ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Gesellschaftliche Normen: Nicht „normal“ ist nicht gleich psychisch krank

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Gesellschaftliche Normen: Nicht „normal“ ist nicht gleich psychisch krank

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 136

Ringwelski, Beate

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Im sozialen Zusammenleben möchten wir uns darauf verlassen, dass sich unser Gegenüber „normal“ verhält. Aber wer legt denn fest, was normal ist? Der Psychiater und Soziologe Asmus Finzen arbeitet in seinem Buch heraus, wie gesellschaftliche Normen unser Empfinden von Normalität bestimmen und wie sie von den kulturellen Rahmenbedingungen abhängen. Wenn die Öffentlichkeit dann „nicht normal“ auch noch mit „krank“ gleichsetzt, offenbart sich das Dilemma, auf das Finzen aufmerksam machen will. Es stimmt eben nicht, dass ein Mensch, der sich nicht „normal“ verhält, automatisch psychisch gestört, also „geisteskrank“ im volkstümlichen Sinne ist. Er beunruhigt seine Umgebung durch unangemessenes Verhalten. Erscheint dieses unberechenbar oder gefährlich, tendiert die Gemeinschaft zum Ausschluss, sei es durch Kontaktvermeidung, in Richtung Gefängnis oder Psychiatrischer Klinik.

Im ersten, allgemeinen Teil erläutert Finzen diese komplexen Zusammenhänge und Begriffsbestimmungen von „Normalität“ aus verschiedenen Blickwinkeln. Im zweiten, speziellen Teil kommt er zum Gebrauch des Wortes im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Arzt und Patient bewegen sich bei der Abgrenzung zwischen Gesundheit und Krankheit in einem weiten Feld zwischen pathologischer Eindeutigkeit, klinischer „Auffälligkeit“ und eben der Normalität, die wiederum soziokulturell bestimmt ist. Die verkürzte Formel „normal ist gesund – gesund ist normal“ gilt jedenfalls nicht. Oder sind denn alle Kranken „nicht normal“? Krankheit lässt sich in der somatischen Medizin leichter durch Laborbefunde, bildgebende Verfahren und anderes verifizieren. Der Psychiater ist weitgehend auf Aussagen vom Patienten und von dessen Angehörigen und seine eigenen Beobachtungen angewiesen. Aufgrund der Symptome, der Anamnese und seines Befundes kommt er dann zu einer Diagnose, die in den vorgegebenen Katalogen ICD-10 und DSM-5 aufgelistet ist. Diese Klassifikationen wurden wegen der besseren internationalen Vergleichbarkeit von Erkrankungen und ihrer Häufigkeit geschaffen, werden aber heute oft als Festlegung von Diagnosekriterien missverstanden, so Finzen. Wer sich mit psychiatrischer Diagnostik näher befassen will, den verweist er auf das AMDP-System, in dem Symptome beschrieben und gewichtet werden. Es gestattet dem Untersucher, zwischen leichten und schweren, akuten oder chronischen psychischen Auffälligkeiten zu unterscheiden. Bilden mehrere Symptome zusammen ein typisches Muster, kann der Psychiater dann zu einer Diagnose kommen.

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Finzen befasst sich auch mit dem Einfluss der Massenmedien, die mit Sensationsmeldungen vom „irren, gemeingefährlichen Verbrecher“ Leser anlocken und Vorurteile verstärken. Tatsächlich sind Straftaten von psychisch Kranken äußerst selten, wie der Autor durch Zahlen belegt. Statistiken zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen und ihrer angeblichen Zunahme stellt er auf den Prüfstand.

Nach der Lektüre dieses Buches wird man von dem Begriff „Normalität“ im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen Abstand nehmen. Ein Patient ist nicht „unnormal“, sondern einfach krank. Beate Ringwelski

Asmus Finzen: Normalität – Die ungezähmte Kategorie in Psychiatrie und Gesellschaft. Psychiatrie Verlag, Köln 2018, 144 Seiten, kartoniert, 20,00 Euro

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