Botanik und sorgte dafür, dass traditionelle Rezepturen, die er als schädlich für den Patienten erkannte, aus dem Arzneibuch verschwanden. Heute würde man ihn als Ganzheitsmediziner bezeichnen, dem die Prävention von Krankheiten ebenso wichtig war wie deren Behandlung.

Zum akademisch ausgebildeten Physicus avancierte Heberden in einer Zeit, als noch Bader mit Aderlässen, Schröpfen und Knocheneinrenken die Volksmedizin bestimmten. 1710 als Sohn eines Kutschers und späteren Gastwirts in Southwark südlich der Themse geboren, führte ihn sein kometenhafter Aufstieg zum populärsten Arzt Londons bis an den englischen Hof, der ihn konsultierte. Sogar Leibarzt von Queen Charlotte, Gattin Georgs III., sollte er werden, was er aber ablehnte, da ihn seine florierende Praxis voll und ganz in Anspruch nahm.

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Bereits in der Grammar School erwies sich der kleine William als so intelligenter Schüler, dass er mit 14 Jahren von seinen Lehrern an das St. Johns College der Universität Cambridge vermittelt wurde. Auch dort fiel seine Hochbegabung auf und er erhielt nach sechs Jahren ein Stipendium für das Medizinstudium, das er 1732 mit dem Magister und 1739 dem Doktortitel abschloss. Danach arbeitete er als praktischer Arzt in Cambridge und lehrte an der Universität Materia medica, Arzneimittelkunde. Mit 36 Jahren ließ er sich 1746 in London nieder. Wegen seines profunden Wissens, seiner Empathie und treffsicheren Diagnosen war er bald sehr gesucht. Letztere basierten auf seiner an Fakten orientierten Wahrnehmung des Patienten. Aberglauben und Spekulation, damals gang und gäbe in der Medizin, lehnte er ab. Er fungierte als einflussreiches Mitglied des Royal College of Physicians und der Royal Society, für die er wissenschaftliche Schriftenreihen initiierte und betreute.

Heberden war liberal, religiös und sozial engagiert, er galt als liebenswürdig und positiv. Privat musste er indes einige Tragödien verkraften. Seine erste Frau starb kurz nach dem Tod des zweiten Sohnes. Aus der Ehe danach hatte er acht weitere Kinder, von denen nur zwei überlebten. Noch mit Anfang 80 betreute er Patienten, zuletzt nur noch im Winter, da er die Sommer in seinem Haus in Windsor verbrachte. Heiter gestimmt war er bis zu seinem Tod mit 90 Jahren. Von seinem letzten Lebensjahr sagte er, es sei „trotz der Veränderungen des Alters sein allerangenehmstes gewesen“. William Heberden, Jr. (1767–1845), folgte dem Vater als Arzt. Er übersetzte dessen berühmte „Comentarii de morborum historia et curatione“ aus dem Lateinischen ins Englische. Dieses Mammutwerk hatte Heberden im Alter aus seinen gesammelten Notizen am Krankenbett zusammengestellt, aber die Publikation 1802 nicht mehr erlebt. Sabine Schuchart

1802 erschienen in London die „Comentarii de morborum historia et curatione“ bzw. „Comentaries on The History and Cure of Diseases“, in denen die langjährigen Patientenbeobachtungen des legendären Arztes William Heberden aufgeführt sind. Das Werk wurde posthum von seinem Sohn außer im lateinischen Original auch in Englisch veröffentlicht. 1831 kam eine deutsche Übersetzung heraus. Kapitel 28 behandelt die später nach Heberden benannte idiopathische Arthrose der Fingerendgelenke mit den charakteristischen, anfangs kaum schmerzenden Knoten, die zehnmal mehr Frauen als Männer betrifft. Auch ein weiteres Leiden, das Heberden im 18. Jahrhundert als Erster näher definierte und in den „Comentarii“ anhand von zirka 100 Patientenfällen erläuterte, trug zeitweise seinen Namen: das Heberden-Asthma. Heute ist es fast nur noch unter dem ursprünglich von ihm gewählten Begriff Angina pectoris bekannt.

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