ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2019Versorgung von Intensivpatienten: Ulkus-Prophylaxe bei mehreren Risikofaktoren oder langer Liegezeit sinnvoll

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Versorgung von Intensivpatienten: Ulkus-Prophylaxe bei mehreren Risikofaktoren oder langer Liegezeit sinnvoll

Dtsch Arztebl 2019; 116(10): A-480 / B-390 / C-386

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: picture alliance
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Stressulzera sind Läsionen der Schleimhaut im oberen Gastrointestinaltrakt, die bei Intensivpatienten häufiger auftreten, vor allem bei Verbrennungen und Poly- oder Schädel-Hirn-Traumata. Kommt es zu Blutungen, erhöht sich die Mortalität deutlich. Ob die Prophylaxe mit Magensäurehemmern generell zu empfehlen ist, war Fragestellung einer prospektiv randomisierten placebokontrollierten Studie an 33 europäischen Zentren (1).

Teilnehmer waren 3 298 erwachsene Patienten mit intensivmedizinischer Akutversorgung und mindestens einem Risikofaktor für klinisch relevante gastrointestinale Blutungen wie septischer Schock, Therapie mit Antikoagulantien, Dialyse, Lebererkrankung oder künstliche Beatmung. Eine Gruppe erhielt Placebo (n = 1 695) und eine zweite Gruppe eine Pantoprazoltherapie (n = 1 653). Primärer Endpunkt war die Sterblichkeit 90 Tage nach stationärer Aufnahme.

Von 3 282 Patienten waren Daten für den primären Endpunkt auswertbar. Nach 90 Tagen waren 510 Patienten (31,1 %) in der Pantoprazolgruppe gestorben und 499 (30,4 %) im Placeboarm. Damit lag das relative Risiko, im 90-Tage-Zeitraum zu versterben, in der Pantoprazol-Gruppe bei 1,02 (p = 0,76). Dies war kein statistischer Unterschied zwischen den Studienarmen.

In der Pantoprazolgruppe hatten 2,5 % gastrointestinale Blutungen und im Placeboarm 4,2 %. Aus diesem Unterschied ergaben sich allerdings keine weiteren bedeutenden klinischen Komplikationen. So war zum Beispiel weder das Risiko für Lungenentzündungen, noch für myokardiale Ischämie oder Clostridium-Infektionen erhöht.

Fazit: „Die Studie hatte nicht die Power um zu zeigen, dass die Gabe von Pantoprazol das Risiko für gastrointestinale Blutungen bei Risikopatienten senkt und zu einer Reduktion der Mortalität führte“, kommentiert Prof. Dr. med. Dr. Hagen Huttner, Universitätsklinikum Erlangen (2). „Aus den Ergebnissen lassen sich keine allgemeinen Empfehlungen ableiten. Die Ulkus-Prophylaxe scheint dann sinnvoll zu sein, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen oder bei kritisch kranken Patienten, die über Wochen oder Monate auf der Intensivstation behandelt werden müssen.“ Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Krag M, Marker S, Perner A, et al.: Pantoprazole in patients at risk for gastrointestinal bleeding in the ICU. N Engl J Med 2018; 379: 2199–208.
  2. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

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Köhlix
am Donnerstag, 14. März 2019, 08:52

Wie soll man wissenschaftliche Studien lesen?

Die randomisierte, verblindete 2-armige Studie aus dem NEJM 2018 zeigt bei 3282 Pat., dass die prophylaktische PPI-Medikation keinen Einfluss auf die Sterblichkeit intensivmedizinischer Patienten hat.(90-Tage-Letalität im Therapiearm 31,1 % versus 30,4 % im Plazeboarm). Die Anmerkung der Autorin Siegmund-Schulze, dass kein statistischer Unterschied bestünde, ist auch für statistischen Laien nachvollziehbar. Bezogen auf den primären Studienendpunkt(90-Tage Sterblichkeit) handelt es sich also um eine eindeutig negative Studie. Wie man hieraus die Artikelüberschrift "Ulkusprophylaxe bei mehreren Risikofaktoren oder langer Liegezeit sinnvoll" generieren kann bleibt unverständlich. Das zitierte Fazit, "die Studie hatte nicht die Power um zu zeigen, dass die Gabe von Pantoprazol......zu einer Senkung der Mortalität führte" erweckt den Eindruck, als sei die Studie selbst an ihrem Ergebnis schuld. Ich bin froh, dass auch negative Studien publiziert werden - sie sollten dann allerdings auch in diesem Sinne interpretiert werden.