ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2019Beckenbodenschäden: Nicht verunsichern
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Die vaginale Geburt ist ein physiologischer Vorgang, der primär keine Interventionen und somit einer speziellen Aufklärung bedarf. Ärztliche Aufgabe ist es, Risiken zu diagnostizieren und hieraus gegebenenfalls Interventionen vorzuschlagen. Diese müssen das gesundheitliche Wohl von Mutter und Kind berücksichtigen und die Vor- sowie Nachteile einer Intervention für die Gesundheit beider abwägen. Jede Intervention bedarf der Zustimmung der Frauen nach Aufklärung.

Kean und Mitautoren haben in ihrer Metaanalyse mit fast 30 Millionen Geburten die Langzeiteffekte der Sectio caesarea analysiert. Aus dieser wird erkenntlich, dass tatsächlich weniger Beckenbodenschäden und Inkontinenz in der Sectiogruppe auftraten, allerdings negative Folgen für die mütterliche und kindliche Gesundheit in weit höherem Maße auftraten. Die Sectio caesarea wurde daher nicht zur Vermeidung eines Beckenbodenschadens von den Autoren empfohlen.

Die wissenschaftliche Diskussion um die Ursache eines möglichen Beckenbodenschadens ist nicht abgeschlossen. Viele Studien weisen darauf hin, dass die Schwangerschaft und das Vorhandensein von Risikofaktoren wie Übergewichtigkeit, großes Kind, Diabetes mellitus, Rauchen und eine entsprechende Eigen- sowie Familienanamnese einen stärkeren Einfluss auf die Entstehung einer späteren Inkontinenz- bzw. eines Beckenbodenschadens haben als der Geburtsmodus.

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Beim Vorliegen eines oder mehrerer Risikofaktoren kann zur Darstellung für das Risiko eines Beckenbodenschadens ein Internetrechner wie Ur-Choice hilfreich sein. Aus diesem ist in den meisten Fällen ersichtlich, dass der Geburtsmodus keinen wesentlichen Einfluss bei der Entstehung einer Inkontinenz hat.

Vaginal-operative Geburtsbeendigungen obliegen selbstverständlich ebenfalls einer Indikation, die auf einer Gefährdung der mütterlichen oder kindlichen Gesundheit resultieren. Bei der Entscheidung, ob ein operativer Eingriff abdominal (Sectio caesarea) oder vaginal durch Saugglocke oder Zange zu erfolgen hat, ist vom Zeitpunkt der notwendigen Indikation abhängig.

Zusammenfassend ist festzustellen: Eine Risikoaufklärung aller Frauen vor der vaginalen Geburt hinsichtlich einer möglichen Gefährdung des Beckenbodens entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft und würde nur zur weiteren Verunsicherung von Frauen beitragen.

Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn, 12101 Berlin

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