ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Radiomics: Die neue Verantwortung des Radiologen

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Radiomics: Die neue Verantwortung des Radiologen

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-415 / B-343 / C-339

Golder, Werner

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Die neue Software Radiomics soll dem Radiologen die Arbeit erleichtern. Tatsächlich setzt sie das Fach jedoch einer enormen Bewährungsprobe aus. Denn der Arzt muss sich entscheiden: Übernimmt er die digitale Diagnose – oder weicht er von ihr ab.

Prof. Dr. med. Werner Golder, Freie Universität Berlin
Prof. Dr. med. Werner Golder, Freie Universität Berlin

Radiomics, das revolutionär neue Expertensystem in der bildgebenden Diagnostik, hat Fahrt aufgenommen. Die Software des Programms extrahiert und verarbeitet eine große Zahl von quantitativen Parametern aus den Volumendatensätzen von Computertomografien, Magnetresonanztomografien, Positronen-Emissionstomografien und der entsprechenden Hybriddiagnostik, speist die gewonnenen Informationen in eine riesige fächerübergreifende Datenbank ein und gleicht sie mit anderen radiologischen sowie klinischen, genetischen, laborchemischen und histologischen Daten aus vielen verschiedenen Quellen ab. Auf diese Weise werden bilddatenbasierte Biomarker gewonnen, die nicht nur Diagnosen liefern, sondern auch Therapievorschläge und prognostische Aussagen machen. Der digitale Riese arbeitet blitzschnell, wird nie müde und ist nach den Resultaten vergleichender Untersuchungen der humanen Konkurrenz vor allem in der Tumordiagnostik bereits jetzt überlegen (siehe DÄ, Heft 16/2018).

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Den Radiologen plagt angesichts dieser Entwicklung die Frage, ob er mit dem Computerassistenten wenigstens halbwegs aussichtsreich konkurrieren kann. Die Entscheidung darüber, ob das System überhaupt genutzt wird, ist im Moment der Installation ohnehin gefallen; individueller Verzicht ist ausgeschlossen und wird auf keinerlei Verständnis und Nachsicht stoßen. Der Arzt für Radiologie wird aber durch Radiomics niemals von der ihm ureigenen Aufgabe entpflichtet werden, jedes einzelne Bild eines jeden Patienten unter Berücksichtigung der klinischen Informationen, die ihm gegeben, und der Fragen, die an ihn gestellt werden, zu betrachten und zu beurteilen. Es genügt nicht, das Ergebnis der maschinellen Analyse mehr oder weniger engagiert zu kommentieren und zu kommunizieren. Der Verzicht auf die Gewinnung eines eigenen Urteils – und zwar zu allen Details, auch Neben- und Zufallsbefunden – würde den Kern der Radiologie zum Schmelzen bringen.

Es wird dem Diagnostiker zwar nicht vorgeschrieben, zu welchem Zeitpunkt er Radiomics konsultiert. Er kann von Fall zu Fall entscheiden, ob er die Hilfe des Computers vor oder nach dem Abschluss der eigenen Meinungsbildung in Anspruch nimmt, ob Radiomics also die Erst- oder Zweitmeinung liefert. Diese Differenzierung hat aber grundsätzlichen Charakter, weil die Kenntnis des von der künstlichen Intelligenz getroffenen Urteils die Autonomie der Analyse des Radiologen potenziell beeinflusst. Gilt doch schon jetzt, dass die Vertrautheit mit einer Vorbeurteilung, vor allem, wenn sie aus anerkannter Quelle stammt, die selbstständige Entscheidungsfindung beeinflusst. Will der Diagnostiker dieses Problem vermeiden, so muss er sich ausnahmslos ein eigenes Urteil bilden und in Worte fassen, bevor er das Vergleichsresultat aus der Maschine abruft. Erst dann kann er frei entscheiden, ob er die geliehene Information vollständig übernimmt, sie nur teilweise akzeptiert, sie aus seiner in aller Regel überlegenen Kenntnis der Situation des Patienten individuell anpasst oder ob er sie verwirft. Unabhängig davon, welche Reihenfolge der Radiologe wählt, muss er die potenziellen Zweifel an der Entscheidung des Computers begründen. Will er sich dabei nicht in Phrasen flüchten, so dürfte die Formulierung des Widerspruchs sowie der diagnostischen Alternative eine anspruchsvolle Aufgabe sein. Das Plädoyer für die eigene Meinung wird viel Mühe und einiges an Zeit kosten, Zeit, die Radiomics dem Arzt eigentlich sparen soll.

Das Auswertungssystem leistet viel, aber es leistet keine Unterschriften. Der Radiologe hat seinen in mehr oder minder großem Umfang dem Computer entlehnten Befundbericht zu signieren und sich für das Placet zu fremdem geistigem Eigentum später auch zu rechtfertigen – im äußersten Fall vor Gericht im Rahmen eines Kunstfehlerprozesses. Dabei ist zu bedenken, dass die Herkunft der Daten, die Radiomics auswertet, unbekannt ist. Es steht zu vermuten, dass die von den anderen Fächern zur Verfügung gestellten Informationen – ebenso wie die der Radiologie – eine Reihe von Ungenauigkeiten, Fehlern und sogar Widersprüchen enthalten.

Die Entwickler von Radiomics stellen, wenn auch mutmaßlich absichtslos, die diagnostische Radiologie vor eine schwere Bewährungsprobe. Das Fach muss darüber entscheiden, wie natürliche und künstliche Intelligenz in seinem Aktionskreis harmonieren sollen. Denn der Wissenssockel der Disziplin darf auf keinen Fall vorschnell in eine Datenwolke ausgelagert werden.

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