ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Telesonografie: Untersucher am Ultraschallkopf in Kabul, Experte in Deutschland

MEDIZINREPORT

Telesonografie: Untersucher am Ultraschallkopf in Kabul, Experte in Deutschland

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-420 / B-346 / C-342

Scheit, Lorenz

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Innerhalb der Bundeswehr kann die Telesonografie sowohl im Inland als auch im weltweiten militärischen Einsatz an Land und zur See eingesetzt werden. Ein Pilotprojekt zeigt den möglichen Wissenstransfer in den zivilen Bereich auf.

Diagnostik über Distanzen: Links die Untersucherin im Inland, rechts der Experte am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Fotos: OFA Dr. L. Scheit
Diagnostik über Distanzen: Links die Untersucherin im Inland, rechts der Experte am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg. Fotos: OFA Dr. L. Scheit

Die fachärztlich-spezifische Behandlung von Patienten auf qualitativ hohem Niveau ist für den Gesundheitsdienst nicht nur im Inland, sondern auch weltweit in ländlich unterversorgten Regionen eine Herausforderung. Auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr mit weltweit circa 4 000 im Einsatz befindlichen Soldaten hat sich in den letzten Jahren dieser Herausforderung stellen müssen. Hierbei hat sich die Telemedizin als ein hervorragendes Medium für einen schnellen Wissenstransfer bewährt.

Militärische Auslandseinsätze in Krisenregionen sind gekennzeichnet durch geringe oder fehlende medizinische Infrastruktur, fehlende Kommunikationsverbindungen und verminderte Versorgungskapazitäten. Bei der Übertragung der notwendigen medizinischen Expertise wurde bereits in der Vergangenheit für laufende sanitätsdienstliche Einsätze auf die Telemedizin zurückgegriffen. Auf dem Gebiet der Radiologie, Mikrobiologie, Labormedizin, Tropenmedizin, maritimen Medizin oder in anderen fachdisziplinären Bereichen hat sich die Telemedizin im Sanitätsdienst der Bundeswehr bereits erfolgreich etabliert.

Standardisierter Ablauf

Die Sonografie ist vor allem im Auslandseinsatz ein effektives und schnell zur Verfügung stehendes Diagnoseverfahren, das nicht nur in akut- und notfallmedizinischen Fragestellungen bereitsteht, sondern auch in der Behandlung internistischer Erkrankungen eingesetzt wird. Sie ist ohne Gefährdung für den Patienten beliebig oft durchführbar und im Ablauf weitgehend standardisiert.

Die Validität der Untersuchung ist natürlich – wie bei den meisten bildgebenden Verfahren – abhängig von der Erfahrung des Untersuchers. Zwar hat die Sonografie in zahlreichen Weiterbildungsvorgaben Einzug gefunden, für die Sicherheit der Interpretation ist die Erfahrung durch deutlich mehr Untersuchungen nötig, als zum Erlernen der Untersuchungstechnik benötigt wird. Für den Ausgleich dieser Erfahrungsunterschiede bieten sich mit der Telesonografie weitreichende Möglichkeiten.

Während die Telemedizin als konzeptionelles Element bereits seit den 1980er-Jahren beforscht und etabliert wird, ist die Telesonografie ein bisher noch selten angewandtes, unterrepräsentiertes Verfahren. Ansätze zur Nutzung in Deutschland wurden 2006 in der Gynäkologie der MHH (3) sowie 2013 im Rahmen des bayerischen Forschungsprojekts „Telemedizinische Notfallversorgung im Rettungswagen am Beispiel Schlaganfallversorgung mit Telesonographie“ in Bayern dokumentiert.

International finden sich 2011 Beschreibungen über die Nutzung der Telesonografie mittels remote-gesteuerter Verfahren im Rahmen der Notfalldiagnostik durch Paramedics (5). Aktuell wird die Telesonografie in ländlichen Regionen der USA erprobt und kommt auch auf der internationalen Raumstation ISS zum Einsatz (1, 2, 4).

Eine grundsätzliche Umsetzung dieses Konzeptes auch über sehr weite Entfernungen scheint unter bestimmten technischen Voraussetzungen qualitativ gut möglich zu sein. Somit wäre die Nutzung von medizinisch-fachlicher Ultraschallexpertise in schwer zugänglichen Regionen weltweit an Land und zur See (z. B. im Rahmen von Expeditionen, militärischen oder Kriseneinsätzen oder auch auf Forschungsstationen im Polargebiet) bei Bedarf zu gewährleisten.

Hohe Auflösung in Echtzeit

In einem durch den Leiter des Sanitätsunterstützungszentrums Cochem, Oberstarzt Dr. med. Michael Neuhoff, initiierten Pilotprojekt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin (DLR) und der SCOTTY Group wurde im Juni 2018 die Funktionalität einer telesonografischen Einheit am Bundeswehrstandort Cochem erfolgreich getestet. Hierbei wurden Ultraschallaufnahmen im Realtime-Online-Verfahren mit hoher Auflösung in Echtzeit über eine sichere Internetzwerk-Datenstruktur-(SINA-)Datenleitung an eine dislozierte Expertenstelle übermittelt.

Aufgrund eines neuen Kompressionsverfahrens wird hierfür lediglich eine Bandbreite der doppelten ISDN-Geschwindigkeit benötigt. Für den technischen Aufbau wird neben dem Standard-Ultraschallgerät der Bundeswehr (Philips HD 7) eine sogenannte SCOTTY®-VKA-Anlage (BlueBox), eine Verschlüsselungskomponente (SINA-Box), eine steuerbare Kamera mit Headset und die Verarbeitungssoftware des Advanced System for Teleguidance in Diagnostics (ASYSTED) benötigt.

Bei der Begutachtung der Ultraschallaufnahmen in Echtzeit waren Kamera und Audioverbindung vorhanden, sodass die zugeschaltete Expertenstelle die Untersucherseite direkt instruieren und ein unmittelbares Feedback zur Befunderhebung geben konnte. Im Rahmen dieser Schaltung war es möglich, dass der Experte auch unerfahrene Untersucher dabei anleiten konnte, eine orientierende Herzechodarstellung vorzunehmen und valide Messwerte zu generieren, obgleich bisher keine eigenen Erfahrungen auf diesem Gebiet bestanden.

Zudem wurde zwischen den Standorten Cochem und Daun/Eifel eine Verbindung geschaffen, sodass telesonografische Konferenzen erfolgreich über 40 Kilometer Distanz durchgeführt werden können. Eine weitere Anbindung besteht zwischen der sanitätsdienstlichen Einrichtung in Daun und der 500 Kilometer entfernten Abteilung für Innere Medizin am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg.

Damit können erstmals in der Geschichte des deutschen Sanitätsdienstes der Bundeswehr regelmäßige Begutachtungen von Ultraschalluntersuchungen in Echtzeit durchgeführt werden, sodass eine verzugslose Expertise bei der Untersuchungsstelle vorliegt.

Zusätzlich können neben der Ultraschallbeurteilung auch weitere Befunde erörtert werden und dadurch zeitnah diagnostische und therapeutische Strategien für die Patienten festgelegt werden.

Aus dem wesentlichen Faktor der diagnostischen Sicherheit im Rahmen der Ultraschallkonferenz ergibt sich eine weitere relevante Komponente der Telemedizin, nämlich die ganzheitlich konzeptionelle Patientenführung im unmittelbaren Einklang zwischen behandelndem Truppenarzt/Hausarzt und einer fachärztlichen klinischen Expertenstelle.

Das telesonografische Projekt wurde am 12. November 2018 Vertretern der Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz vorgestellt, auch um einen möglichen Wissenstransfer in den zivilen Bereich zu fördern. Dieses Konzept erfordert neben der technischen Ausstattung und einer soliden organisatorischen Struktur aufseiten der klinischen Fachabteilung zusätzliche Personal- und Zeitressourcen.

Als weiterer Schritt ist geplant, die telesonografische Verbindung in einem Einsatzgebiet im Ausland zu erproben. Anhand der grundsätzlichen technischen Voraussetzungen ist eine unter datenschutzrechtlichen Vorgaben gesicherte Übertragung sowohl über eine terrestrische Intra- oder Internetverbindung als auch über eine Satellitenverbindung möglich.

Ein wesentlicher Faktor der telesonografischen Konferenzen ist – wie auch in anderen Publikationen erwähnt – die Weiterbildung und Ausbildung von ärztlichem Personal, die dem Primäruntersucher direkt zugutekommt.

Fazit

  • Die Telesonografie ermöglicht fachärztliche Expertise auf dem Gebiet der Inneren und Notfallmedizin für die Diagnostik in weit dislozierten Regionen.
  • Innerhalb der Bundeswehr kann die Methode sowohl im Inland als auch im weltweiten militärischen Einsatz an Land und zur See eingesetzt werden.
  • Die Bundeswehr übernimmt damit eine Vorreiterrolle für mögliche Versorgungskonzepte in der zivilen fachärztlichen Versorgung und Konsiliarberatung in ländlichen Regionen Deutschlands mit Erhöhung der fachärztlichen Expertise im Sinne einer Präsenz in der Fläche.
  • Aus den bisher Erfolg versprechenden Erfahrungen sollten weitere Projekte folgen, um die Effizienz dieser Methode weiter zu untersuchen und gegebenenfalls zu etablieren.

Dr. med. Lorenz Scheit

Oberfeldarzt und Oberarzt, Facharzt Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin,
Bundeswehrkrankenhaus Hamburg

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0919
oder über QR-Code.

1.
Arbeille P, Chaput D, Zuj K, et al.: Remote Echography between a Ground Control Center and the International Space Station Using a Tele-operated Echograph with Motorized Probe. Ultrasound Med Biol 2018; 44 (11): 2406–12 CrossRef MEDLINE
2.
Carbone M, Ferrari V, Marconi M, et al.: A tele-ultrasonographic platform to collect specialist second opinion in less specialized hospitals. Updates Surg 2018; 70 (3): 407–13 CrossRef MEDLINE
3.
Hillemanns P: Mehr Vorsorge für Schwangere. MHH und BKK unterzeichneten Vertrag über Telesonografie. MHH Info Oktober/November 2006: 40. https://www.mh-hannover.de/fileadmin/mhh/download/ueberblick_service/Info_06.10/38-45_Klinik.pdf (last accessed on 18 February 2019).
4.
Olivieri PP, Verceles AC, Hurley JM, Zubrow MT, Jeudy J, McCurdy MT: A Pilot Study of Ultrasonography-Naïve Operators‘ Ability to Use Tele-Ultrasonography to Assess the Heart and Lung. J Intensive Care Med 2018: 885066618777187. doi: 10.1177/0885066618777187 CrossRef
5.
Ito K, Tsuruta K, Sugano S, Iwata H: Evaluation of a wearable tele-echography robot system: FASTele in a vehicle using a mobile network. Conf Proc IEEE Eng Med Biol Soc 2011; 2011: 2093–6 CrossRef MEDLINE
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5.Ito K, Tsuruta K, Sugano S, Iwata H: Evaluation of a wearable tele-echography robot system: FASTele in a vehicle using a mobile network. Conf Proc IEEE Eng Med Biol Soc 2011; 2011: 2093–6 CrossRef MEDLINE

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