ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Interaktionsbezogene Fallarbeit: Praxistauglicher gut strukturierter Überblick

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Interaktionsbezogene Fallarbeit: Praxistauglicher gut strukturierter Überblick

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 133

Kinze, Wolfram

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Interaktionsbezogene Fallarbeit (IFA) – dieser etwas sperrige Begriff beschreibt einen zentralen Bereich der Psychotherapie: Feststellung und Behandlung psychischer Probleme beruhen stets auf zwischenmenschlichem Austausch. Patient und Therapeut nehmen zwar unterschiedliche Positionen ein, bedienen sich jedoch mit der Nutzung von Verstand und Gefühl der gleichen Grundlagen. Dabei kann es im therapeutischen Prozess zu Missverstehen, emotionalen Blockaden, Fehlerwartungen und Hilflosigkeit kommen, nicht nur beim Patienten, sondern auch beim Therapeuten.

Um diesbezüglichen interkollegialen Austausch zu institutionalisieren, wurden IFA beziehungsweise Balint-Arbeit in die ärztlichen Weiter­bildungs­ordnungen der „Psycho-Fächer“ verpflichtend aufgenommen. IFA orientiert sich an verhaltenstherapeutischen Konzepten, Balint an psychodynamisch-psychoanalytischen Grundlagen. IFA-Gruppen setzen sich aus ärztlichen und Psychologischen Psychotherapeuten (auch noch in Aus-/Weiterbildung) zusammen, die ambulant oder stationär tätig sind, treffen sich in regelmäßigen Abständen, sind regional organisiert und werden von der Kassenärztlichen Vereinigung als Qualitätszirkel anerkannt.

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Im vorgelegten Handbuch werden kurz Entstehungsgeschichte und theoretische Fundierung sowie Beziehungen zu Supervision, Selbsterfahrung und Therapiemethoden dargestellt, auch die Ausbildung zum IFA-Gruppenleiter. Der Schwerpunkt liegt auf der praktischen Durchführung der IFA-Gruppen, in denen jeweils ein Teilnehmer einen Fall vorstellt, der ihm Probleme bereitet, für die er die Einschätzung der Gruppe erfahren möchte. Die Gruppe kann Verständnisfragen stellen, um einen umschriebenen Arbeitsauftrag zu bekommen, erarbeitet dann aber ohne Einbeziehung des Fallvorstellers Einsichten in die zugrunde liegenden, nicht oder noch nicht klar zu erfassenden Konflikte, Unsicherheiten und Vermeidungen. Der IFA-Leiter moderiert, schützt den Fallvorsteller, beachtet dessen Reaktionen, hält sich aber mit eigenen Beiträgen zurück. Wenn die Gruppe zu Ergebnissen gefunden hat, werden diese dem Fallvorsteller präsentiert. Dabei werden in einem vom IFA-Leiter angeregten „Ebenenwechsel“ auch non-verbale Ausdrucksmöglichkeiten („Skulpturen“, „leerer Stuhl“, „Symbole“, „Rollenübernahmen“ und anderes) eingesetzt, um emotionale Grundlagen der bearbeiteten Probleme zu verdeutlichen. In der abschließenden Reflexion werden die Ergebnisse gemeinsam betrachtet und dem Leiter Rückmeldungen gegeben.

An gut nachvollziehbaren Beispielen werden Abläufe, Inhalte und Strukturen von Gruppen in Interaktionsbezogener Fallarbeit dargestellt sowie Probleme der Gruppenzusammensetzung, der einzelnen Teilnehmer und der Herausforderungen für den Gruppenleiter erörtert. Es wird durchgehend deutlich, dass hier um die Weiterentwicklung ihrer Profession bemühte, erfahrene Psychotherapeuten einen praxistauglichen, gut strukturierten Überblick gegeben haben. Wolfram Kinze

Mechthild Kerkloh (Hrsg.): Interaktionsbezogene Fall-arbeit. Ein praxisorientiertes Handbuch. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2018, 172 Seiten, 29,00 Euro

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