ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2019Sexualmedizin: Raus aus der Tabuzone

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Sexualmedizin: Raus aus der Tabuzone

Dtsch Arztebl 2019; 116(10): A-490 / B-398 / C-394

Spielberg, Petra

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Das Thema Sexualität spielt in der Aus-, Weiter- und Fortbildung sowie im Arzt-Patienten-Gespräch eine untergeordnete Rolle. Dies sollte sich nach Meinung von Fachleuten ändern, da sexuelle Funktionsstörungen oft in einem engen Kausalzusammenhang mit Alter und Erkrankungen stehen.

Foto: Shutter2U/stock.adobe.com
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Sind Sie zufrieden mit Ihrem Sexualleben oder wollen Sie, dass sich etwas ändert?“ Diese Frage sollte integraler Bestandteil einer Anamnese, eines Vorsorge-Checks oder einer Nachsorge sein. Doch die Realität sieht anders aus. In aller Regel scheuen Ärzte, das Thema Sexualität bei ihren Patientinnen und Patienten anzusprechen. So gaben nur ein Viertel der im Rahmen einer Studie im Jahr 2010 befragten Hausärztinnen und Hausärzte an, im Gespräch mit ihren Patienten deren Sexualität zu thematisieren. Wesentliche Gründe waren Unsicherheit sowie die Vermutung, dass den Patienten das Thema unangenehm sein könne.

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„Dabei besteht über alle Fachgebiete hinweg ein riesiger Bedarf an sexualmedizinischer Kompetenz“, sagt Dr. med. Viola Kürbitz, Fachärztin für Urologie und Sexualmedizin in Westerstede. Dies gelte nicht nur für Spezialisierungen wie die Gynäkologie, Urologie, Innere Medizin, Onkologie oder Palliativmedizin, sondern auch für den hausärztlichen Bereich.

Die Frage nach sexuellen Störungen oder Erkrankungen sei nämlich häufig elementar für weitere diagnostische Schritte, betont Kürbitz. Erektionsstörungen zum Beispiel machten sich oft rund zweieinhalb Jahre vor einem Herzinfarkt bemerkbar und seien somit ein Indikator für eine drohende koronare Herzerkrankung. „Auch ein Diabetes oder ein anderer Verursacher neuraler Störungen lässt sich mitunter durch ein behutsames Hinterfragen des Sexuallebens vorzeitig aufdecken“, erklärt die Urologin.

Co-Faktoren sexueller Probleme

Die zunehmende Zahl „junger Alter“ mache es ebenfalls erforderlich, sich als Arzt intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Denn Intimität und Sexualität seien für Menschen jeden Alters wichtig und könnten zudem maßgeblich zur Genesung beitragen.

Auch die Frauenärztin Dr. med. Anneliese Schwenkhagen aus Hamburg wünscht sich, dass Ärzte offener mit ihren Patienten über Sex sprechen würden. „Sexualität und der Gesundheitszustand eines Menschen hängen kausal zusammen“, sagt Schwenkhagen. Neben chronischen Erkrankungen als typischer Co-Faktor für sexuelle Probleme träfe dies auf schwere Erkrankungen wie Krebs natürlich ebenso zu wie auf Schmerzerkrankungen oder den Zustand beispielsweise nach einer Hüftoperation. All diese Erkrankungen führten bei vielen Patienten zu sexuellen Problemen – allein schon aufgrund von Selbstzweifeln oder der Angst, nicht mehr attraktiv zu sein oder zu versagen.

Ein erster wichtiger Schritt, um das Thema aus der Tabuzone zu holen, sei es, sich bewusst zu machen, dass es Aufgabe des Arztes ist, sich gemeinsam mit den Betroffenen damit auseinanderzusetzen.

„Wir Ärzte dürfen nicht darauf warten, dass der Patient die Initiative ergreift“, fordert Schwenkhagen. Denn Untersuchungen belegten, dass die meisten Patienten erwarten, dass der Arzt das Gespräch eröffnet beziehungsweise ihnen regelmäßig Fragen nach ihrer Sexualität stellt.

Oft reiche es nach einer initialen Frage aus, erst einmal zuzuhören und abzuwarten, um eine Idee davon zu bekommen, wo beim Patienten eventuell der Schuh drückt, weiß die Gynäkologin aus Erfahrung. Auf jeden Fall sollte der Arzt oder die Ärztin nicht vorschnell zum Rezeptblock greifen.

An Ressourcen orientieren

Entscheidend könne es im ärztlichen Beratungsgespräch auch sein, den Fokus vom „Defizit auf die Ressource“ zu verschieben, so Schwenkhagen, „das heißt, weg von dem Gedanken ,ich will, dass es wieder so wird wie früher‘ hin zu ,mal gucken, was in meiner Situation noch möglich ist‘.“

Zu einer umfassenderen Sexual-anamnese gehören neben allgemeinen Fragen wie „Ist Sexualität ein Thema für Sie?“ oder „Empfinden Sie in Bezug auf Ihr Sexualleben Leidensdruck?“ nach Aussagen von Schwenkhagen und Kürbitz schließlich auch störungsspezifische Fragen, zum Beispiel nach Erektionsstörungen, einem vorzeitigen Samenerguss, Libidoverlust, Scheidentrockenheit sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Darüber hinaus sollten Ärzte berücksichtigen, ob der Patient ein Medikament nimmt, das sexuelle Probleme auslösen kann, beispielsweise Antidepressiva oder blutdrucksenkende Mittel.

Nicht zu vernachlässigen sei auch die Vermittlung von sexual-edukativem Wissen, um medial vermittelte Zerrbilder von vermeintlich gutem Sex oder dem, was unter Potenz oder Orgasmusfähigkeit zu verstehen ist, zu entzaubern, betont Kürbitz. Und ganz wichtig sei es, die Partnerin oder den Partner nicht zu vergessen und gegebenenfalls in ein Gespräch einzubeziehen.

Eine sachliche Wortwahl und Ausdrucksweise seien grundsätzlich hilfreich. „Jeder Arzt sollte aber authentisch über Sexualität sprechen und dem Patienten vermitteln, dass dieses Thema für ihn wichtig ist“, so die Urologin.

„In aller Regel ist es gar nicht so schwierig, mit den Patienten über ihre Sexualität zu reden“, so Schwenkhagen. Dennoch wäre es aus ihrer Sicht wünschenswert, wenn dem Thema sowohl im Rahmen des Medizinstudiums als auch in der Weiter- und Fortbildung künftig mehr Bedeutung beigemessen würde.

Zu den Vorreitern auf diesem Gebiet zählt die Charité. Hier ist das Thema Sexualmedizin und die Vermittlung eines strukturierten kommunikativen Vorgehens in der Sexualanamnese (KIT) inzwischen integraler Bestandteil des Medizinstudiums. Die Studierenden lernen dabei mittels Übungen, Rollenspielen und Simulationsgesprächen in nicht wertender Weise mit Patienten über deren Sexualität zu sprechen.

„Generell sollte dem Patienten erläutert werden, warum dieses Thema besprochen werden soll“, erläutert Dr. rer. medic. Rolf Kienle, Verantwortlicher im Prodekanat Studium und Lehre für die KIT-Ausbildung der Medizinstudierenden. Auch könne es hilfreich sein, wenn der Arzt erwähnt, dass er der Schweigepflicht unterliegt. Bereits tätigen Ärztinnen und Ärzten empfiehlt Kienle zudem, ihre sexualmedizinische Expertise in Fortbildungen oder im Rahmen von Balintgruppen aufzufrischen oder zu erweitern.

Kurse in Sexualmedizin

So bieten beispielsweise die Berufsverbände der Frauenärzte sowie der Urologen regelmäßig von den Lan­des­ärz­te­kam­mern zertifizierte Basiskurse in Sexualmedizin an, in denen sowohl Wissenslücken als auch Gesprächshemmnisse beseitigt werden sollen (siehe Kasten).

Im vergangenen Jahr hat das Thema zudem Eingang in die Musterweiterbildungsordnung in Form der Zusatzweiterbildung „Sexualmedizin“ gefunden. Zu den Mindestanforderungen für den Erwerb der Zusatzbezeichnung gehören neben 80 Stunden Kurs-Weiterbildung (WB) in Psychosomatischer Grundversorgung oder der Zusatz-WB in Psychotherapie und Psychoanalyse, 120 Stunden Kurs-WB in Sexualmedizin sowie 120 Stunden Fallseminare unter Supervision. Petra Spielberg

Zielsetzung des Faches

Die Sexualmedizin ist ein interdisziplinäres Fach, das klinische und ambulante Medizin mit Psychotherapie, Sozialpsychologie und Ethik verbindet. Sexualität ist mehrdimensional und multifunktinal. Neben der Lust- und der Fortpflanzungsdimension gibt es die Beziehungsdimension, also die Befriedigung psychosozialer Grundbedürfnisse wie Akzeptanz, Nähe, Sicherheit und Geborgenheit durch sexuelle Kommunikation in Beziehungen. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit betrachtet die Sexualmedizin systematisch die Paar- und Beziehungsaspekte sexueller Störungen. Eine Behandlung versucht immer, die Partnerin oder den Partner mit einzubeziehen. Wichtig für die behandelnde Person sind eine positive Grundeinstellung zu Sexualität und sexueller Gesundheit, umfassende Kenntnisse über die Vielfalt sexueller Phänomene sowie ein Bezug zu und die Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Darüber hinaus sollten Ärztinnen und Ärzte frei und akzeptierend über Sexualität sprechen können und bereit sein, sich weg von einer individuumszentrierten Sichtweise auf das Paar als Patienten einzulassen.

Basiskurse in Sexualmedizin bieten unter anderem mehrere Landesverbände der Frauenärztlichen BundesAkademie (FBA), eine Tochter des Berufsverbandes der Frauenärzte, an. Sie richten sich speziell an Frauenärztinnen und Frauenärzte. Informationen erhalten Interessierte per E-Mail an fba@fba.de oder über die Webseite des Verbandes.

www.fba.de

Auch die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung bietet sexualmedizinische Fort- und Weiterbildungen.

http://daebl.de/SQ57

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