ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Undifferenzierte Darstellung
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In der Übersichtsarbeit von Berthold et al. (1) schreiben die Autoren, dass „eine lineare Schädelfraktur ohne intrakranielle Verletzung“ bereits „bei Stürzen aus niedriger Höhe (Elternbett) auf eine harte Unterlage auftreten“ kann. Diese Darstellung ist undifferenziert und verkürzt; die Aussage somit falsch. Die Beurteilung der Frage, ob hier eine Unfallanamnese glaubhaft ist oder nicht, erfordert vom beurteilenden Arzt umfangreiche eigene oder extern eingeholte forensische Erfahrungen. Der unkritische und damit kontraproduktive Umgang mit der Literatur wird zum Beispiel auch in Bezug auf die Arbeit von Atkinson et al. (2) deutlich. Atkinson et al. klassifizieren ihre „Unfälle“ durch Zeugenaussagen zum angeblichen Entstehungsmechanismus der Verletzungen ohne diese Aussagen kritisch zu hinterfragen. Gerade dies ist aber die Aufgabe des verantwortlichen Arztes, da bei Misshandlungsfällen eben nicht mit einer „wahren“ Anamnese gerechnet werden kann. Eine fundierte Übersicht zu Stürzen von Kindern unter unterschiedlichsten Bedingungen von Alexander et al. (3) wird nicht erwähnt. Diese Arbeit widerspricht der oben zitierten Aussage von Berthold et al. (1). Eine gute, sehr aussagekräftige und differenzierte Darstellung (auch hinsichtlich der biomechanischen Aspekte) bieten Bilo et al. in ihrem Buch (4), das zwar erwähnt, aber leider nicht detailliert diskutiert wird.

Um fundierte Beratungen zur Pathogenese von Frakturen im Kindesalter anbieten zu können, bedarf es einer sorgfältigen Ausbildung und umfangreicher Erfahrungen. In Deutschland gibt es solche Spezialisten in der Rechtsmedizin (www.dgrm.de) und in den (fast immer rechtsmedizinisch beratenen) Kinderschutzgruppen in den verschiedenen Kinderkliniken. Diese sollten auch bei Frakturen und nicht nur zu einer multiprofessionellen Diagnostik angesprochen werden.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0146b

Prof. Dr. med. Elisabeth Mützel

Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät der LMU München

Elisabeth.Muetzel@med.uni-muenchen.de

PD Dr. med. Sibylle Banaschak

Institut für Rechtsmedizin der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln

Interessenkonflikt

PD Dr. Banaschak erhielt Honorare vom Springer-Verlag für eine Autoren- bzw.
Co-Autorenschaft im Rahmen einer Publikation, bei der ein Bezug zum Thema besteht .

Prof. Mützel erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Berthold O, Frericks B, John T, Clemens V, Fegert JM, von Moers A: Abuse as a cause of childhood fractures. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 769–75 VOLLTEXT
2.
Atkinson N, van Rijn RR, Starling SP: Childhood falls with occipital impacts. Pediatr Emerg Care 2018; 34: 837–41 CrossRef MEDLINE
3.
Alexander RC, Levitt CJ, Smith WL: Abusive head trauma. In: Reece RM, Ludwig S (eds.): Child abuse—medical diagnosis and management. Philadelphia Baltimore New York London: Lippincott Williams and Wilkins 2001; 2nd revised edition, p. 47–80.
4.
Bilo RAC, Robben SGF, van Rijin RR: Forensic aspects of pediatric fractures: differentiating accidental trauma from child abuse. Berlin, Heidelberg: Springer 2010 CrossRef
1.Berthold O, Frericks B, John T, Clemens V, Fegert JM, von Moers A: Abuse as a cause of childhood fractures. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 769–75 VOLLTEXT
2. Atkinson N, van Rijn RR, Starling SP: Childhood falls with occipital impacts. Pediatr Emerg Care 2018; 34: 837–41 CrossRef MEDLINE
3.Alexander RC, Levitt CJ, Smith WL: Abusive head trauma. In: Reece RM, Ludwig S (eds.): Child abuse—medical diagnosis and management. Philadelphia Baltimore New York London: Lippincott Williams and Wilkins 2001; 2nd revised edition, p. 47–80.
4. Bilo RAC, Robben SGF, van Rijin RR: Forensic aspects of pediatric fractures: differentiating accidental trauma from child abuse. Berlin, Heidelberg: Springer 2010 CrossRef

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