ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2019Verlust medizinhistorischer Reflexion: Traurig, aber wahr

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Verlust medizinhistorischer Reflexion: Traurig, aber wahr

Dtsch Arztebl 2019; 116(8): A-356 / B-292 / C-291

Koehler, Ulrich

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Die Geschichte der Medizin soll und kann die Basis für das Verständnis und das Verstehen einer humanen Medizin in unterschiedlichen Zeiten, Kulturen und Religionen legen. Der Autor warnt vor zunehmendem Verlust medizingeschichtlichen Wissens unter Ärztinnen und Ärzten.

Prof. Dr. med. Ulrich Koehler, Universitätsklinikum Marburg
Prof. Dr. med. Ulrich Koehler, Universitätsklinikum Marburg

Als Hochschullehrer, der seit über drei Jahrzehnten die Innere Medizin lehrt, hat mich eine Erkenntnis in den letzten Jahren besonders negativ beeindruckt: Die nahezu völlige Unkenntnis der Studentinnen und Studenten hinsichtlich historischer Gegebenheiten und Personen, die den Weg der Medizin in die Gegenwart entscheidend und richtungsweisend beeinflusst haben. Allein die Tatsache, dass die Studenten am Ende ihres Studiums nicht einmal um die Geschichte und den Erfinder des Stethoskops wissen, gibt zu denken. Wer wissenschaftliches Denken und Handeln erfahren will, kommt jedoch nicht umhin, sich auch mit der historischen und kulturellen Entwicklung der Medizin auseinanderzusetzen. Warum will niemand mehr wissen, wie um die Entdeckung der Perkussion, der Zirkulation, der Erforschung des zellulären Mikrokosmos gerungen wurde?

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Die Naturwissenschaften und die Medizin liefern wie kaum eine andere Wissenschaft den Beweis, dass im Sinne der Patienten beständig nach neuen Wegen und Erkenntnissen gesucht werden muss. Der Fortschritt gilt als unaufhaltsam, begründet sich aber immer wieder auf historische Reflexion. Dogmatische Wahrheiten sollte es in der Medizin nicht geben! Die Entwicklung der Medizin bedeutet wahrlich nicht nur Geradlinigkeit, sondern auch Krisen und Auseinandersetzungen. Es geht um Problemstellungen, mit denen sich die Mediziner und Wissenschaftler der heutigen Generation ebenso auseinandersetzen müssen, wie es diejenigen früherer Epochen getan haben. Beim Studium der Humanmedizin darf es nicht ausschließlich um das Erlernen von Fakten, Definitionen und kommunikativen „Kompetenzen“ gehen. Die Medizin ist gegründet auf naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, der hinterfragt und belegt werden muss. Der historische Weg der diagnostischen und therapeutischen Medizin ist äußerst lehrreich und auch faszinierend. Die Geschichte der Medizin sollte und kann die Basis legen für das Verständnis und das Verstehen einer humanen Medizin in unterschiedlichen Zeiten, Kulturen und Religionen.

Die Strukturänderungen der akademischen Ausbildung zur Ärztin beziehungsweise zum Arzt sind seit Jahren Gegenstand der Diskussion. Es besteht kein Zweifel, dass das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels, epidemiologischer Veränderungen sowie des rasanten medizinischen Fortschritts auch perspektivisch vor enormen Veränderungen stehen wird. Im Zeitalter der hoch technologisierten und „sprachlosen“ Medizin wird es jedoch höchste Zeit sich wieder auf die eigenen Wurzeln und die eigentliche „Berufung“ zu besinnen. Die Öko­nomi­sierung der Medizin trägt ein Übriges dazu bei, dass sich Studenten und junge Ärzte mehr mit „Zahlen“ und „Bürokratie“ beschäftigen müssen als mit ihrer Kernaufgabe. Das ist traurig und zweifellos der falsche Weg!

Die Humanmedizin ist eben nicht nur eine Natur-, sondern auch eine Geistes- und Kulturwissenschaft. Als Wissenschaft steht sie in untrennbarem Zusammenhang mit der ökonomischen und politischen Entwicklung einer Gesellschaft. Das Studium der Humanmedizin bedarf deshalb insbesondere auch einer geistigen und ethischen Orientierung der Studenten. An den vielen Beispielen erbittert geführter Auseinandersetzungen um große Entdeckungen und Erfindungen zeigt die Geschichte der Medizin eindrucksvoll das Zusammenspiel zwischen medizinischer Innovation und den gesellschaftspolitischen und sozialen Gegebenheiten. Unsere Studenten und jungen Ärzte müssen lernen, dass das Rüstzeug, was wir ihnen mit auf den Weg geben, auch genutzt werden muss, um Lehrmeinungen, Autoritäten und Methoden kritisch zu hinterfragen. Am Beispiel aktuellster Genmanipulation in China wird uns wieder einmal drastisch vor Augen geführt, wie wichtig eine ethisch-moralische und auch politische Auseinandersetzung ist.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. Ulrich Koehler
Klinik für Innere Medizin
SP Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH
Baldingerstraße 1
35033 Marburg

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