ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Einsamkeit: Umfangreiches Handbuch mit vielen Denkanstößen

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Einsamkeit: Umfangreiches Handbuch mit vielen Denkanstößen

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 137

Köhler, Miriam

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Der Herausgeber hat einen interdisziplinären Autorenkreis aus den Gesundheitsberufen vereint, um ein umfangreiches Handbuch zum Thema Einsamkeit vorzulegen. Dabei werden sowohl zahlreiche Forschungsergebnisse als auch praktische Bezüge durch Fallvignetten oder Betroffenensicht berücksichtigt und eine medizinische, psychologische, sozial- und pflegewissenschaftliche sowie theologische Sichtweise eingenommen.

Der erste Teil des Buches ist eine ausgewogene Annäherung an das Phänomen Einsamkeit. So werden Begriffsabgrenzungen vorgenommen und viele Fakten zu den toxischen Effekten von Einsamkeit zusammengetragen: „Einsamkeit ist genauso schädlich wie der Konsum von 15 Zigaretten täglich, wie Alkoholkonsum und schädlicher als fehlende Bewegung.“ Im zweiten Teil erfolgen Deutungen aus einer philosophischen sowie psychotherapeutischen Betrachtung. Der Beitrag von Pierre Frevert beschreibt Einsamkeit psychoanalytisch als Vorstufe zur Depression und veranschaulicht diese Überlegung mit Fallbeispielen. Eine eindrucksvolle phänomenologische Schilderung von Einsamkeit liefert die Ordensschwester Regina Grehl. Der nächste, umfassendste Teil ist den Betroffenen gewidmet und verdeutlicht die Vielfältigkeit des Phänomens: vielen Bereichen – zum Beispiel Einsamkeit als Folge von Armut, Einsamkeit pflegender Angehöriger und Sterbender, bei chronischem Schmerz, Sucht, Migration, als Führungskraft oder im Zusammenhang mit Social Media – wird ausreichend Raum gegeben sowie Unterschiede der Teilbereiche sorgsam herausgearbeitet.

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Ein gesonderter Teil des Buches beschäftigt sich mit Einsamkeit im Kontext von Pflege und berücksichtigt den Berufsalltag, den Menschen aus Gesundheitsberufen erleben. Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass in Bezug zu den vorangegangenen Buchabschnitten vermeidbare Wiederholungen auftreten. Die einzelnen Buchbeiträge werden als nicht kohärent erlebt. Durch Schreibstilbrüche von Autor zu Autor wird dieser Eindruck noch verstärkt.

Der letzte Teil des Buches liefert wichtige Denkanstöße zu potenziellen Wegen aus der Einsamkeit und zeichnet sich durch einen hohen Praxisbezug aus. Die ärztliche Hilfe bei Einsamkeit könnte sich zukünftig an dem Lösungsversuch in England orientieren: Dort können Ärzte spätestens ab 2023 soziale Gruppenaktivitäten wie Malen oder Spazierengehen auf Rezept verordnen, um dem Alleinsein entgegenzuwirken. Das lesenswerte Werk vermittelt ein breites Wissen und ist auch als Nachschlagewerk für Teilaspekte von Einsamkeit zu empfehlen. Miriam Köhler

Thomas Hax-Schoppenhorst (Hrsg): Das Einsamkeits-Buch. Wie Gesundheitsberufe einsame Menschen verstehen, unterstützen und integrieren können. Hogrefe Verlag, Göttingen 2018, 536 Seiten, kartoniert, 49,95 Euro

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