ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Von schräg unten: Weiße Liste

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Weiße Liste

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): [56]

Böhmeke, Thomas

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Pssst. Ich traue mich es kaum zu sagen, denn es ist mir richtig peinlich: Ich gucke manchmal gerne Fernsehwerbung. Diese kurzen Schnipsel sind ungemein wohltuend, komplikationsfreie Handlung, perfekt inszenierte Bilder, fröhliche Menschen, die völlig begeistert von irgendeiner Sache sind. Das ist der kathartische Kontrapunkt zum alltäglichen Leben, das mit kaum zu bewältigender Komplexität aufwartet, nur aus Fettnäpfchen und Fallstricken zu bestehen scheint. Die immanenten Kaufanreize ignoriere ich spätestens dann, wenn für Monatsbinden geworben wird.

Und irgendwann wird der wohlwollende Betrachter auch aufgefordert, mit dem Arzt oder Apotheker Rücksprache zu halten. Da fühle ich mich in meiner Rolle als Gesundheitsarbeiter richtig wertgeschätzt, das tut unglaublich gut. In letzter Zeit habe ich häufiger diese meine Laune wiederherstellenden Momente gebraucht, weil mir aufgefallen ist, dass die Bedeutung meiner Arbeit in Frage gestellt wird. Nicht von Ministerien und Kassenärztlichen Vereinigungen, das bin ich ja schon gewohnt, sondern von den Krankenkassen. Das tut weh. Denn diese sind ja fast genauso nahe an unseren Schutzbefohlenen dran wie wir, verfügen über alle relevanten Daten und können somit genau feststellen, ob wir irgendwelchen Mist machen. Beispielsweise eine gynäkologische Patientin in ein Krankenhaus einweisen, das gar nicht über eine Gynäkologie verfügt. Aufregung, Empörung, Drama!

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Weil so viel Dilettantismus unerträglich ist, hat die AOK eine Weiße Liste erstellt, die es Patienten ermöglichen soll, das für sie geeignetste Krankenhaus im Internet zu finden. Klasse! Ich probier‘s mal aus, bin mal der Herzpatient, der seinem Kardiologen nicht traut und gebe in das Suchfeld „Herz“ ein. Solch ein Organ kennt das Programm aber nicht, sondern bürdet mir auf, mich zwischen Herzschwäche, Angina pectoris und akutem Herzinfarkt zu entscheiden. Ja, liebe Leute, woher soll ich das wissen?! Da entscheide ich mich als Patient doch für den ersten Vorschlag „Herzschwäche“, weil das Erste ja immer das Beste ist, in diesem Falle das Wahrscheinlichste. Super, jetzt funktioniert‘s! Aber komischerweise haben die drei erstgenannten Krankenhäuser gar keine Kardiologie. Das macht mich als Kardiologe traurig, das stellt mein berufliches Selbstverständnis gravierend in Frage. Ich dachte immer, so wie ein malader Uterus einen Gynäkologen braucht, benötigt ein schwaches Herz einen Kardiologen. Scheint ja nach Ansicht der AOK nicht zu stimmen. Schlimmer noch: Unter den ersten zehn Vorschlägen finden sich nur zwei Häuser mit kardiologischen Fachabteilungen!

Bevor ich jetzt in die Depression drifte, ändere ich die Suchanfrage, gebe „Stent“ ein, weil mein virtueller Kardiologe davon gesprochen hatte. Verflixt, was ist jetzt der Unterschied zwischen „Herzkrankheit durch chronische Durchblutungsstörung des Herzens ICD 125“ und „Anpassung und Handhabung eines in den Körper eingepflanzten medizinischen Gerätes ICD Z45“ und „Kreislaufkomplikationen nach medizinischen Maßnahmen ICD I97“? Wollen die mich veräppeln? Ich will keine Komplikation, sondern einen Stent! ‘Tschuldigung, weiter unten finde ich „Behandlung am Herzen beziehungsweise den Herzkranzgefäßen OPS 8–837“, hier bin ich richtig! Wahnsinn, die ersten beiden Kliniken verfügen über fachkardiologische Abteilungen! Ach nee, Trübsinn, sieben von zehn gelisteten Kliniken haben gar kein Katheterlabor... also, liebe Patientinnen und Patienten, als euer wohlmeinender Doktor empfehle ich statt Weißer Liste doch lieber Werbung: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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