ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2019Notfallversorgung: Kooperationen stärken

POLITIK

Notfallversorgung: Kooperationen stärken

Dtsch Arztebl 2019; 116(8): A-352 / B-290 / C-288

Osterloh, Falk

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Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn will die Notrufnummer 112 und 116117 miteinander verbinden. In vielen Bundesländern arbeiten Vertragsärzte und der Rettungsdienst bereits zusammen – mit großem Erfolg.

Ein rares Gut: Die Zahl der Dispatcher in Rettungsleitstellen sinkt. Foto: picture alliance
Ein rares Gut: Die Zahl der Dispatcher in Rettungsleitstellen sinkt. Foto: picture alliance

Vertragsärzte und der Rettungsdienst wollen künftig noch enger zusammenarbeiten, um die Qualität der Notfallversorgung weiter zu verbessern. Das erklärten beide Seiten vor Kurzem auf der ersten „Kooperationstagung Rettungsleitstellen“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin. Einig waren sich alle Beteiligten auch, dass dieser Versorgungsbereich in Deutschland dringend reformiert werden müsse.

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Denn „die Inanspruchnahme der Notfallversorgung durch die Bevölkerung steigt seit Jahren an“, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Stephan Hofmeister. Die Zahl der ernsthaft erkrankten Notfallpatientinnen und -patienten nehme hingegen nicht zu. Zugleich werde sowohl die Ressource Arzt als auch die des erfahrenen Dispatchers in der Rettungsleitstelle oder des Notfallsanitäters immer knapper. Der Ärztliche Leiter der Rettungsstelle Köln, Prof. Dr. med. Alex Lechleuthner, erklärte, dass die Zahl der Notfalleinsätze in Köln von 74 476 im Jahr 2002 auf 120 016 im Jahr 2014 angestiegen sei. Die Feuerwehr Köln gehe davon aus, dass sich die Zahl der Einsätze bis 2025 weiter auf 186 990 erhöhen werde.

Veränderte Erwartungshaltung

Als Grund für die steigende Inanspruchnahme nannte Prof. Dr. med. Marion Haubitz die veränderte Erwartungshaltung der Bevölkerung. „Die Patienten fordern die Versorgung“, sagte die Direktorin der Medizinischen Klinik III (Nephrologie) am Klinikum Fulda, die bis Ende Januar auch Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) war. „Sie wollen nicht lange auf ihre Behandlung warten – selbst wenn aus medizinischer Sicht gar keine Notfallsituation vorliegt.“ Viele Patienten glaubten zudem, sie bekämen eine schnellere und umfassendere Diagnostik im Krankenhaus.

Um die Notfallversorgung zu reformieren, hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) im Dezember 2018 entsprechende Eckpunkte vorgelegt, die zu großen Teilen auf Vorschlägen des SVR beruhen. Darin ist zum Beispiel die Zusammenführung der Nummer des Rettungsdiensts, 112, und der Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdiensts, 116117, vorgesehen sowie eine erste Triage am Telefon. Zudem sollen sogenannte Integrierte Notfallzentren (INZ) in von den Bundesländern benannten Krankenhäusern eingerichtet werden, die von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und den Krankenhäusern gemeinsam betrieben werden und an denen der Notfallpatient an die richtige Versorgungsebene verwiesen wird.

Hofmeister befürwortete den Ausbau der telefonischen Erreichbarkeit für die Patienten. Studien hätten gezeigt, dass eine telefonische Beratung bis zu 20 Prozent der Anrufenden zufriedenstellend versorge, erklärte er. Es gebe also ein erhebliches Potenzial an Menschen, denen geholfen werden könne, ohne dass sie sich auf den Weg in eine Notaufnahme oder Bereitschaftsdienstpraxis machen müssten. Bereits heute kooperieren die KVen und der Rettungsdienst in vielen Bundesländern, um die Versorgung im Notfall besser abzustimmen (siehe Kasten).

Hofmeister kündigte an, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Nummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes in diesem Jahr mithilfe einer Werbekampagne innerhalb der Bevölkerung noch bekannter machen werde. Ziel der KBV sei es, dass die Nummer an 24 Stunden am Tag und an sieben Tagen in der Woche erreichbar ist. Dafür bedürfe es aber einer Gesetzesänderung, betonte er. Zudem arbeite die KBV zurzeit daran, ein einheitliches Ersteinschätzungsverfahren am Telefon anzubieten.

Einschätzung in drei Minuten

Der Geschäftsführer des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung (Zi), Dr. rer. pol. Dominik Graf von Stillfried, erklärte, dass die Erstfassung der Software SmED (Strukturiertes medizinisches Erst-einschätzungsverfahren für Deutschland) zur Jahresmitte einsatzfähig sei, die eine standardisierte Ersteinschätzung am Telefon oder im INZ ermögliche. „Wir wollen SmED als Medizinprodukt zulassen, es über Lizenzvereinbarungen anbieten und die Anwender schulen“, sagte von Stillfried. Angestrebt sei, mit der Software eine Ersteinschätzung innerhalb von drei Minuten zu erhalten.

Neben einer besseren Ersteinschätzung wird als Lösung für die steigende Inanspruchnahme der Notfallversorgung auch eine bessere Patientensteuerung diskutiert. Es gebe jedoch eine „Unlust“ in der Politik, sich dieses Themas anzunehmen, sagte Hofmeister: „Dazu fehlt der Mut. Darin müsste aber der eigentliche Ansatz liegen.“

Die KBV wünsche sich vom Gesetzgeber, dass er die Krankenkassen dazu verpflichtet, Wahltarife für eine primärärztliche Behandlung anzubieten, damit die Patienten die Möglichkeit hätten, einen solchen Tarif zu wählen, fuhr er fort. Denn mithilfe primärärztlicher Systeme würde die Steuerung der Patienten durch das System verbessert.

Aus dem Publikum kam der Wunsch, die Patienten durch Notfallgebühren zu steuern. „Der SVR hat keine Eigenbeteiligung der Patienten empfohlen“, sagte Haubitz. „Denn wir glauben, dass dadurch die Falschen in die Notaufnahmen kämen.“ Zudem wäre die Logistik nicht einfach, wie man bei der Praxisgebühr gesehen habe. „Ich möchte nicht, dass die Notaufnahmen das Geld von den Patienten einziehen müssen“, so Haubitz.

Von der Reform erhofft sie sich, dass die Patienten, die heute in der Notaufnahme zum Beispiel eine Kernspintomografie fordern, die allerdings aus medizinischer Sicht gar kein Notfall sind, künftig in den INZ keine Kernspintomografie mehr erhalten, sondern an eine Vertragsarztpraxis verwiesen werden.

Wenn der Patient lerne, dass er im INZ zwar nach mehrstündiger Wartezeit einen Arzt sehe, aber keine Kernspintomografie erhalte, werde er künftig gleich zum niedergelassenen Orthopäden gehen, glaubt Haubitz. Viele Patienten kämen heute allerdings auch in die Notaufnahme, weil ihr Hausarzt sie dorthin geschickt habe, gab sie zu bedenken. Die Problematik im Bereich der Notfallversorgung sei komplex.

In den Eckpunkten aus dem Ministerium ist auch vorgesehen, dass der Rettungsdienst Teil des Sozialgesetzbuches V wird. Wolfgang Kast vom Deutschen Roten Kreuz gab dabei zu bedenken, dass der Rettungsdienst nicht auf die Bereitstellung von Fahrzeugen für den Transport von Notfallpatienten reduziert werden dürfe. Denn der Rettungsdienst habe auch Aufgaben im Bereich der Gefahrenabwehr, der Autobahnrettung oder der Hilfe bei Großschadensfällen. „Wenn es darum gehen soll, den Rettungsdienst ins SGB V aufzunehmen, frage ich mich: welchen Teil des Rettungsdienstes?“, sagte Kark.

Falk Osterloh

Aus den Ländern

In vielen Bundesländern arbeiten die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) mit dem Rettungsdienst zusammen, zum Beispiel in Brandenburg. Unter der Nummer 116117 erfolgt eine Ersteinschätzung der Notfallsituation durch die KV. Stellt sich dabei heraus, dass der Patient ein Fall für den Rettungsdienst ist, wird er direkt an die zuständige Leitstelle weitergeleitet, die den Fall dann nicht noch einmal aufnehmen muss.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KV Brandenburg, Dr. med. Andreas Schwark, erklärte, dass die Zahl der Anrufe kontinuierlich zunehme. Derzeit seien es etwa 150 000 pro Jahr. Eine Evaluation habe ergeben, dass 88 Prozent dieser Anrufe auch wirklich in den Zuständigkeitsbereich der KV fielen. In Brandenburg wird die Zusammenarbeit aus Mitteln des Strukturfonds finanziert.

In einem Pilotprojekt im Regierungsbezirk Detmold wurden alle bestehenden Notfallnummern – neben der 112 und der 116117 auch die 19222 – gebündelt und an eine gemeinsame Leitstelle weitergeleitet. Dort werden die Anrufer anhand eines identischen Abfragesystem befragt und an den jeweils zuständige Versorgungsbereich vermittelt. „Eine strukturierte Abfrage ist unumgänglich und eine Triage ist essenziell“, sagte Meinolf Haase vom Bevölkerungsschutz des Kreises Lippe.

Eines der Ziele des Projektes ist es, die Wartezeit am Telefon zu verkürzen. Im Durchschnitt lag sie in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 bei 21,46 Sekunden, wie eine Evaluierung des Projekts ergab. In dieser Zeit gingen 19 360 Anrufe unter der Nummer 116117 ein. 15 185 von ihnen betrafen den ärztlichen Bereitschaftsdienst, weitere 1 199 den Rettungsdienst. „Wichtig ist es“, betonte Haase, „alle Partner aus der Region mitzunehmen. Ohne einen gemeinsamen Schulterschluss geht es nicht.“

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