ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Primärprävention von Malignomen: Jahrelange Einnahme von ASS senkt das Risiko für Leberkrebs deutlich

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Primärprävention von Malignomen: Jahrelange Einnahme von ASS senkt das Risiko für Leberkrebs deutlich

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-422 / B-348 / C-344

Gerste, Ronald D.

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

In den USA gilt Acetylsalicylsäure (ASS) als „Wonder Drug“ und wird von fast der Hälfte der Bevölkerung zwischen 45 und 75 Jahren regelmäßig eingenommen. Fast jeder Fünfte von ihnen gibt an, dies zur Krebsvorbeugung zu tun. Und in der Tat haben mehrere Studien belegt, dass die Einnahme von Acetylsalicylsäure die Wahrscheinlichkeit, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, verringern kann. Als entscheidender Wirkmechanismus wird die antiinflammatorische Potenz vermutet. Schon Rudolf Virchow hatte im Jahr 1863 postuliert, dass Krebs am Ort einer Entzündung entstehe.

Nun hat eine amerikanische Autorengruppe die gepoolte Analyse 2er großer prospektiver Kohortenstudien, der Nurses’ Health Study and the Health Professionals Follow-up Study, zu einem möglichen Zusammenhang zwischen ASS-Einnahme und der Häufigkeit des hepatozellulären Karzinoms (HCC) vorgelegt (1).

Die Inzidenz des HCC hat sich in den USA seit den 1980er-Jahren circa verdreifacht. Als Ursache gilt eine Zunahme an Hepatitis-Virus-Infektionen, vor allem der chronischen Hepatitis C. Auch in anderen industrialisierten Ländern nahmen die HCC-Neuerkrankungsraten lange Zeit zu, in Deutschland vor allem bei Männern (2). Seit einigen Jahren stabilisiert sie sich.

Die Wissenschaftler aus Boston fanden bei der Analyse der Verläufe von 133 371 Studienteilnehmern über durchschnittlich 26 Jahre heraus, dass im Vergleich zu unregelmäßiger oder gar keiner ASS-Einnahme der regelmäßige Gebrauch des Wirkstoffes – 2 oder mehr Standarddosierungen von 325 mg pro Woche – mit einem deutlich reduzierten HCC-Risiko assoziiert war. Die Hazard Ratio [HR] für ein HCC lag bei 0,51 (95-%-Konfidenzintervall [95-%- KI][0,34; 0,77]).

Besonders deutlich wurde der protektive Effekt von ASS ab 5 Jahren regelmäßiger Einnahme: Ab diesem Zeitraum sank die HR auf 0,41 [0,21; 0,77]. Die Risikominderung war bei beiden HCC-Subtypen, dem zirrhotischen und dem nichtzirrhotischen, vergleichbar. Die regelmäßige Einnahme anderer, nichtsteroidaler Entzündungshemmer war dagegen nicht mit einem verminderten HCC-Risiko assoziiert (HR: 1,09 [0,78; 1,51]).

Fazit: „Das chemopräventive Potenzial von ASS zur Risikoreduktion für die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms ist also offensichtlich nicht nur mit der Regelmäßigkeit und der Dosierung, sondern auch ganz entscheidend mit der Gesamtdauer der ASS-Einnahme assoziiert, in den vorliegenden Studien ab 5 Jahren“, kommentiert Prof. Dr. med. Petra Reinecke vom Institut für Pathologie der Universität Düsseldorf. „Für einen breiten klinischen Einsatz von ASS in der Chemoprävention des HCC bedarf es jedoch weiterer Untersuchungen, auch für die Abwägung zwischen potenziellen Nebenwirkungen wie Blutungen und dem erwartbaren Nutzen. Das gilt besonders auch für die Frage nach den molekularen Wirkmechanismen von ASS, um die Rolle der Substanz für die Risikoreduktion eines hepatozellulären Karzinoms verstehen zu können.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Simon TG, Yanan M, et al.: Association between aspirin use and risk of hepatocellular carcinoma. JAMA Oncol 2018; 4: 1683–90.
  2. Schönfeld I, Kraywinkel K: Epidemiologie des hepatozellulären Karzinoms in Deutschland. Onkologe 2018; 24: 653–58.

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