ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2019Hochschulmedizin: Exzellenz in Bedrängnis

THEMEN DER ZEIT

Hochschulmedizin: Exzellenz in Bedrängnis

Dtsch Arztebl 2019; 116(9): A-412 / B-340 / C-336

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Universitätskliniken sind immer noch herausragende medizinische Einrichtungen. Mangelnde Investitionen, eine harte Konkurrenz um wissenschaftlichen Nachwuchs sowie die Herausforderungen einer digitalisierten Medizin setzen sie jedoch immer stärker unter Druck.

Schwarze Zahlen wie die Charité – Universitätsmedizin Berlin schreiben nur wenige Universitätskliniken in Deutschland. Doch auch sie hat in den nächsten Jahren einen Investitionsbedarf von mehr als einer Milliarde Euro. Foto: picture alliance
Schwarze Zahlen wie die Charité – Universitätsmedizin Berlin schreiben nur wenige Universitätskliniken in Deutschland. Doch auch sie hat in den nächsten Jahren einen Investitionsbedarf von mehr als einer Milliarde Euro. Foto: picture alliance

Die deutsche Hochschulmedizin hat international Standards gesetzt – wie unter anderem die derzeit ausgestrahlte Staffel „Charité“ verdeutlicht. Doch zwischen dem Potenzial der Hochschulmedizin und der Wirklichkeit an den Standortorten der universitären Medizin verstärkt sich nach Ansicht vieler Vertreter aus Medizin und Wissenschaftsmanagement sowie Politik und Wirtschaft zunehmend eine Diskrepanz.

Anzeige

Die deutsche Universitätsmedizin – vom Wissenschaftsrat vor wenigen Jahren als „Fundament des deutschen Gesundheitssystems“ bezeichnet – gehöre zwar teilweise zu den weltweit führenden medizinischen Einrichtungen, konstatierten die Experten beim Hochschulsymposium der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung in Kooperation mit der Heinz-Nixdorf-Stiftung und der Universität Gießen am 20. und 21. Februar in Berlin. Mit der aktuellen Situation der Universitätsmedizin könne man dennoch nicht zufrieden sein, so das einhellige Fazit. Sie sei von einer zunehmenden Dominanz der Patientenversorgung gekennzeichnet. Dabei gerate die Exzellenz zunehmend in Bedrängnis.

„Etwa 80 Prozent des Umsatzes der Hochschulmedizin kommen aus der Krankenversorgung, 20 Prozent aus den Mitteln für Forschung und Lehre, erläuterte Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, Dekan der Medizinischen Fakultät Göttingen und designierter Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Forschung und Lehre werden somit von der Krankenversorgung an die Wand gedrückt.“ Kroemer warnte: „Wenn die deutsche Universitätsmedizin einmal in eine Dysfunktionalität gebracht ist, wird es lange dauern, bis das System wieder stabil ist.“ Doch was ist nötig, um die Schieflage in der Universitätsmedizin zu beseitigen oder wenigstens zu mindern? Und was sind die Ursachen für die Misere?

„Die Hochschulmedizin hat kein Geld, keine Leute und ist wenig vernetzt“, brachte es Prof. Dr. med. Werner Seeger, Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, auf den Punkt. Die Hochschulmedizin stehe mit ihrem Anspruch, auf Spitzenniveau zu forschen, auszubilden sowie Patienten zu versorgen, sowohl vor beträchtlichen finanziellen, aber auch personellen und strukturellen Problemen.

Unangemessene Finanzierung

Maßnahmen zur finanziellen Konsolidierung der Universitätsmedizin hält Ralf Heyder, Generalsekretär des Verbandes der Universitätsklinik Deutschlands (VUD), für dringend erforderlich. Die Universitätskliniken hätten eine Reihe von Sonderaufgaben, dennoch laufe die Finanzierung an den Universitätskliniken eins zu eins wie bei anderen Krankenhäusern über das Fallpauschalensystem (DRG). „Das ist ein deutscher Alleingang“, sagte er. In anderen europäischen Ländern gebe es für die besonderen Aufgaben der Universitätsmedizin Zuschläge. Nur in Deutschland werde der Sonderstatus der Universitätskliniken gesundheitspolitisch nicht anerkannt. „Wir brauchen ein anderes Verständnis von Hochschulmedizin und eine politische Gesamtverantwortung“, forderte der VUD-Generalsekretär.

Neben der Finanzierung der Krankenversorgung über die Fallpauschalen erhalten die Medizinischen Fakultäten und Unikliniken von ihrem jeweiligen Bundesland einen Zuschuss für Forschung und Lehre sowie für Investitionen in Gebäude und Ausstattung. Doch diese Mittel sind in den vergangenen Jahren drastisch reduziert worden. „Bundesmittel für Baumaßnahmen stehen seit 2007 nicht mehr zur Verfügung, da das Hochschulbauförderungsgesetz abgeschafft worden ist“, erläuterte Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, amtierender Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. „Das war die größte Sünde überhaupt und lässt sich auch nicht wieder gutmachen,“ so Einhäupl.

Die große Finanzierungslücke ist der Politik nicht unbekannt. Die Kultusminister haben sie 2016 selbst beschrieben: Das Defizit in der Universitätsmedizin summiert sich ihren Berechnungen zufolge bis 2025 auf 32 Milliarden Euro (Grafik). Die Konsequenz ist ein stetig wachsender Investitionsstau: Etwa die Hälfte der 34 Unikliniken in Deutschland schreiben bereits jetzt rote Zahlen. „Wie kann man angesichts dieses Investitionsstaus noch konkurrenzfähig sein?“, fragte Irmtraut Gürkan, Kaufmännische Direktorin des Universitätsklinikums Heidelberg. Mangelnde Investitionen führten zu Unwirtschaftlichkeit und benachteiligten die Hochschulmedizin gegenüber den Großforschungseinrichtungen.

Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025
Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025
Grafik
Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025

Wettbewerb um beste Köpfe

„Dabei ist für uns besonders der Wettbewerb um die besten Wissenschaftler wichtig“, sagte Einhäupl. Nobelpreise gingen erfahrungsgemäß zwar immer an exzellente Forscher in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Aber: „In der Hochschulmedizin geht es auch um Sichtbarkeit“, betonte er. Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, riet der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Prof. Dr. med. Otmar D. Wiestler, den Universitätskliniken zum häufigeren Schulterschluss mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen. „Wir müssen uns schleunigst auf den Weg machen und ein Spitzensegment aufbauen“, sagte er. Zudem sei es entscheidend, die Grundlagen für eine datenbasierte Medizin und Gesundheitsforschung zu schaffen.

Die Umstellung auf eine zunehmend digitalisierte Medizin sieht auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) als eine der wesentlichen Herausforderungen an. „Aus dem Potenzial der Hochschulmedizin mehr zu machen, wird die große Aufgabe für die nächsten Jahre sein“, erklärte er beim Symposium. „Wir brauchen Daten für die Forschung und für die Versorgung.“ Die Wissenschaft müsse berichten, welchen Unterschied ihre Nutzungsmöglichkeit mache, forderte er die Vertreter der Hochschulmedizin auf. „Ich möchte, dass wir 2020/21 für jeden, der es möchte, die elektronische Patientenakte auf dem Smartphone haben“, sagte Spahn. Diese Gesundheitsdaten sollen dann auch für die Forschung nutzbar und kompatibel sein.

Verstärkt Einzug soll die Digitalisierung nach Ansicht von Spahn auch in die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses halten, die derzeit reformiert werde. Die Umsetzung des Masterplans Medizinstudium 2020 lobte er als einen „wichtigen Schritt“. Auch der Aufbau neuer Medizinischer Fakultäten – wie derzeit in Augsburg und Bielefeld – sei begrüßenswert. Der steigende Bedarf an Ärztinnen und Ärzten könne dadurch aber bei Weitem nicht gedeckt werden. „Wir brauchen mehr Kapazität und einen anderen Zugang zum Medizinstudium“, sagte er.

Modifizierte Ausbildung

Für Änderungen bei der Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses plädiert Prof. Dr. med. Hans-Jochen Heinze von Universität Magdeburg. Als Mitglied des Wissenschaftsrates empfiehlt er den Aufbau von „Profilbereichen“. Diese sollen insbesondere dem klinisch-wissenschaftlichen Nachwuchs verbesserte Perspektiven bieten. „Fortschritt wird von den Ärzten betrieben, die auch forschen“, betonte er. Nötig seien mehr Clinical-Scientist-Programme. Denn: „Forschung ist das Entscheidende, das uns voranbringt.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Universitätsmedizin: Zahlen und Fakten

Krankenversorgung

Die deutschen Universitätskliniken versorgen pro Jahr 1,88 Millionen Patienten stationär und mehr als zehn Millionen Patienten ambulant (Quelle: Statistisches Bundesamt 2016, VUD). Häufig sind zudem komplexe, besonders schwere oder seltene Erkrankungen.

Forschung

An den Universitätskliniken und medizinischen Fakultäten findet Grundlagenforschung, präklinische und klinische Forschung statt. Forschungsergebnisse und neu entwickelte Therapien können in Form klinischer Studien an Patienten angewendet werden.

Lehre

Jährlich bilden die Universitätskliniken und Medizinischen Fakultäten in Deutschland etwa 10 060 approbierte Ärztinnen und Ärzte aus (Quelle: Medizinischer Fakultätentag 2017). Zudem engagiert sich die Hochschulmedizin stark in der Weiterbildung.

Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025
Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025
Grafik
Finanzierungslücke in der Universitätsmedizin bis 2025

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.