ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Psychische Erkrankungen: Viele F-Diagnosen im Osten

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Psychische Erkrankungen: Viele F-Diagnosen im Osten

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 123

Maybaum, Thorsten; dpa

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In Sachsen-Anhalt gibt es große Lücken in der psychiatrisch- psychotherapeutischen Versorgung, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.

Bei der Versorgung psychisch kranker Menschen gibt es in Sachsen-Anhalt offenbar große Lücken. Das zeigt eine 244-seitige Untersuchung der Kölner Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheits- und Sozialbereich (FOGS), die dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Defizite sehen die Wissenschaftler vor allem bei der Versorgung betroffener Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener, wie das Sozialministerium von Sachsen-Anhalt mitteilte. Demnach gibt es in Sachsen-Anhalt lediglich 20 niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In fünf Landkreisen gibt es gar keine Niederlassung. „Darum kommt es auch zu stationären Behandlungen, wo diese vermeidbar wären“, erklärte Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD).

Die Studie stellt zudem fest, dass Betroffene je nach Region kein engmaschiges Netz von Hilfsangeboten finden. Die Autoren fordern kommunale Psychiatrieplanung insbesondere in den Landkreisen ein, um Angebote besser aufeinander abzustimmen, Teilhabe Betroffener zu fördern und Selbsthilfe zu unterstützen. Es gebe, so die Autoren um Rudolf Schmid von FOGS, wenig kommunale niedrigschwellige Angebote und vergleichsweise wenig Koordination und Steuerung. Hier sei anzusetzen. Ziel müsse sein, das Angebot besser zu vernetzen und Kooperationen zu ermöglichen, sagte auch Grimm-Benne. Sie kündigte einen digitalen Wegweiser zur psychiatrischen Versorgung an, der es ermöglichen soll, passende Versorgungsangebote und Hilfen schnell und einfach über eine Internetseite zu finden. Einige Empfehlungen sollen über das Psychiatriegesetz umgesetzt werden, das in diesem Jahr novelliert wird. Vorgesehen sind etwa Psychiatriekoordinatoren, Patientenfürsprecher und gemeindepsychiatrische Verbünde.

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Für die Zukunft gehen die Autoren der Studie allein durch den demografischen Wandel davon aus, dass sich die niedergelassene Versorgung durch psychiatrische und psychotherapeutische Praxen weiter „deutlich ausdünnen“ wird. Um die Versorgung sicherzustellen, sind nach Ansicht der Forscher Anreize wie Sicherstellungszuschläge, Investitionskostenzuschüsse, Eigenbetrieb von Praxen sowie eine Zusammenarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung mit Kommunen und dem Land „hinsichtlich infrastruktureller Gegebenheiten“ notwendig. Es gelte „eine Mindestausstattung im niedergelassenen Bereich zu sichern“.

Als wichtig erachtet das FOGS zudem die Tatsache, dass 2016 in Sachsen-Anhalt rund 800 000 Menschen in Arztpraxen mindestens eine F-Diagnose erhalten haben. Das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt. Das könne „einerseits auf eine gewisse Vulnerabilität der Bevölkerung hinweisen, andererseits aber auch auf eine erhöhte Vergabe dieser Diagnose“, heißt es. Lediglich rund 17 Prozent dieser im niedergelassenen Bereich vergebenen Diagnosen wurde in den psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachpraxen gezählt. Das bedeute im Umkehrschluss, dass insbesondere Hausärzte oft an erster Stelle für den Zugang von psychisch kranken Menschen zur Versorgung stünden. Die FOGS-Wissenschaftler raten daher unter anderem dazu, Haus- und Fachärzte besser zu qualifizieren und zu vernetzen. may/dpa

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