ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2019Krankenhäuser: Mehr als nur eine „schwarze Null“
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Mansky befürwortet eine Schließung von kleinen, nicht spezialisierten Krankenhäusern in Ballungsregionen. Es könnten 60 000 Betten abgebaut werden, meinte er.

Ein Gesundheitsökonom, der seit über 25 Jahren nicht mehr an einem Krankenbett stand.

Man kann das Gesundheitswesen anhand von Zahlen und Fakten bewerten oder anhand von Realerlebnissen. Dass Patienten mit Herzinfarkt in Praxen oder Kliniken mit Labors für Linksherzkatheter gehören ist sicher richtig. Dass 60 000 Krankenhausbetten abgebaut werden können, mag auch wirtschaftlich stimmen. Wir alle aber sollten uns langsam überlegen, wie viel uns die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Patienten und Mitbürger wert ist und jeder sollte sich diese Frage zur Wertigkeit der eigenen Gesundheit auch selbst stellen.

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Es werden gynäkologische Abteilungen geschlossen, weil 500 Geburten pro Jahr wirtschaftlich unrentabel sind.

Meine Erfahrungen als selbstständiger Allgemeinmediziner mit über 30 Jahren Berufserfahrung und nachweislich über 20 000 Patientenkontakten lassen mich die Situation des Gesundheitssystems aus einer anderen Perspektive erleben. Diese bildet sich aus mehr heraus, als nur aus wirtschaftlichen Zahlen und Ziffern. Sie spiegelt die Realität wider und lässt mich über die Jahre zunehmend ernüchtern. Ärztemangel und Personalmangel stehen hier im Vordergrund.

Muss man als Arzt seinen Patienten im Notdienst einweisen, sind häufig zahlreiche Anrufe bei mehreren Kliniken notwendig, bis man schließlich ein freies Bett findet. Der Bettenmangel betrifft auch Krebspatienten. Sie bekommen erst Tage später einen stationären Termin zur weiteren Diagnostik und Therapie und müssen am Aufnahmetag häufig stundenlang auf ein freies Bett warten.

Um Platz zu schaffen, werden Patienten zu früh entlassen. Krankenpfleger/-innen in den Seniorenzentren oder Sozialstationen sind mit den multimorbiden Patienten überfordert. Oft wären in vielen Fällen aus medizinischer Sicht noch tägliche Visiten notwendig. Aus Gründen des Zeit- und Ärztemangels können diese jedoch nicht realisiert werden.

Auch Patienten gehören mit ins Boot genommen und zu mehr Eigenverantwortung erzogen.

Die Nullkostenpolitik schlägt sich in völlig überlaufenen Notfallambulanzen nieder, die sich aufgrund zahlreicher Bagatellgeschichten nicht um die wirklich ernsten Fälle kümmern können.

Nackte Zahlen, Datenschutz, Qualitätskontrollen und theoretische Fakten sind nur eine Seite der Medaille. Halbnackte Patienten auf den Gängen, lange Wartezeiten, verzögerte Therapien und Qualitätsverlust sind die Realität.

Es existieren Milliarden an Überschüssen bei den Krankenkassen und an Einnahmen von Bund, Ländern und Kommunen. Hier sollte für die Pflege und Gesundheit der eigenen Bevölkerung doch eigentlich mehr vorhanden sein. Gesund­heits­förder­ung bedeutet mehr als die schwarze Null.

Dr. med. Roland Schenzle, 89584 Ehingen/Do.

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