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Der Kollege Dr. med. Beutner hat ein anschauliches Beispiel dafür geliefert, wie intersensorische Konflikte ineinander übergehen können (1, 2): An Oberdeck eines Schiffes oder in den Masten kann es zu zeitlich diskrepanten Empfindungen zwischen der Sicht auf entfernte Wogen und der Wahrnehmung der Bewegungen des eigenen Schiffes kommen, was zu inkongruenten bewegungsbezogenen Informationen der Sinneseingänge im Sinne eines Typ-A1-Konfliktes führt. Gerade Wellenbewegungen mit einer langsamen Periodizität um 0,1–0,5 Hz wirken besonders kinetogen (3), was sich im Mast und den dortigen größeren Bewegungssauschlägen noch erheblich verstärkt.

Im untersten Deck und in der Schiffsmitte nahe dem Scheitelpunkt der Auslenkungen des Schiffes werden Schiffsbewegungen am wenigsten wahrgenommen, was erheblich zur Linderung der Problematik beitragen kann. Eine fehlende Außensicht wiederum kann stattdessen zu einem kinetogenen Typ-A3-Konflikt führen, da der visuelle Eindruck einer scheinbar stabilen Umwelt und die Informationen über Schiffsbewegungen vonseiten des Vestibularapparats sowie der Propriozeption einander widersprechen.

Der Betroffene an Bord steht also vor einem gewissen Dilemma, was die grundsätzlichen Sinneskonflikte angeht. Tatsächlich wäre wohl in der Schiffsmitte, weit unten, aber mit Außensicht, die beste Lösung.

Wir danken auch für die Hinweise zu Meclozin. Für dieses Antihistaminikum der ersten Generation ist dessen Wirkung bei Kinetosen und Schwangerschaftserbrechen gut belegt. Es wurde in der Vergangenheit gerne auch bei Reisekrankheit verordnet, ist aktuell in Deutschland aber nicht mehr im Handel erhältlich.

Des Weiteren möchten wir der Kollegengruppe der Seeärzte für ihre engagierte Zuschrift danken: Die Seekrankheit kann gerade auf einem Großschiff sehr wohl zu einer Massenerkrankung werden, wie in unserem Artikel (4) bereits mit Hinweis auf hohe Besatzungsausfälle kurz angesprochen. Auch kann die Seekrankheit, insbesondere wenn man sich auf hoher See der Situation nicht entziehen kann, in bestimmten Fällen zu einem schnellen und entschlossenen Handeln verpflichten. Das ist zum Beispiel bei betagten Patienten der Fall, um etwaige Komplikationen vorhandener Grunderkrankungen zu vermeiden.

Für sehr wichtig und richtig halten wir in diesem Zusammenhang den Hinweis auf eine möglicherweise schwierige differenzialdiagnostische Abgrenzung einer schweren Kinetose beziehungsweise der Nebenwirkungen der antikinetotischen Medikation von ähnlichen Gesundheitsstörungen.

Auch ist uns bekannt, dass Metoclopramid in der Vergangenheit sehr häufig und auch erfolgreich bei Kinetosen eingesetzt wurde. Wir müssen jedoch darauf hinweisen, dass aufgrund der mittlerweile bekannten und im Einzelfall sogar möglicherweise irreversibel verlaufenden extrapyramidalen Nebenwirkungen (5) Metoclopramid die Indikation bei Kinetosen verloren hat. Ein möglicher Off-label-Einsatz dieses Wirkstoffs sollte deshalb nur nach besonders sorgfältiger Abwägung von potenziellem Nutzen und Risiken in Betracht gezogen werden. Die Indikation für Cinnarizin/Dimenhydrinat (Behandlung von Schwindel jeglicher Genese) ist in unserem Artikel (4) aufgeführt.

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0175c

Für die Autoren

Prof. Dr. med. Andreas Koch

Schifffahrtmedizinisches Institut der Marine, Kronshagen

Sektion Maritime Medizin am Institut für Experimentelle Medizin der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
a.koch@iem.uni-kiel.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Schmäl F: Neuronal mechanisms and the treatment of motion sickness. Pharmacology 2013; 91: 229–41 CrossRef MEDLINE
2.
Reason JT: Motion sickness adaptation: a neural mismatch model. J R Soc Med 1978; 71: 819–29 CrossRef
3.
Bertolini G, Straumann D: Moving in a moving world: a review on vestibular motion sickness. Front Neurol 2016; 7: 14 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Koch A, Cascorbi I, Westhofen M, Dafotakis M, Klapa S, Kuhtz-Buschbeck JP: The neurophysiology and treatment of motion sickness. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 687–96 VOLLTEXT
5.
Cavero-Redondo I, Álvarez-Bueno C, Pozuelo-Carrascosa DP, Díez-Fernández A, Notario-Pacheco B: Risk of extrapyramidal side effects comparing continuous vs. bolus intravenous metoclopramide administration: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. J Clin Nurs 2015; 24: 3638–46 CrossRef MEDLINE
1.Schmäl F: Neuronal mechanisms and the treatment of motion sickness. Pharmacology 2013; 91: 229–41 CrossRef MEDLINE
2.Reason JT: Motion sickness adaptation: a neural mismatch model. J R Soc Med 1978; 71: 819–29 CrossRef
3.Bertolini G, Straumann D: Moving in a moving world: a review on vestibular motion sickness. Front Neurol 2016; 7: 14 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Koch A, Cascorbi I, Westhofen M, Dafotakis M, Klapa S, Kuhtz-Buschbeck JP: The neurophysiology and treatment of motion sickness. Dtsch Arztebl Int 2018; 115: 687–96 VOLLTEXT
5.Cavero-Redondo I, Álvarez-Bueno C, Pozuelo-Carrascosa DP, Díez-Fernández A, Notario-Pacheco B: Risk of extrapyramidal side effects comparing continuous vs. bolus intravenous metoclopramide administration: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. J Clin Nurs 2015; 24: 3638–46 CrossRef MEDLINE

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