ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Wirkfaktoren in der Psychotherapie: Die freundlichen Brückenbauer

BÜCHER

Wirkfaktoren in der Psychotherapie: Die freundlichen Brückenbauer

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 135

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Es gibt unzählige Theorien zu Wirkfaktoren in der Therapie, aber eine empirische Überprüfung liegt noch in weiter Ferne. Freundlicher klingen „Denkmodelle“, die jeder Therapeut braucht, um die Menge dessen, was er in Diagnose und Lebenslauf zu hören bekommt, zu durchschauen. Gewarnt wird vor Dogmatismus und extremen Grenzziehungen, zu dem manche Schulen, zum Teil entwertend, noch immer neigen. Dagegen wird empfohlen: offene Neugier und ein „Anfängergeist“ (Ralf Zwiebel), der sich zwar anregen und führen lässt von vorgeschlagenen Systemen, aber sich entfernt hält vom modischen „Manualisieren“. Zentral werden schließlich die allgemeinen „Wirkfaktoren“ gewürdigt, bei der die persönlichen Eigenschaften der Therapeuten eine besondere Rolle spielen: Empathie, Warmherzigkeit, Toleranz, Bereitschaft der Integration auch anderer Varianten, Offenheit, das Eingeständnis von Fehlern und die Bereitschaft, sich vom Patienten regelmäßig Feedback geben zu lassen.

Noch überwiegen, so monieren die Autoren, die monadischen Identifizierungen mit der einmal gelernten Disziplin, um die man sich schart wie um eine Glaubensrichtung mit den entsprechenden Sanktionen gegen Abweichler. Es ist erstaunlich, welches Ausmaß an Orientierungsfragen um die Frage nach der Wirkung kreisen: für den Anfänger vielleicht erschreckend, für den erfahrenen Profi eine Herausforderung, sich immer wieder in Frage zu stellen und neu zu überprüfen. Manche Formen sind mehr zielorientiert, manche offen für einen ungesteuerten Verlauf, manche mehr auf Besserung der Symptome aus, andere auf die Kombination von Verstehen und nachhaltiger Besserung. Die Geschichte der Psychoanalyse wird gesehen als eine Fülle von Variationen und Ablösungen nicht mehr tragender Gewohnheiten, als ein entscheidender Schritt erscheinen die Ergebnisse der Säuglingsforschung.

Anzeige

Der Psychoanalytiker Bernhard Strauß und die Verhaltenstherapeutin und Systemikerin Ulrike Willutzki üben sich in freundlichen Präzisierungen der Disziplinen und glauben doch, deutliche Spuren der Toleranz und der Annäherung zu finden. Sie befürworten Überschneidungen und kreativen Austausch, weil viele besondere Patienten, ganz nach Yalom, ihre ganz eigene Therapieform brauchen. Am Ende überwiegt sogar ein optimistischer Schmusekurs, der den Uralt-
rezensenten doch ein wenig skeptisch hinterlässt. Dennoch: absolut lesenswert. Tilmann Moser

Bernhard Strauß, Ulrike Willutzki: Was wirkt in der Psychotherapie? Bernhard Strauß und Ulrike Willutzki im Gespräch mit Uwe Britten, Reihe: Psychotherapeutische Dialoge. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, 124 Seiten, kartoniert, 17,00 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema