ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Sexualisierte Kriegsgewalt: Den Frauen helfen, ihre Würde zurückzugewinnen

POLITIK

Sexualisierte Kriegsgewalt: Den Frauen helfen, ihre Würde zurückzugewinnen

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-407 / B-334 / C-330

Korzilius, Heike

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Jede dritte Frau erlebt der Welt­gesund­heits­organi­sation zufolge mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt. In Kriegen sind systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung. Wer dagegen kämpft, braucht einen langen Atem.

Besuch im Kosovo: Monika Hauser (links) im Gespräch mit Mitarbeiterinnen der gynäkologischen Ambulanz von medica mondiale. Foto: Stefanie Keienburg/medica mondiale.
Besuch im Kosovo: Monika Hauser (links) im Gespräch mit Mitarbeiterinnen der gynäkologischen Ambulanz von medica mondiale. Foto: Stefanie Keienburg/medica mondiale.

Ein Teil seines Vermögens solle demjenigen zufallen, der am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt habe, für die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen. So verfügte es Alfred Nobel 1885 in seinem Testament. Im Jahr 2018 ging der Friedensnobelpreis an Denis Mukwege (63) und Nadia Murad (26). Der kongolesische Gynäkologe und die irakische Jesidin erhielten die Auszeichnung für ihren Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt. Mukwege ist Mitbegründer und Leiter des Panzi-Hospitals in Bukavu in der Krisenregion Kivo im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Er hat dort in den vergangenen 20 Jahren Zehntausende Frauen und Mädchen operiert, die im Bürgerkrieg Opfer von Vergewaltigungen wurden.

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„Wir müssen auch eine rote Linie gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe ziehen“ Denis Mukwege, Gynäkologe. Foto: picture alliance
„Wir müssen auch eine rote Linie gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe ziehen“ Denis Mukwege, Gynäkologe. Foto: picture alliance

Nadia Murad wurde selbst Opfer sexualisierter Gewalt, als sie beim Angriff des sogenannten Islamischen Staates auf ihr Heimatdorf im Nordirak verschleppt, vergewaltigt und versklavt wurde. Geehrt wurde Murad für ihren Mut. Sie habe das gesellschaftliche Tabu gebrochen, das den Opfern sexueller Gewalt Schweigen auferlegt und diesen eine Stimme gegeben, erklärte das Nobelkomitee. Auch Mukwege setzt sich politisch für die sexuell misshandelten Frauen und Mädchen ein, die er tagtäglich behandelt, und fordert öffentlich, die Täter zu bestrafen. „Wir haben eine rote Linie gegen Chemiewaffen, Biowaffen, Atomwaffen ziehen können. Heute müssen wir auch eine rote Linie gegen Vergewaltigung als Kriegswaffe ziehen“, zitierte ihn die Nachrichtenagentur afp im Jahr 2016. Eine friedlichere Welt könne nur dann entstehen, wenn die Grundrechte und die Sicherheit von Frauen auch im Krieg anerkannt und geschützt würden, schrieb das Nobelpreiskomitee nach seiner Entscheidung für Mukwege und Murad als Preisträger.

„Der Friedensnobelpreis 2018 setzt ein wichtiges Zeichen gegen sexualisierte Kriegsgewalt“, sagt Monika Hauser. Die Gynäkologin ist Gründerin und geschäftsführende Vorstandsfrau der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale, die sich seit 25 Jahren für traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt. Hauser selbst wurde 2008 für ihr Engagement mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Dass nun mit Denis Mukwege und Nadia Murad zwei Aktivisten gegen sexualisierte Gewalt geehrt wurden, habe sicher auch mit der jahrzehntelangen Basisarbeit von Frauenrechtsorganisationen zu tun, das Thema auf die internationale Agenda zu setzen, sagt Hauser im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt.

Hausers Unterstützung für die Opfer sexualisierter Kriegsgewalt begann 1992. Damals las sie in einer Zeitschrift über die systematischen Vergewaltigungen von Frauen im Bosnienkrieg. Sie entschloss sich, vor Ort zu helfen – die Geburtsstunde von medica mondiale. Nach Projekten in Bosnien, im Kosovo und in Albanien ist die Organisation inzwischen weltweit tätig, unter anderem in Afghanistan, im Nordirak sowie in West- und Zentralafrika. Sie versteht sich dabei nicht nur als Hilfs-, sondern auch als Frauenrechtsorganisation.

Medica mondiale habe von Anfang an eine Doppelstrategie verfolgt: auf der einen Seite die direkte Unterstützung der Frauen, auf der anderen Seite das Bemühen, gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen, erklärt Hauser. „Mir ist schon während meines AiPs klar geworden, wie eng Frauengesundheit mit der sozialen Realität von Frauen verbunden ist, und wie viele Frauen sexualisierte Gewalt erfahren“, sagt die Gynäkologin. Natürlich sei es wichtig, dass die Opfer eine traumasensible, psychosoziale und psychosomatische Betreuung erhielten. „Das ist leider immer noch nicht Usus – auch nicht in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland“, so Hauser. Das allein reiche aber nicht aus: „Man muss auch an den strukturellen Machtverhältnissen etwas ändern.“

„Hilfe für die Opfer allein reicht nicht. Man muss auch etwas an den Verhältnissen ändern“ Monika Hauser, medica mondiale. Foto: Malin Kundi/medica mondiale
„Hilfe für die Opfer allein reicht nicht. Man muss auch etwas an den Verhältnissen ändern“ Monika Hauser, medica mondiale. Foto: Malin Kundi/medica mondiale

Dass Vergewaltigungen als Kriegswaffe eingesetzt werden könnten, um das soziale Gefüge des Gegners zu zerstören, sei nur auf dem Boden patriarchaler Vorstellungen von Familienehre und der daran gekoppelten Ehre der Frauen und Mädchen möglich. Dies wüssten auch die militärischen Gegner. „Diesen Kreislauf kann man nur durchbrechen, indem man dieser Logik nicht mehr folgt“, sagt Hauser. Eine vergewaltigte Frau habe schwerste Menschenrechtsverletzungen erlebt und überlebt. Sie verdiene jede Unterstützung, um wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzufinden. Das sei die Botschaft und Teil der politischen Aufklärungsarbeit von medica mondiale. Die Organisation unterstütze betroffene Frauen psychosozial, medizinisch und juristisch, damit sie ihre Würde zurückgewinnen, gesundheitlich wieder auf die Beine kommen und möglicherweise ein eigenes Einkommen erwirtschaften könnten, um nicht immer wieder in neue Abhängigkeiten zu geraten. „Wenn diese Frauen aber von ihrer eigenen Gesellschaft ausgegrenzt werden, macht das unsere Hilfe zunichte“, sagt Hauser. Gesellschaftliche Veränderungen könne man nur durch kontinuierliche Aufklärungsarbeit erreichen. Medica mondiale setzte deshalb auf die Zusammenarbeit mit einheimischen Frauenrechtsorganisationen und Fachfrauen, weil diese die kulturellen Kontexte am besten einschätzen können. „Wir Feministinnen haben eine hohe Frustrationstoleranz“, meint Hauser mit Blick auf zähe gesellschaftliche Veränderungsprozesse. „Wir sollten ungeduldiger sein.“

Sie sagt das auch mit Blick auf die schleppende Umsetzung der Resolution 1325 der Vereinten Nationen. Sie stammt aus dem Jahr 2000 und fordert den Schutz und die Achtung der Grundrechte von Frauen im Krieg und auf der Flucht ebenso wie eine stärkere Beteiligung von Frauen bei Friedensprozessen. Außerdem fordert sie alle Staaten auf, der Straflosigkeit ein Ende zu setzen und auch die Verantwortlichen für sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen strafrechtlich zu verfolgen. „Es ist ein Erfolg, dass diese Resolution auf Druck von Frauenrechtsaktivistinnen weltweit zustande kam“, sagt Hauser. „Leider fehlt in vielen Ländern der politische Wille, sie umzusetzen.“ Auch in Deutschland habe es zwölf Jahre gedauert, bis erste Aktionspläne aufgelegt wurden.

Nichtsdestotrotz hofft Hauser, dass Deutschland, das seit Januar einen vorübergehenden Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat, sich dort für eine menschenrechtsbasierte und geschlechtergerechte Außen- und Sicherheitspolitik einsetzt. Auch Politiker und Politikerinnen von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken machten sich seit einiger Zeit für eine feministische Außenpolitik stark, die Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsthema etablieren solle. „Die deutsche Außenpolitik müsste Frauenrechtsorganisationen vor Ort viel mehr als Beraterinnen nutzen“, meint Hauser. Auch in Deutschland habe die Politik gerade erst begonnen, auf die Expertise von medica mondiale zurückzugreifen. „Um aber eine feministische Außenpolitik erfolgreich umsetzen zu können, brauchen wir meiner Ansicht nach jedoch erst einmal eine feministische Innenpolitik“, sagt Hauser. Das bedeute, dass das Thema sexualisierte Gewalt ganz anders priorisiert werden müsse. Außerdem gelte es, endlich flächendeckende Gewaltschutzkonzepte zu entwickeln. Verspricht sich medica mondiale etwas vom zunehmenden deutschen Engagement für Globale Gesundheit? „Unsere Themen haben auf der Tagesordnung leider keine Priorität“, sagt Hauser. Heike Korzilius

Das Interview mit Monika Hauser unter
www.aerzteblatt.de/n101301
oder über QR-Code.

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hennerwermke
am Dienstag, 5. März 2019, 18:57

Patriarchat und Emanzipation

OHNE ZWEIFEL: Vergewaltigungen sind ein weiterer schmutziger Pfeiler der Kriegsführenden und der dahinterstehenden "Politik" und Machtinteressenten, allen voran den Neoliberalen. Dass das aber allein eine "männliche Angelegenheit" ist, halte ich für verwegen.. Auch daran, wer seit Jahren die deutsche Bundesregierung und das deutsche Kriegsministerium führt und damit Richtungen maßgeblich festlegt, sowie in der Zusammensetzung der Parlamente, Parteien, Armeen usw. sieht man die Beteiligung BEIDER Geschlechter. Und seit zig Jahren gibt es in Deutschland "feministische" Strömungen, unterstützt von BEIDEN Geschlechtern - wo sind die "maskulistischen" Bewegungen? Und natürlich ist es eine Gewalt gegen MÄNNER, dass zuallererst diese zum Kriegsdienst und "legalisierten Morden" bestimmt werden - was ein Deserteur zu erwarten hat, ist den Meisten sicherlich noch klar.. Und ich bin überzeugt, dass sexuelle Vergewaltigungen ebenfalls BEIDE Geschlechter betrifft - das ist ganz sicher nicht nur in der Kirche so... Aber DIES mit in seine Argumente aufzunehmen, würde ja die "feministische Bewegung" schwächen - oder?
Eine EINSEITIGE Sichtweise hilft tatsächlich nicht, wenn man echte EMANZIPATION anstrebt.

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