ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019108. Weltfrauentag: Es ist Zeit für mehr Präsenz

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108. Weltfrauentag: Es ist Zeit für mehr Präsenz

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-393

Beerheide, Rebecca

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Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion
Rebecca Beerheide, Ressortleiterin Politische Redaktion

Das Gesundheitswesen hierzulande leistet sich seit Jahren einen unverständlichen Fehler: In allen Gesundheitsberufen arbeiten sehr viele Frauen – nur an der Spitze von Unternehmen, von Universitäten sowie der Selbstverwaltung können nur wenige der topausgebildeten Ärztinnen, Managerinnen oder Fachfrauen in der Pflege ihre Expertise einbringen. Bei einer stetig wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen darf sich das System es nicht erlauben, speziell Ärztinnen während der Weiterbildungszeit für die Versorgung zu verlieren. Einige Jahre später fehlen diese in der Leitung von Kliniken, größeren Praxisgemeinschaften oder Institutionen sowie als Spitzenforscherin. Der Traumberuf Ärztin – mit eigener Familie – scheitert oft daran, dass es wenig innovative Arbeitszeitmodelle gibt. Aber auch an jahrzehntealten Rollenbildern in Köpfen von Vorgesetzten sowie in den jungen Familien selbst. Gute Lösungen bieten nur wenige – aber kluge – Arbeitgeber an.

Ein Blick auf die Zahlen: Es gibt 61,4 Prozent Medizinstudentinnen. 95 Prozent der Nachwuchsmediziner sagen im „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Anfang 2019, dass die Vereinbarkeit von Familie und Arztberuf das entscheidendes Kriterium für die Wahl des Arbeitsplatzes ist. Mit Stand Ende 2017 weist die Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer 180 497 berufstätige Ärztinnen aus, das sind 46,8 Prozent der berufstätigen Ärzteschaft. Das Statische Bundesamt zählt etwa 33 Prozent Oberärztinnen an Universitätskliniken, Tendenz gleichbleibend. Bei einer Niederlassung erwirtschaften Praxisinhaberinnen weniger: 104 660 Euro im Vergleich zu 168 800 Euro im Jahresmittel ihrer männlichen Kollgen, so eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung von 2013. Bei Krankenkassen arbeiten 70 Prozent Frauen, an deren Spitze gibt es je nach Kassenart einen Frauenanteil zwischen acht und 21 Prozent.

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Auch einige Fachdisziplinen verlieren Frauen: Ärztinnen, die einmal Chirurgin werden wollten, können sich ihre familiäre Planung oft besser mit der Arbeit als Hausärztin vorstellen. Wieder andere bekommen durch die starren Regeln im Mutterschutz Steine in den beruflichen Werdegang gelegt. Junge Ärztinnen, die sich darüber ärgern, engagieren sich inzwischen ehrenamtlich in der Berufspolitik – persönliche Betroffenheit und der Wille zur Veränderung ist eine wichtige Triebfeder für Engagement.

Eine Gruppe von Ärztinnen und anderen Frauen in der Selbstverwaltung wollen die Situation verbessern: Bei einer Veranstaltung in Berlin forderten sie Parität in den Gremien der gemeinsamen Selbstverwaltung. Eine entsprechende Resolution wurde Gesundheitspolitikerinnen übergeben (Seite 404).

Blickt man einmal über die Grenzen des deutsche Gesundheitswesens – das eins der besten der Welt ist – hinaus, rückt das Thema Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und adäquater Versorgung für Frauen und Mädchen in den Vordergrund. In wirtschaftlich schwachen Ländern oder Krisen- und Kriegsgebieten sind Kinder und Frauen die ersten Opfer, Hilfe für sie ist nicht selbstverständlich (Seite 407).

Frauen im Gesundheitswesen, als Ärztinnen, Pflegerinnen, als Top-Managerinnen, aber auch als Patientinnen sind nicht nur Thema für die deutsche Innenpolitik. Die deutsche Außenpolitik wird die Frauengesundheit und den Zugang zu sozialen Sicherungssystemen im April in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bringen. Mit dem temporären Sitz im UN-Weltsicherheitsrat hat Deutschland Einflussmöglichkeiten, diese Themen auch in der internationalen Diskussion nach vorne zu bringen. Zeit wird es.

Rebecca Beerheide
Ressortleiterin politische Redaktion

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