ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2019Christa Wolf (1929–2011): Die Dimension des Schmerzes

KULTUR

Christa Wolf (1929–2011): Die Dimension des Schmerzes

PP 18, Ausgabe März 2019, Seite 138

Krämer, Sandra

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In ihrer Prosa schrieb sie gegen das Vergessen und Verdrängen, verwebte Autobiografisches, Zeitgeschichtliches, Individuelles und Gesellschaftliches ineinander. Am 18. März wäre die Schriftstellerin 90 Jahre alt geworden.

Schreiben, damit das Unterste nach oben gelangt: Christa Wolf bei einer Lesung aus ihrem Buch „Ein Tag im Jahr“, das 2003 veröffentlicht wurde. Fotos: picture alliance
Schreiben, damit das Unterste nach oben gelangt: Christa Wolf bei einer Lesung aus ihrem Buch „Ein Tag im Jahr“, das 2003 veröffentlicht wurde. Fotos: picture alliance

Verdrängung, Versteinerung, Gewöhnung.“ Das Produkt dieses „schleichende(n), kaum vermeidbare(n) Prozess(es)“, der „täglich, stündlich“ im Umgang mit der Vergangenheit zu beobachten ist – „eine Kollektion kolorierter Medaillons“. Ausgewählte, statische Bilder, „kunstvoll zurechtgeschliffen“, die als „Bestätigung (...) für unser eigenes beruhigend eindeutiges Empfinden“ dienen, und davor bewahren, Erinnerungen reflektieren zu müssen. Christa Wolf vergleicht sie mit den „verkalkten Kavernen“ bei „Tuberkulosekranken: ehemals aktive, jetzt aber durch Einkapselung stillgelegte Lebensflecken“ (1). Ihr Plädoyer: sich in jene Zonen zu begeben, die bei Anfertigung der „Medaillons“ gemieden werden, auch wenn diese Erinnerungsarbeit schwierig ist „für diejenigen, die sie buchstäblich an sich selber, am eigenen Leib leisten müssen und den Schmerz noch einmal ertragen über eine Wunde, die nicht heilen kann“ (2).

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„Totaler Krieg. Totale Amnesie“

„Kindheitsmuster“ erzählt von der kleinen Nelly, die zu Kriegsende mit ihrer Familie aus Landsberg an der Warthe nach Westen fliehen muss; von Faschismus, Krieg, Flucht und Vertreibung. Eine Reise der Autorin im Sommer 1971 in ihren Geburtsort wirkte als Impuls, „die Spuren des Vergangenen im Jetzt (...) mit archäologischer Präzision“ (3) zu erfassen. Nicht nur um der Aufarbeitung des individuell Erlebten willen, – „Sie hatten es tatsächlich total vergessen. Totaler Krieg. Totale Amnesie“ (4). Der 1976 erschienene Roman ist aber auch eine Geschichte vom Prozess des Erinnerns und Vergessens, und über das Schreiben, in seinem Bemühen um Wiederbringen der Vergangenheit, damit „das Unterste nach oben“ (5) gelangt. Wie in „Störfall“ (1987) – als die Nachricht von dem Reaktorunglück nahe Kiew sowie die Gehirnoperation des Bruders die Ich-Erzählerin animiert, sich ebenfalls auf die Suche nach dem „blinden Fleck“ (6) zu begeben – zieht sich die Frage „Wie funktioniert das Gedächtnis?“ leitmotivisch durch den Roman. Am Ende steht die Erkenntnis: „Es ist der Mensch, der sich erinnert – nicht das Gedächtnis“ (7).

Um „zu dem Tor, hinter dem die unerschöpflichen Bereiche des Unterbewussten verwahrt sind; (...) zu dem Depot des Verbotenen, von früh an Ausgesonderten, nicht Zugelassenen und Verdrängten“ (8) zu gelangen, bedarf es eines „Instrument(es), (...) scharf, genau, zupackend“ (9). Gleichsam der „geschickten, trainierten, geschulten (...) Hand“ des Operateurs, die „in den Eingeweiden wühlt, (...) nach einer wohlüberlegten Strategie (versucht) bis zur Wurzel des Übels (...) zum Eiterherd vorzudringen, um der Wahrheit des Körpers auf den Grund zu gehen, die der so lange verborgen hat“ (10). Jenes „Instrument“ benennt Christa Wolf in ihrem Essay „Lesen und Schreiben“ (1972): „Epische Prosa“ – „die es unternimmt, auf noch ungebahnten Wegen“ in die tiefsten inneren Regionen eines Menschen „einzudringen. In das innerste Innere (...), um seelische Kräfte freizusetzen“ (11).

„Eigentlich haben wir den gleichen Beruf“, lässt Wolf ihre Ich-Erzählerin aus „Leibhaftig“ (2006), ihres Zeichens Schriftstellerin, gegenüber der behandelnden Ärztin bekunden. „Sie spüren den Schmerz im Körper auf, ich anderswo.“ (12) Wie „ausgedehnt unsere Innenwelt ist, wenn (…) ein besonderer Schlüssel (…) sie uns erschließt“ (13) erfährt diese selbst, als sie vor dem Schauplatz der letzten Tage der DDR in ein Ostberliner Krankenhaus eingeliefert wird. Ihre lebensbedrohliche Erkrankung, Sepsis infolge verschleppter Blinddarmentzündung sowie den Zusammenbruch ihres Immunsystems, sinnbildliche Störung der über Jahre durch Zensur und Selbstzensur mühsam aufrechterhaltenen Balance zwischen Anpassung und Aufbegehren, skizziert Christa Wolf als einen Prozess langsamer, schmerzvoller Desillusionierung. In ihren Fieberfantasien steigt die Ich-Erzählerin hinab in die unterirdischen Labyrinthe ihrer Innenwelt, „dorthin, wo der glühende Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt“ (14). Auf ihren Irrfahrten stößt sie auf Personen, Ereignisse und Orte der unbewältigten Vergangenheit; wird sie konfrontiert mit eigenen Verwicklungen und Versäumnissen, ihrer Manipulierbarkeit durch den Machtapparat. Das Sich-Einlassen auf die initiierten Erinnerungen an Verdrängtes bedeutet „Leiden“ (15), wirkt zugleich aber wie eine „Entgiftung, eine Reinigung, ein Purgatorium“ (16).

Eine ähnliche Grenzerfahrung, nach der die ehemals vertraute Welt verändert wahrgenommen und die eigene Gespaltenheit infolge von Fremdregulierung erkannt wird, erlebt auch „Kassandra“ aus der gleichnamigen Erzählung von 1983. Konfrontiert mit der Vision vom Untergang Trojas und eines um ein Phantom geführten Krieges, verfällt sie dem Wahnsinn. Der Eintritt in diese, der Vernunft nicht zugängliche Welt, erscheint hier als Begleiterscheinung des Sehens, der Erkenntnis. Für die Priesterin und Königstochter bedarf es des Versinkens in sich selbst, um sich schmerzhaft ihrer Mitschuld bewusst zu werden: der Versuch, gleichzeitig in „Übereinstimmung mit den Herrschenden“ zu leben und ihre „Gier nach Erkenntnis“ (17) zu stillen. Die Rolle der ihr Privileg genießenden Prominenten, ambivalent im Umgang mit denen, „die die Stadt beherrschten“ (18), wird auch in „Was bleibt“ aufgedeckt. „Wir (…) traten immer gegen uns selber an, denn es log und katzbuckelte und geiferte und verleumdete aus uns heraus, und es gierte nach Unterwerfung und nach Genuss.“ (19). Die bereits 1979 entstandene, aber erst 1990 veröffentlichte Erzählung schildert einen Tag im Leben einer Schriftstellerin, in dessen wenig spektakulärem Ablauf die Observation durch die Staatssicherheit hineinwirkt. Eine Reihe früherer Auslassungen werden von der Ich-Erzählerin – erkennend, „dass es der Schmerz war, der mich umtrieb“ (20) – reaktiviert, in denen sie ein egoistisches Bedürfnis nach Passivität und Ignoranz entlarvt. „Nicht denken, (…). Nichts herausfinden, nichts wissen wollen.“ (21).

Zwischen Anpassung und Aufbegehren: Christa Wolf mit dem Regisseur Konrad Wolf (l.) und dem Schriftsteller Hermann Kant (r.) während eines Empfangs des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht im November 1965.
Zwischen Anpassung und Aufbegehren: Christa Wolf mit dem Regisseur Konrad Wolf (l.) und dem Schriftsteller Hermann Kant (r.) während eines Empfangs des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht im November 1965.

Der Autor tut sich selbst dazu

Sich „früherer Erfahrungen zu versichern“ (22) ist unabdingbare Voraussetzung, um die Zukunft zu bewältigen. Für Christa Wolf bedeutet daher „erzählen (...): wahrheitsgetreu zu erfinden auf Grund eigener Erfahrung“ (23); der Autor – „ein wichtiger Mensch“ (24) – avanciert zur vierten Dimension dieses Prozesses. Als „Ur-Erlebnis“ ihres poetologischen Konzeptes – „Subjektive Authentizität“ (25) – benennt sie die Lektüre der Novelle „Lenz“ (1839). Diese basiert zwar auf dem Krankenbericht des Pastor Oberlins; jedoch hat Georg Büchner „sich selbst dazugetan, seinen unlösbaren Lebenskonflikt, die eigene Gefährdung, die ihm wohlbewusst ist“ mithineingenommen. Ihm verdankt Wolf die Entdeckung, „dass der erzählerische Raum“ neben den „fiktiven Koordinaten der erfundenen Figuren“ eine „vierte, wirkliche des Erzählers“ hat, die „Koordinate der Tiefe, der Zeitgenossenschaft, des unvermeidlichen Engagements“ (26).

Erinnern und Erfinden

Erinnernd und erfindend ihrer verstorbenen Freundin „Christa T.“ nachdenken, diese noch einmal hervorbringen, damit sie sich zu erkennen gibt; das will auch die Ich-Erzählerin aus der unmittelbar nach dem 11. Plenum des Zentralkomitees 1965 entstandenen Erzählung, die geprägt ist von der beginnenden Entfremdung zwischen Staatsapparat und Kulturschaffenden. Darin beschreibt sie einen Menschen, der verzweifelt seinen Platz in der sozialistischen Gesellschaft sucht, dessen Konflikt zwischen utopischen Ansprüchen und Realität; und muss erkennen: „Ich stand auf einmal mir selbst gegenüber“ (27).

Der Wunsch nach „schonungslose(r) Selbsterkenntnis“ (28), die eigene Identität im Erzählen rückblickend neu zu konstituieren, treibt die Autorin auch 1992/93 in der „Stadt der Engel“ um. Ihre Reflexion über den Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung in dem 2010 erschienenen Roman, gewinnt vor dem Hintergrund der öffentlichen Debatte wegen zeitweiliger Stasi-Verstrickungen – „Wie hatte ich das vergessen können?“ (29) – an besonderer Brisanz. Der neunmonatige Aufenthalt in Kalifornien als Stipendiatin des Getty Research Institute bildet die narrative Kulisse. Ein letztes Mal setzt Christa Wolf sich ihr aus; der schmerzlichen, bohrenden Selbstbefragung, wissentlich, „der Spur der Schmerzen nachgehen, ungewappnet, das wäre (...) des Lebens wert“ (30).

Sandra Krämer M.A.

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0319

1.
Wolf C: Lesen und Schreiben (1972). In: Christa Wolf. Werke in 12 Bänden. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sonja Hilzinger. München 1999–2001 [im Folgenden: WA],
Bd. 4; 255.
2.
Wolf C: Gegen das Vergessen arbeiten (2000). In: WA, Bd. 12; 728.
3.
Wolf C: Kindheitsmuster (1976). (Nachwort). In: WA, Bd. 5; 599.
4.
Ebd.; 64. „Die sich später darauf beriefen, von KZs hätten sie nichts gewusst, hatten total vergessen, dass ihre Gründung als Nachricht in der Zeitung stand.“
5.
Ebd.; 250.
6.
Wolf C: Störfall. Nachrichten eines Tages (1987). In: WA, Bd. 9. Für die beobachtete eingeschränkte Selbstwahrnehmung von Individuen und Gesellschaft wird wiederholt in Wolfs Werk das Phänomen des „blinden Flecks” aus der Ophthalmologie metaphorisch verwendet. Die von Wolf angeregte forcierte Selbsterforschung wirkt der Einschränkung durch diesen entgegen. „Jeder Mensch erfährt – wenn er sich überhaupt erfährt –, dass er in jedem Stadium seines Lebens einen blinden Fleck hat. Etwas, was er nicht sieht. Das hängt mit seiner Wahrnehmungsfähigkeit, mit seiner Geschichte zusammen. Und so hat auch eine Gesellschaft oder eine Zivilisation einen blinden Fleck. Genau dieser Fleck bringt die Selbstzerstörung hervor. Ihn nicht nur zu umschreiben, sondern in ihn hineinzugehen, sozusagen in den Mittelpunkt des Hurricanes: das ist meiner Meinung nach Aufgabe der Literatur.“ (Wolf C: Ein Gespräch über Kassandra [1. Juni 1983]. In: WA, Bd. 8; 341.) „Im Gespräch mit Therese Hörnigk” benennt sie den „blinden Fleck” in der abendländischen Zivilisation als „den Grund für ihre Destruktivität, ihre Liebesunfähigkeit“, den die Literatur „nur in persönlichen Geschichten umkreisen (kann), mit denen der Autor, die Autorin, was für Personen er oder sie wählen mag, sehr nah an sich selbst, an sein Versagen, seine Schuld herangehen muss.“ (Wolf C: Unerledigte Widersprüche [Juni 1987/Oktober 1988]. In WA, Bd.12; 101).
7.
Wolf C: Kindheitsmuster; 177.
8.
Wolf C: Warum schreiben Sie? (1985). In: WA, Bd. 8; 434.
9.
Wolf C: Lesen und Schreiben; 268.
10.
Wolf C: Leibhaftig. Erzählung. München 2002; 138.
11.
Wolf C: Lesen und Schreiben; 268.
12.
Wolf C: Leibhaftig; 160.
13.
Ebd.; 24.
14.
Ebd.; 138.
15.
Ebd.; 73.
16.
Ebd.; 93.
17.
Wolf C: Kassandra (1983). In WA, Bd. 7; 298.
18.
Wolf C: Was bleibt (1990) In: WA, Bd. 10; 241. Die Metapher für DDR-Regierung und Mitarbeiter der Stasi wird wiederholt im Text verwendet.
19.
Ebd.; 239.
20.
Ebd.; 240.
21.
Ebd.; 263.
22.
Wolf C: Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann (1974). In: WA, Bd. 4; 412.
23.
Wolf C: Lesen und Schreiben; 258.
24.
Ebd.; 275.
25.
In den 1960er-Jahren dokumentierte Christa Wolf konträr zu den geltenden Regeln des sozialistischen Realismus ihr Verständnis von Literatur im Entwurf einer eigenen Poetik (in den 1970er-Jahren als „Subjektive Authentizität” untrennbar mit ihr verbunden in die Literaturgeschichte eingegangen), in der sie die „Erfahrung“ und das Individuum als zentrale Kategorien des zeitgenössischen Erzählens fokussierte. „Subjektive Authentizität“ ist Wolfs Methode, der dynamischen Realität und ihrer Bewältigung durch den Autor schreibend gerecht zu werden. Die hervorgehobene Rolle des Autors in dieser Konstellation führt zu einer Absage an die Theorie von der Widerspiegelung der Realität in der Literatur, stattdessen geht es um die Wiedergabe der Erfahrung der Wirklichkeit. Um diese authentisch wiederzugeben, bedarf es vom Autor der Aufgabe des „strenge(n) Nebeneinander von Leben, Überwinden und Schreiben und, um der inneren Authentizität willen, die er anstrebt“, des „zu(r) Sprache bringen (…) des Denk- und Lebensprozess(es), in dem er steht“. (Wolf C: Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann [1974]. In: WA, Bd. 4; 407).
26.
Wolf C: Lesen und Schreiben; 265. „Das ist mein Ur-Erlebnis in der deutschen Literatur. Bei mir setzt die deutsche Prosa mit Büchners Lenz-Novelle ein. Das ist absolut mein Ideal von Prosa.“ (Wolf C: Unruhe und Betroffenheit. Gespräch mit Joachim Walther [1972]. In: WA, Bd. 4; 361).
27.
Wolf C: Selbstinterview. In: WA, Bd. 4; 140. Wolf C: Nachdenken über Christa T. (1968). In: WA, Bd. 2.
28.
Wolf C: Stadt der Engel oder The overcoat of Dr. Freud. Berlin 2010; 99.
29.
Ebd.; 195.
30.
Wolf C: Leibhaftig; 184. Anz T: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart 1989 / Firsching A: Kontinuität und Wandel im Werk von Christa Wolf. Würzburg 1996 / Gansel C (Hg.): Christa Wolf – Im Strom der Erinnerung. Göttingen 2014 / Hilmes C (Hg.): Christa Wolf. Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2016 / Hilzinger S: Christa Wolf. Frankfurt a. M. 2007 / Hörnigk T: Christa Wolf. Göttingen 1989 / Magenau J: Christa Wolf. Eine Biografie. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Reinbek 2013 / Sauer K (Hg.): Christa Wolf. Materialienbuch. Darmstadt u. a. 1987 / Schulz GM: Christa Wolf. Marburg 2016 / Stephan A: Christa Wolf. München 1991.
1. Wolf C: Lesen und Schreiben (1972). In: Christa Wolf. Werke in 12 Bänden. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Sonja Hilzinger. München 1999–2001 [im Folgenden: WA],
Bd. 4; 255.
2. Wolf C: Gegen das Vergessen arbeiten (2000). In: WA, Bd. 12; 728.
3. Wolf C: Kindheitsmuster (1976). (Nachwort). In: WA, Bd. 5; 599.
4. Ebd.; 64. „Die sich später darauf beriefen, von KZs hätten sie nichts gewusst, hatten total vergessen, dass ihre Gründung als Nachricht in der Zeitung stand.“
5. Ebd.; 250.
6. Wolf C: Störfall. Nachrichten eines Tages (1987). In: WA, Bd. 9. Für die beobachtete eingeschränkte Selbstwahrnehmung von Individuen und Gesellschaft wird wiederholt in Wolfs Werk das Phänomen des „blinden Flecks” aus der Ophthalmologie metaphorisch verwendet. Die von Wolf angeregte forcierte Selbsterforschung wirkt der Einschränkung durch diesen entgegen. „Jeder Mensch erfährt – wenn er sich überhaupt erfährt –, dass er in jedem Stadium seines Lebens einen blinden Fleck hat. Etwas, was er nicht sieht. Das hängt mit seiner Wahrnehmungsfähigkeit, mit seiner Geschichte zusammen. Und so hat auch eine Gesellschaft oder eine Zivilisation einen blinden Fleck. Genau dieser Fleck bringt die Selbstzerstörung hervor. Ihn nicht nur zu umschreiben, sondern in ihn hineinzugehen, sozusagen in den Mittelpunkt des Hurricanes: das ist meiner Meinung nach Aufgabe der Literatur.“ (Wolf C: Ein Gespräch über Kassandra [1. Juni 1983]. In: WA, Bd. 8; 341.) „Im Gespräch mit Therese Hörnigk” benennt sie den „blinden Fleck” in der abendländischen Zivilisation als „den Grund für ihre Destruktivität, ihre Liebesunfähigkeit“, den die Literatur „nur in persönlichen Geschichten umkreisen (kann), mit denen der Autor, die Autorin, was für Personen er oder sie wählen mag, sehr nah an sich selbst, an sein Versagen, seine Schuld herangehen muss.“ (Wolf C: Unerledigte Widersprüche [Juni 1987/Oktober 1988]. In WA, Bd.12; 101).
7. Wolf C: Kindheitsmuster; 177.
8. Wolf C: Warum schreiben Sie? (1985). In: WA, Bd. 8; 434.
9. Wolf C: Lesen und Schreiben; 268.
10. Wolf C: Leibhaftig. Erzählung. München 2002; 138.
11. Wolf C: Lesen und Schreiben; 268.
12. Wolf C: Leibhaftig; 160.
13. Ebd.; 24.
14. Ebd.; 138.
15. Ebd.; 73.
16. Ebd.; 93.
17. Wolf C: Kassandra (1983). In WA, Bd. 7; 298.
18. Wolf C: Was bleibt (1990) In: WA, Bd. 10; 241. Die Metapher für DDR-Regierung und Mitarbeiter der Stasi wird wiederholt im Text verwendet.
19. Ebd.; 239.
20. Ebd.; 240.
21. Ebd.; 263.
22. Wolf C: Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann (1974). In: WA, Bd. 4; 412.
23. Wolf C: Lesen und Schreiben; 258.
24. Ebd.; 275.
25. In den 1960er-Jahren dokumentierte Christa Wolf konträr zu den geltenden Regeln des sozialistischen Realismus ihr Verständnis von Literatur im Entwurf einer eigenen Poetik (in den 1970er-Jahren als „Subjektive Authentizität” untrennbar mit ihr verbunden in die Literaturgeschichte eingegangen), in der sie die „Erfahrung“ und das Individuum als zentrale Kategorien des zeitgenössischen Erzählens fokussierte. „Subjektive Authentizität“ ist Wolfs Methode, der dynamischen Realität und ihrer Bewältigung durch den Autor schreibend gerecht zu werden. Die hervorgehobene Rolle des Autors in dieser Konstellation führt zu einer Absage an die Theorie von der Widerspiegelung der Realität in der Literatur, stattdessen geht es um die Wiedergabe der Erfahrung der Wirklichkeit. Um diese authentisch wiederzugeben, bedarf es vom Autor der Aufgabe des „strenge(n) Nebeneinander von Leben, Überwinden und Schreiben und, um der inneren Authentizität willen, die er anstrebt“, des „zu(r) Sprache bringen (…) des Denk- und Lebensprozess(es), in dem er steht“. (Wolf C: Subjektive Authentizität. Gespräch mit Hans Kaufmann [1974]. In: WA, Bd. 4; 407).
26. Wolf C: Lesen und Schreiben; 265. „Das ist mein Ur-Erlebnis in der deutschen Literatur. Bei mir setzt die deutsche Prosa mit Büchners Lenz-Novelle ein. Das ist absolut mein Ideal von Prosa.“ (Wolf C: Unruhe und Betroffenheit. Gespräch mit Joachim Walther [1972]. In: WA, Bd. 4; 361).
27. Wolf C: Selbstinterview. In: WA, Bd. 4; 140. Wolf C: Nachdenken über Christa T. (1968). In: WA, Bd. 2.
28. Wolf C: Stadt der Engel oder The overcoat of Dr. Freud. Berlin 2010; 99.
29. Ebd.; 195.
30. Wolf C: Leibhaftig; 184. Anz T: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. Stuttgart 1989 / Firsching A: Kontinuität und Wandel im Werk von Christa Wolf. Würzburg 1996 / Gansel C (Hg.): Christa Wolf – Im Strom der Erinnerung. Göttingen 2014 / Hilmes C (Hg.): Christa Wolf. Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2016 / Hilzinger S: Christa Wolf. Frankfurt a. M. 2007 / Hörnigk T: Christa Wolf. Göttingen 1989 / Magenau J: Christa Wolf. Eine Biografie. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Reinbek 2013 / Sauer K (Hg.): Christa Wolf. Materialienbuch. Darmstadt u. a. 1987 / Schulz GM: Christa Wolf. Marburg 2016 / Stephan A: Christa Wolf. München 1991.

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